Morning Briefing: Bedrängte Ukraine – „Charkiw in die Reichweite russischer Geschütze bringen“
Austausch: Putin schasst seinen Verteidigungsminister
Liebe Leserinnen und Leser,
mitten im Angriffskriegs gegen die Ukraine wechselt Kremlchef Wladimir Putin seinen Verteidigungsminister Sergej Schoigu aus. Schoigus Nachfolger soll der bisherige Vize-Regierungschef Andrej Beloussow werden, wie die russische Staatsagentur Tass am Sonntag meldete. Kremlsprecher Dmitri Peskow begründete den Wechsel so: „Heute gewinnt auf dem Schlachtfeld derjenige, der offener für Innovationen und deren Umsetzung ist.“
Liebevoll geflochtene rhetorische Abschiedsgirlanden dürften sich auch in Russland anders anhören. Vor wenigen Wochen war einer von Schoigus Stellvertretern wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet worden. Beobachter werten das als Anzeichen von Machtkämpfen innerhalb des Militär- und Sicherheitsapparats.
Schoigu soll nun Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates werden. Der entwickelt sich laut der Expertin Tatiana Stanovaya vom Carnegie Russia Eurasia Center zu Putins Reservoir für „Leute, die er nicht loslassen kann, aber für die er auch keinen Platz hat“.
Die militärische Lage gibt Moskau eigentlich wenig Anlass für Säuberungsaktionen. Russland hat in der Nacht zum Freitag eine neue Offensive rund um Charkiw gestartet. Laut russischem Verteidigungsministerium wurden dabei mehrere ukrainische Grenzdörfer bei der Stadt Wowtschansk besetzt. Am Sonntag meldete Moskau die Einnahme von vier weiteren Ortschaften.
Die Ukrainer haben den Angriffen derzeit wenig entgegen zu setzen. Es fehlt ihnen an schweren Waffen und passender Munition, weil die Lieferungen aus dem Westen stocken. Der ukrainische Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj schrieb gestern auf Telegram:
Zugleich räumte er ein, dass die russischen Angreifer an einigen Abschnitten „Teilerfolge“ erzielt hätten. Angesichts der Gefahrenlage mussten in Charkiw in den vergangenen Tagen rund 4000 Menschen ihre Häuser verlassen und an sicherere Orte gebracht werden, wie Gouverneur Oleh Synjehubow schrieb.
Droht nun die Eroberung der ostukrainischen Millionenmetropole Charkiw? Die meisten Experten gehen davon aus, dass der Vorstoß noch nicht auf den Einmarsch in die Stadt selbst abzielt. Laut dem Institut für Kriegsstudien ISW in den USA sollen die Angriffe vielmehr die ukrainischen Kräfte von der Grenze abdrängen und Charkiw in die Reichweite russischer Geschütze bringen. Strategisches Ziel: Die Ukrainer zu zwingen, Soldaten und Material von anderen Abschnitten der Front abzuziehen.
Bei den Regionalwahlen in Katalonien haben die separatistischen Parteien ihre absolute Mehrheit im Parlament verloren. Nach Auszählung fast aller Stimmen kamen die vier Parteien, die sich für eine Unabhängigkeit Kataloniens einsetzen, auf 61 Mandate. Nötig wären 68. Die Sozialisten unter Führung des früheren Gesundheitsministers Salvador Illa erreichten 42 Sitze, elf mehr als im Jahr 2021. Im Regionalparlament haben katalanische Separatisten seit mehr als zehn Jahren eine Mehrheit, doch nun bestätigen sich Umfragen, laut denen der Zuspruch für die Separatisten nachgelassen hat.
Die schleppenden Verkäufe von Elektroautos zwingen Mercedes-Benz nach Handelsblatt-Informationen zu harten Einschnitten. Wie Handelsblatt-Sterndeuter Franz Hubik erfuhr, hat der Vorstand um Konzernchef Ola Källenius die Entwicklung der Elektroplattform „MB.EA-Large“ gestoppt. Es handelt sich um eines der wichtigsten Zukunftsprojekte des Dax-Konzerns, das Investitionsvolumen liegt im Milliardenbereich. Die Umstellung auf die Plattform MB.EA-Large sollte es beispielsweise ermöglichen, von großen und hohen Akkus auf flache zu wechseln. Angedacht war, die Batterien wie teils bei Tesla direkt in Unterboden und Fahrgestell zu integrieren.
Ab 2028 wollte Mercedes auf Basis dieser Architektur unter anderem die S- und die E-Klasse unter Strom setzen. Doch weil die Nachfrage nach luxuriösen Elektroautos viel geringer ausfällt als erwartet, lohnt sich der Aufwand für MB.EA-Large in dieser Form nicht mehr. Um Geld zu sparen, will der Konzern für seine künftigen Spitzenstromer nun Elemente der bereits bestehenden Elektro-Architektur EVA2 nutzen. Final entschieden ist über das Bremsmanöver wohl noch nicht.
Ausgangspunkt der Mercedes-Misere: Im Sommer 2021 rief Källenius unter dem Eindruck drohender Fahrverbote und scharfer Verbrauchsvorgaben offiziell seine „Electric only“-Strategie aus. Zum Ende des Jahrzehnts, so seine Annahme damals, würden batterieelektrische Neuwagen den Verbrennungsmotor im Wesentlichen abgelöst haben.
Mittlerweile ist klar: Källenius hat sich verkalkuliert. Neun von zehn Mercedes-Neuwagen sind nach wie vor Diesel oder Benziner. Källenius hat „Electric only“ daher wieder einkassiert. Bis zum Ende des Jahrzehnts traut er sich maximal noch einen Absatz von Elektroautos und Plug-in-Hybriden von 50 Prozent zu.
Die Investitionen finden nun an anderer Stelle statt: Für die Sportwagentochter AMG soll laut Eingeweihten ein komplett neuer Achtzylindermotor entstehen. Klimaschutz geht anders, aber Konzernchef Källenius setzt auf die hohen Margen, die sich mit solchen Triebwerken erzielen lassen.
Er bestätigt nebenbei die alte Petrolhead-Weisheit: Hubraum lässt sich durch nichts ersetzen – auch nicht in der Konzernbilanz.
Die Zeitarbeit gilt als konjunktureller Frühindikator. In der Krise verzichten Unternehmen in der Regel zuerst auf den Einsatz von Leiharbeitnehmern, bevor sie Einschnitte beim Stammpersonal planen. Nun ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Zeitarbeitsnehmer stark gesunken. Nach Angaben des Gesamtverbands der Personalvermittler (GVP) ging sie von 719.000 im Februar 2022 auf gut 625.000 im Februar dieses Jahres zurück.
Fünf Prozent der Zeitarbeitsfirmen blicken deshalb sehr pessimistisch in die Zukunft, zeigt eine Umfrage des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Lünendonk, an der sich 85 Anbieter beteiligt haben und die dem Handelsblatt vorliegt. Zwar sind immer noch knapp zwei von drei Firmen sehr oder einigermaßen optimistisch, was die Aussichten angeht. Doch lag der Anteil vor einem Jahr noch 13 Prozentpunkte höher.
Nach Lünendonk-Berechnungen lag das Marktvolumen mit Zeitarbeit in Deutschland im vergangenen Jahr bei 32,9 Milliarden Euro – das sind 3,1 Prozent weniger als 2022. Mit gut 1,8 Milliarden Euro Umsatz steht Randstad Deutschland weiter an der Spitze des Marktrankings. Wer dahinter folgt, sehen Sie in unserer Grafik.
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) kann allmählich Tantiemen vom Morning Briefing verlangen, so viele schöne Zitate von ihm habe ich in den vergangenen Wochen verwenden können. Die jüngste Äußerung tätigte er gegenüber einem Reporter der „ZDF heute-show“. Der hatte gefragt, ob es zur Deutschen Leitkultur gehöre, die Diskussion über die Leitkultur alle paar Jahre aus der Schublade zu ziehen – so wie zuletzt auf dem CDU-Parteitag. Günther antwortete: Absolut. „Weil uns halt sonst nichts eingefallen ist, finde ich es wichtig, dass man sowas immer wieder aufwärmt, um den Leuten ein bisschen auf den Wecker zu gehen.“
Das Charmante daran: Weil es sich bei der „heute-show“ um eine Satiresendung handelt, können nun alle rätseln, ob Günthers Antwort ebenfalls Satire war oder ob hier das Sprichwort gilt: Kieler Mund tut Wahrheit kund. Ich wünsche Ihnen einen frisch zubereiteten Wochenauftakt.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens