Leserdebatte: Sollte das Homeoffice bleiben?
Seit dem Beginn der Coronapandemie arbeiten mehr Menschen im Homeoffice.
Foto: dpaDüsseldorf. Immer mehr Coronaregeln fallen weg. Was die Arbeit in Büros anbelangt, scheint ein Trend aus der Pandemie allerdings zu bleiben: das Homeoffice. Das geht sogar so weit, dass Unternehmen wegen der vermehrten Heimarbeit Büroflächen abbauen, wie eine Umfrage des Handelsblatts unter den 40 Dax-Konzernen und zehn großen Familienunternehmen zeigt.
Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, ob es sinnvoll ist, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen noch immer einige Tage vom Homeoffice aus arbeiten und wie sich ihr Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren verändert hat. Der Großteil spricht sich dabei sehr stark für das Homeoffice aus. „Die Pandemie hat sehr deutlich gezeigt, dass mobiles Arbeiten sogar oft die Produktivität steigert und gleichzeitig das Privatleben um ein Vielfaches einfacher macht“, schreibt etwa ein Leser.
Eine andere Leserin meint sogar, dass wir bereits jenseits der Frage seien, ob Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen weiterhin von zu Hause aus arbeiten dürfen. Für sie geht es eher darum, wie sich die Mitarbeiter weiterhin mit dem Unternehmen und Team verbunden fühlen. Ein Homeoffice-Angebot sei aus Sicht eines anderen Lesers für Arbeitgeber mittlerweile unabdingbar.
Genau dies berichtet uns ein Gründer eines Softwareunternehmens im E-Learning-Bereich. Dessen Team „wollte gern flexibel bleiben und hatte auf eine ursprünglich vorgeschlagene Regelung mit drei festen Bürotagen ablehnend reagiert“, berichtet er. Daher dürfen nun alle Mitarbeiter bis zu vier Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten.
Gänzlich abschaffen will das Büro aber kaum jemand. „Viele Tätigkeiten brauchen kein Büro, viele Menschen hin und wieder jedoch schon“, findet beispielsweise ein Leser. Für ihn sei das Büro ein Ort zum Treffen, Netzwerken und Zusammenarbeiten. Gerade die Begegnungen mit Chefs, Kollegen, Mandanten und Kunden streichen einige hervor.
Aus den Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir eine Auswahl für Sie zusammengestellt.
Kommt bald die Verlagerung in die Cloud?
„Die Pandemie hat sehr deutlich gezeigt, dass mobiles Arbeiten sogar oft die Produktivität steigert und gleichzeitig das Privatleben um ein Vielfaches einfacher macht.
Mit der Abmietung von Büros ließe sich viel Geld einsparen und durch eine Dezentralisierung dieser sogar noch die Flexibilität steigern.
Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass dies den Anfang einer Verlagerung der Arbeit in die Cloud darstellt und einige Firmen bald nur noch virtuell ohne richtigen Hauptsitz existieren werden: Work as a Service.“
Nico A. Ecke
Das Team wollte gern flexibel bleiben
„Ich bin Gründer eines Softwareunternehmens im E-Learning-Bereich mit elf Mitarbeitern (Altersdurchschnitt 36 Jahre). Seit dem 1.1.2023 haben wir eine neue Regel eingeführt (zunächst für ein halbes Jahr), die es allen Mitarbeitern erlaubt, bis zu vier Tage im Homeoffice zu arbeiten – lediglich mittwochs müssen alle im Büro sein. Das Team wollte gern flexibel bleiben und hatte auf eine ursprünglich vorgeschlagene Regelung mit drei festen Bürotagen ablehnend reagiert.
Die Performance und die Stimmung sind bislang super und alle sind zufrieden, auch weil wir volldigitale Arbeitsprozesse ohne Papier haben. Die kommende Pflicht zur Arbeitszeiterfassung passt uns allen gar nicht und erhöht für uns nur den Administrationsaufwand.“
Björn Carstensen
Die Wahrheit liegt in der Mitte
„Aus meiner Sicht liegt die Wahrheit bezüglich des Homeoffice-Anteils wie immer in der Mitte.
Zum einen ermöglicht eine ausgeglichene Homeoffice-Regelung eine verbesserte Work-Life-Balance, beispielsweise durch Entfall von Fahrzeiten – was gleichermaßen die Umwelt und den Geldbeutel schont –, die Möglichkeit, diese Zeit zu nutzen, um für die Familie da zu sein und am Abend das Essen vorzubereiten oder in der Mittagspause zu joggen – Stichwort ‚aktive Pause‘. Ein entsprechendes Angebot ist für Arbeitgeber meines Erachtens unabdingbar, um attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen.
Gleichermaßen ist eine gewisse Anwesenheitsquote, in meiner Firma beispielsweise drei Tage pro Woche, durchaus sinnvoll, da nur so die Möglichkeit für die Mitarbeiter besteht, Netzwerke aufzubauen, Probleme und Ideen auch mal außerhalb von fest terminierten Teammeetings in Kaffeeküchen zu besprechen und so Innovation zu ermöglichen. Eine Umgestaltung der Büroräume hin zu mehr freien Besprechungsflächen würde das unterstützen.“
Lars Meier
>> Lesen Sie dazu: Bis zu 40 Prozent weniger Fläche – Konzerne sparen wegen Homeoffice bei den Büros
Schon einen Schritt weiter
„Wir sind bereits jenseits der Frage, ob Arbeitnehmer:innen weiterhin von zu Hause aus arbeiten dürfen. Die Frage ist, wann, für welche Aufgaben, wie viel und was brauchen sie, um solide integriert verbunden mit dem Unternehmen und Team ihre Arbeit machen zu können. Also: Darf man sagen, wenn man sich überfordert fühlt, Teamatmosphäre oder schlicht Austausch braucht? Oder ist man dann nicht mehr cool und ein:e ewig Gestrige:r? Wie viel Sicherheit in Prozessen, dem Miteinander im Team, den Abläufen im Unternehmen, dem Umgang mit verändernden IT-Tools und vor allem welche Art der Führung und Anleitung sind notwendig, um souverän, mit Freude und Effektivität im Homeoffice so zu arbeiten wie im Büro? Da brauchen berufserfahrene Prozesshasen und -häsinnen wahrscheinlich andere Unterstützung als Berufseinsteiger:innen, bestenfalls können sie sich gegenseitig unterstützen.
Für mich misst sich die Frage, wie die Arbeitsfreude und -effektivität gehalten werden kann, daran, wie offen und frei von Bewertungen Fehler und Unsicherheiten eingestanden werden dürfen, um immer wieder gemeinsam und ‚agil‘ nach besseren Lösungen zu suchen.“
Sanne Müller
Die große Freiheit hat begonnen
„Die große Freiheit hat begonnen – vordergründig, da es aktuell mehr Möglichkeiten gibt, die klassischen Büroarbeiten auszuüben: weniger im Büro, mehr zu Hause und mehr in Zügen und Coworking Spaces. Diese Ausweitung des Angebots ist ein großer Sprung zur Flexibilität.
Nachteil: Während es sich am Dienstag/Mittwoch extrem im Büro ballt, sind der Montag und Freitag fast schon gespenstisch leer. Auch wird zu Hause mehr im Sinne von länger und intensiver am Stück (ohne Unterbrechung) gearbeitet. Kommunikation zwischen den Kollegen und Kolleginnen, die oft als extrem wichtig eingeschätzt wird, sehe ich dadurch erodieren. Was fehlt, sind mittlerweile Besprechungsräume für mehr als 20 Personen – auch sinkt die Quadratmeterzahl des eigenen Arbeitsplatzes.“
Thomas Beyerle
Ein Ort zum Treffen, einer zum Arbeiten
„Viele Tätigkeiten brauchen kein Büro, viele Menschen hin und wieder jedoch schon. Daher halte und erfahre ich hybrides Arbeiten als zukunftsträchtiges Modell. Für mich ist das Homeoffice der Ort zum Arbeiten, das Office der Ort zum Treffen, Netzwerken, Zusammenarbeiten.“
Andreas Weckler
Jeder sollte selbst entscheiden
„Ich finde, das sollte der Arbeitnehmer für sich entscheiden können, sofern es operativ keine Einwände gibt. Beispiel: Wohnt der Arbeitnehmer nahe am Büro und kann zu Hause schlecht arbeiten, weil zu warm, zu laut, kein Platz, wäre Zwangs-Homeoffice schlecht.
Gegenbeispiel: Hat ein Arbeitnehmer einen langen Arbeitsweg, kann zu Hause seine Tätigkeit genauso gut wahrnehmen wie im Büro und ist daheim gut aufgestellt, wäre ein Verbot von Homeoffice doch unsinnig. Der Arbeitgeber muss nur Wege finden, das Teamgefüge durch zum Beispiel mehr Teamevents aufzubauen und vermeintlichen ‚Schummlern‘ durch vereinzelte Maßnahmen das Schummeln zu erschweren.
Fazit: Die Möglichkeiten des Homeoffice sind meines Erachtens definitiv ein positiver Effekt der Coronapandemie.“
Dennis Könemann
Manchmal ist das Büro unabdingbar
„In unserem Beruf ist die persönliche Begegnung mit Chefs, Kollegen und vor allem den Mandanten unentbehrlich. Bei einer Bildschirmbegegnung kann der andere Empfindungen, Reaktionen durch Stimmlage, Gesichtsausdruck und Körperhaltung nicht annähernd so nachempfinden wie bei einer persönlichen Begegnung. Noch sind wir nicht papierlos: Verträge, Urkunden und persönlich gehaltene Briefe kommen häufig noch als Papier an.
Die Heimarbeit macht nur dann einen Sinn, wenn sie aus persönlichen Gründen erforderlich ist – krankes Familienmitglied – und dadurch zur Beruhigung des verantwortlichen Mitarbeiters eine unaufschiebbare Arbeit zu Hause erledigt werden kann.“
Lutz Frommherz
So viel wie eben möglich aus dem Homeoffice
„Meiner Meinung nach sollten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so viel wie eben möglich aus dem Homeoffice arbeiten dürfen, da das die Produktivität und die Motivation steigern kann und den Verkehr entlastet. Nur für Präsenzveranstaltungen sollte ins (wesentlich) kleinere Büro gekommen werden.
Die frei gewordenen Büroflächen könnten für den sozialen Wohnungsbau sowie zur Unterbringung von Flüchtlingen sinnvoll genutzt werden.
Ich selbst arbeite fast ausschließlich von zu Hause aus, genieße eine vollkommen neue Work-Life-Balance und habe meine Produktivität deutlich verbessert. Die vielen unnötigen Unterbrechungen und internen Bürokratien im früheren Büroalltag sind weggefallen.
Ich habe mir vor der Pandemie nicht vorstellen können, wie entspannt und professionell das Arbeiten im Homeoffice sein kann, wenn man diszipliniert damit umgehen kann. Disziplin bezieht sich dabei auf beide Richtungen: privaten Ablenkungen widerstehen, aber auch geordnet und konsequent den Ausschalter am Rechner betätigen und die gewonnene Fahrtzeit in Spaziergänge und Sport umwandeln.“
Udo Brücher
Volle Kraft voraus in die Zukunft!
„Zusammenarbeit ist eine Frage des Willens und des persönlichen Einsatzes, unabhängig vom Arbeitsort. Wollen wir nun, nur weil die Pandemie überstanden ist, die Stärken der Konzentration, Fokussierung und damit eine unglaubliche Effizienz neben einer deutlich gestiegenen Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfach so aufgeben? Wer das plant, ist vermutlich männlich, deutlich über 50 und steckt gedanklich ganz tief im letzten Jahrtausend. Volle Kraft voraus in die Zukunft!“
Andreas Vetter
Ein Gewinn an Lebenszeit, für die Familie und für die Umwelt
„Ganz klar Homeoffice, wenn es zur Aufgabe passt, und die erfordert oft Stillarbeit. Ein Gewinn an Lebenszeit, für die Familie und für die Umwelt. Dass die soziale Komponente nicht verloren geht, dafür muss der Mitarbeiter selbst, das Team oder der Chef sorgen. Leider schwierig für Berufsanfänger, sich im Geschäftsleben einzufinden, aber so sind die Zeiten.“
Rüdiger Lörch
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