Morning Briefing: Welche Ressource für Deutschland die kritischste von allen ist
Handelsblatt-Konferenz: Das Morning Briefing von der TECH
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Gestern war für mich einer jener Tage, die mir gerade wegen ihrer seltsamen Gegensätzlichkeit besonders lebenswert erscheinen.
Am Vormittag war ich bei der Konfirmation meines Neffen in einem 900-Einwohner-Dorf in der Nähe von Bad Mergentheim. Eine bis auf den letzten Platz gefüllte Barockkirche, Umarmungen und Schulterklopfen, eine leidenschaftliche Predigt, neun aufgeregte Konfirmanden, die für die Gemeinde das Abendmahl austeilen.
Nach dem Vaterunser dann: Zwiebelrostbraten mit Spätzle, diskret überreichte Bargeldumschläge, leichtes Völlegefühl.
Am Nachmittag bin ich nach Heilbronn weitergefahren, zur Premiere der Technology Experience Convention (TECH). Diese neue Zukunfts-Konferenz richtet das Handelsblatt mit Unterstützung des IT-Unternehmens Schwarz Digits aus. In der eigens errichteten futuristischen TECH-Zeltstadt sagte die Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa einen Satz, der bei mir hängengeblieben ist:
Demokratie ebenso wie Marktwirtschaft funktionieren umso besser, je mehr die Menschen einander vertrauen – für Politikwissenschaftler und Soziologen ist das nichts Neues. Gestern Vormittag hatte ich das Gefühl, live bei der Vertrauensproduktion dabei zu sein.
Vertrauen entsteht, wenn das halbe Dorf zum Abendmahl in der Kirche einer Religionsgemeinschaft zusammenkommt, die niemanden ausschließt und Liebe statt Hass predigt. Vertrauen entsteht aber auch in Sportvereinen, die Teamplay und Fairness hochhalten. Es entsteht in Stadt- und Gemeinderäten, in denen sich jeden Tag erfahren lässt: Politiker und Politikerinnen sind auch nur Menschen. Mal brillant, mal unfähig, meistens irgendwas dazwischen.
Die westlichen Demokratien erleben derzeit eine Erosion des gesellschaftlichen Vertrauens. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Entwicklung etwas mit sozialen Medien, digitalen Echokammern und Fake News zu tun hat.
Auf der TECH wird es bis Dienstag viel um kritische Rohstoffe gehen, und wie sie sich für Deutschland sichern lassen. Vielleicht sollten wir anfangen, gesellschaftliches Vertrauen als eine ebenso kritische Ressource zu begreifen wie Lithium oder Erdgas. Etwas, das es sorgfältig zu bewirtschaften gilt, weil es allzu leicht zerstört wird und nur schwer wieder zu beschaffen ist. Vor allem deshalb, weil Vertrauen nicht digital und auch nicht KI-gestützt entsteht, sondern jeden Tag aufs Neue in Begegnungen zwischen Menschen geschürft werden will.
Ich bin gespannt, was Bundestagspräsidentin Julia Klöckner heute auf der TECH zu dem Thema zu sagen hat. Der Titel ihres Vortrags: „Schicksalsfrage Vertrauen – welche Antworten müssen Politik und Technologie liefern?“
Ihren Auftritt und alle folgenden auf einer der beiden Bühnen können Sie hier im Livestream verfolgen.
Den Stream der anderen Bühne finden Sie hier.
Hier geht es zum Liveblog, in dem sie alles Wichtige erfahren, was auf der TECH gesagt oder getan wird.
Und hier eine Zusammenfassung des ersten Konferenztags.
EU bekommt Aufschub im Zollstreit
Im Zollstreit mit den USA hat die EU einen Aufschub für weitere Verhandlungen bekommen. US-Präsident Donald Trump teilte am Sonntagabend auf seiner Plattform Truth Social mit, dass er die Frist für neue EU-Zölle in Höhe von 50 Prozent auf den 9. Juli verschoben hat. Trump hatte zunächst gedroht, die Zölle bereits ab dem 1. Juni zu erheben.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte zuvor bei einem Telefonat mit Trump auf eine Verlängerung gepocht. „Um eine gute Einigung zu erzielen, bräuchten wir die Zeit bis zum 9. Juli“, teilte von der Leyen anschließend auf der Plattform X mit.
Trump sagte nun, dass er dieser Bitte gerne nachkomme – und verwies auf das Versprechen von der Leyens, bald mit Verhandlungen beginnen zu wollen.
Verschuldung der deutschen Konzerne steigt
Die Verschuldung der größten deutschen Unternehmen ist im vergangenen Jahr erstmals seit 2021 wieder gestiegen. Allein bei den 40 im Dax vertretenen Konzernen wuchsen die Nettoschulden um acht Prozent auf 227 Milliarden Euro, wie eine Datenanalyse des Handelsblatt Research Instituts zeigt. Auch die MDax-Firmen sind in der Summe höher verschuldet als 2023.
Für einige Unternehmen dürfte die Schuldenlast zur Herausforderung werden. Viele von ihnen werden sich in den kommenden zwölf Monaten über die Ausgabe neuer Anleihen und über Kredite frisch finanzieren müssen – und das zu absehbar höheren Kosten. Ein Großteil der laufenden Anleihen ist noch in der Niedrigzinsphase ausgegeben worden.
CDU-Politiker kritisieren Israel
Der CDU-Außenpolitiker Armin Laschet hat das Vorgehen Israels angesichts schleppender Hilfslieferungen in den Gazastreifen als völkerrechtswidrig bezeichnet. „Lebensmittellieferungen, Hilfslieferungen, Medikamentenlieferungen für die Bevölkerung zurückzuhalten, das bekämpft nicht die Hamas“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag im ZDF, und:
Israel hatte Anfang der Woche eine fast dreimonatige Blockade humanitärer Hilfsgüter gelockert, aber aus Sicht der Vereinten Nationen nur unzureichende Hilfe zugelassen. Die israelischen Streitkräfte haben vor etwa einer Woche eine neue Großoffensive gestartet. Täglich werden im Gazastreifen Dutzende Tote gemeldet.
Außenminister Johann Wadephul, ebenfalls CDU, nannte die Situation in Gaza in der ARD „unerträglich“: „Einerseits, wir stehen zum Staat Israel, wir sind für ihn verantwortlich und andererseits stehen wir natürlich zum Grundwert der Humanität und sehen natürlich das Leiden dieser Menschen.“ Deswegen sei vollkommen klar:
Kretschmer stellt sich gegen Merz
Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hat sich dafür ausgesprochen, die beiden Nord-Stream-Gasleitungen in der Ostsee zu nutzen, um wieder mit Russland ins Gespräch zu kommen. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende plädierte in einem Interview mit „Zeit Online“ dafür, 20 Prozent des Gasbedarfs in Deutschland über Importe aus Russland zu decken.
Damit stellt sich Kretschmer klar gegen die Linie von Bundeskanzler und CDU-Parteichef Friedrich Merz. Der unterstützt den Plan der EU-Kommission, die Reaktivierung der Pipelines im Zuge eines neuen Sanktionspakets zu unterbinden.
Leben unter dem Eispanzer?
Auf den ersten Blick wirkt der Saturnmond Enceladus unspektakulär. Er ist weitaus kleiner als unser Mond, weit weg und komplett von Eis bedeckt. Doch unter dem gefrorenen Panzer verbirgt sich ein Ozean aus flüssigem Wasser – und damit einer der vielleicht vielversprechendsten Orte im Sonnensystem bei der Suche nach außerirdischem Leben. „Wo Wasser ist, ist auch Leben möglich“, sagt der Astrobiologe Nozair Khawaja, der ein Forschungsteam an der Freien Universität (FU) leitet. Experimente sollen demnächst zeigen, welche Stoffe sich unter Enceladus-Bedingungen bilden können.
Saturn ist von der Sonne aus gesehen der sechste Planet, hinter Mars und Jupiter. „Früher glaubten Wissenschaftler, dass die Region jenseits des Mars für die Suche nach Leben oder Bedingungen für Leben hoffnungslos sei“, erklärt Khawaja. Es sei dort zu kalt und gebe zu wenig Sonnenlicht.
Dass dies ein voreiliger Schluss war, hätten die FU-Forscher ahnen können. Schließlich gibt es auch immer wieder Berichte über Menschen, die einen ganzen Winter in Berlin überlebt haben sollen.
Ich wünsche Ihnen einen wärmenden Wochenauftakt.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens