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KommentarPutin verzerrt das Weltkriegsgedenken ins Irrationale

Spätestens unter Putin ist die Gedenkfeier zum Ende der Nazi-Herrschaft zur Propagandaschau degeneriert. Nun ist es der Ukrainekrieg, der die Anmaßungen Moskaus entlarvt.Mathias Brüggmann 09.05.2022 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Der „Tag des Sieges“ entwickelte sich zum „Tag des Krieges“.

Foto: dpa

Wenn sich an diesem Montag das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt, dann ist dies in Ost und West Grund genug, an die Kriegsverbrechen des Nazi-Regimes zu erinnern. Doch während in Deutschland und inzwischen auch in den Ländern des früheren Warschauer Pakts aller Toten dieses größten Menschheitsverbrechens der Geschichte gedacht wird, deutet Russland dieses historische Datum in eine andere, gezieltere Richtung.

Dort konzentriert man sich ehrfürchtig auf den „Großen Vaterländischen Krieg“, einen Krieg, der mit Hitlers Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 begann und mit dem sowjetischen Sieg endete. Der Hitler-Stalin-Pakt, die Aufteilung Polens und des Baltikums durch diese beiden Diktatoren, wird dabei unterschlagen. Der deutsche Einmarsch am 1. September 1939 in Polen ebenso.

Und während Russland den sowjetischen Sieg für sich reklamiert, verschweigt es, dass es die USA waren, die die Sowjetunion in ihrem Kampf gegen Hitler unterstützt hatten – mit schweren Waffen, wie man heute sagen würde. Und es verschweigt, dass nicht nur Russen einen grausamen Blutzoll leisteten: Millionen Menschen aus der Ukraine und Weißrussland, aus Moldau und Usbekistan wurden zu Opfern der deutschen Wehrmacht. Tatsächlich ließ sich der Westen von diesem Narrativ in die Irre leiten, sodass daraus eine lange anhaltende Gefühlsduselei gegenüber Russland entstand.

Seit Wladimir Putin im Kreml herrscht, wird der 9. Mai mit immer pompöseren Paraden auf dem Roten Platz gefeiert. Der „Tag des Sieges“ entwickelte sich zum „Tag des Krieges“, zur donnernden Waffenschau. Wie bescheiden waren da noch die Anfänge dieses Gedenktages.

Zwischen 1947 und 1965 war der 9. Mai nicht einmal arbeitsfrei. Angesichts des Elends, das der Krieg über Russlands Bevölkerung gebracht hatte, war niemandem nach Jubelstimmung und Feiertags-Tamtam zumute.

Noch nie war der Gedenktag seinen historischen Wurzeln so fern wie in diesem Jahr. Putin verzerrt den Krieg gegen die Ukraine in seiner Propaganda komplett ins Irrationale, behauptet, er sei die Fortsetzung des angeblich 1945 nicht abgeschlossenen Kampfes gegen den Faschismus.

Es werden falsche Rückschlüsse gezogen

Während in Moskau die Ketten von Panzern klirren, tief fliegende Kampfjets über den Roten Platz dröhnen, herrschen in der Ukraine und anderen früheren Vasallenstaaten Moskaus leise Töne: Dort geht es darum, der Toten zu gedenken, es geht um die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, es geht um die Erschütterungen des neuen Krieges. Und es geht darum, den Blick nach vorn zu richten.

Westlich von Russland ist der Tenor nicht waffenstarrend, sondern nachdenklich, beseelt von der Losung des „Nie wieder“, von der Lehre des Krieges, die da lautet: Nur ein gemeinsames Europa kann die Wiederkehr des Wahnsinns verhindern.

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Vielen wird nun klar, warum in Polen, Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, im Osten Deutschlands und anderswo der 8. oder 9. Mai in den vergangenen Jahrzehnten nicht wie vom Kreml verordnet als „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde. Historisch betrachtet gab es keinen Grund zum Jubeln – dem Hitler-Wahn folgte dort die Stalin-Diktatur.

Es ist Zeit, die Geschichte zu verstehen, denn ihr langer Schatten legt sich erneut über Europa.

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