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Morning BriefingBei SAP zeigt sich, wie Buzzwords Arbeitsplätze kosten können

Konzernchef Christian Klein versprach die „Next Level Transformation“. Dahinter verbergen sich allerdings schlechte Nachrichten für den Standort Deutschland.Teresa Stiens 10.12.2024 - 06:26 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

SAP setzt auf günstige Standorte außerhalb Deutschlands

10.12.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Die Managementwelt ist voll von wohlklingenden englischen Buzzwords, die Kunden, Mitarbeitern und Aktionären eine bessere Zukunft versprechen. Je euphemistischer diese formuliert sind, desto mehr Vorsicht ist geboten. Denn was sich wirklich hinter solchen Managementformeln verbergen kann, zeigt sich derzeit in Walldorf, bei Deutschlands Softwarehoffnung SAP. „Next Level Transformation“ heißt das Programm, mit dem Konzernchef Christian Klein sein Unternehmen seit Jahresbeginn in eine bessere Zukunft führen will.

Während die Aktie einen Rekord nach dem anderen erreicht, soll die deutsche Belegschaft allerdings um rund 14 Prozent schrumpfen. Nach Informationen meines Kollegen Christof Kerkmann aus Konzernkreisen dürften rund 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Aufhebungsvertrag unterschreiben.

Im Zuge der Umstrukturierung verlagert der Konzern zudem Arbeitsplätze an günstigere Standorte. Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen berichten, dass das Management Stellen in ihren Teams nur punktuell neu besetze. Etliche Aufgaben würden direkt an Kollegen in anderen Ländern übertragen, insbesondere in Indien, heißt es. SAP erklärte, der Konzern solle in Indien von der „dynamischen Entwicklung des Arbeitsmarktes“ durch den Ausbau der Kapazitäten profitieren. Der Standort Deutschland bleibe aber „von zentraler Bedeutung“.

Nach der Nachricht vom Wochenende, dass der syrische Diktator Baschar al-Assad gestürzt worden und geflohen sei, herrschte bei Syrern im In- und Ausland pure Erleichterung. Doch jetzt, wenige Tage nach der Machtübernahme der Rebellengruppen in Damaskus, schiebt sich die drängende Frage in den Vordergrund, wie es mit dem Land an der östlichen Mittelmeerküste weitergeht. Der Nahostexperte Volker Perthes warnt vor zu viel Euphorie: In Libyen, im Irak, in Afghanistan und in weiteren Ländern habe man gesehen, dass der Sturz eines alten Regimes nicht zwingend zu einer friedlichen Transformation führe.

Denn die Rebellengruppen einte bisher vor allem ihr gemeinsames Ziel: der Sturz des Diktators von Damaskus. Nun, da dieses Ziel erreicht ist, wird sichtbar, dass es sich um ein heterogenes Mosaik unterschiedlicher bewaffneter Gruppen handelt – die divergierende Vorstellungen von den zukünftigen Machtverhältnissen haben dürften. Ehud Yaari, Chefkommentator für den Nahen Osten beim israelischen Fernsehsender Channel 12, prophezeit, dass es lange dauern wird, bis es in Syrien eine stabile Kompromisskoalition geben wird. Israel möchte diesen Moment nicht abwarten. Die Armee bombardierte präventiv mutmaßliche Lagerstätten von Chemiewaffen in Syrien und will alle strategischen Waffen zerstören, die auf Israel gerichtet sein könnten.

Absperrungen in Aleppo: Syriens Rebellen haben die Macht übernommen. Foto: REUTERS

Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang, das von der Weltöffentlichkeit kritisch begutachtet wird. Heute vor einem Jahr wurde Javier Milei zum Präsidenten von Argentinien ernannt und versprach, die Kettensäge an den überbordenden Staatsapparat anzusetzen. Es ist also Zeit für ein vorsichtiges Fazit der Politik des selbsternannten Anarcho-Kapitalisten. Auf der Haben-Seite steht bisher, dass Argentinien für internationale Investoren attraktiver geworden ist, dass die Inflation deutlich zurückgegangen ist und dass sich die Stimmung in der Wirtschaft insgesamt aufgehellt hat.

Auf der Soll-Seite wiederum stehen exorbitant hohe Lebenshaltungskosten und eine gestiegene Armutsquote von mittlerweile über 50 Prozent. Die hohen Preise belasten auch die Wirtschaft. Ein Bergbauunternehmer klagt, die Personalkosten machten mittlerweile 40 Prozent seines Budgets aus. Ob die libertäre Schocktherapie Argentinien langfristig aus der Krise führt, steht also noch aus.

Argentiniens ultralibertärer Präsident Javier Milei hat den Staatshaushalt massiv zusammengestrichen. Foto: AP

Die ehemalige Ampelregierung steckt mitten in einem Rosenkrieg, in dem selbst gemeinsam getroffene Vereinbarungen wieder über den Haufen geworfen werden. Der geschasste Finanzminister Christian Lindner (FDP) hat angekündigt, seine Partei werde dem von ihm selbst vorgelegten „Steuerfortentwicklungsgesetz“ nicht mehr zustimmen. Das Gesetz sähe Entlastungen von insgesamt 23 Milliarden Euro zum Ausgleich der kalten Progression vor. Schleichende Steuererhöhungen bei einem Gehaltsplus sollten damit vermieden werden.

Wie bei vielen Scheidungen leiden auch hier all jene am meisten, die nicht daran beteiligt sind. Bei einem Ehepaar sind das die gemeinsamen Kinder, im Fall der Ampelregierung sind es Bürgerinnen und Bürger und die Unternehmen. Die geplanten Änderungen hätten den einzelnen Steuerzahler je nach Einkommen um mehrere Hundert Euro entlastet, der Gesetzentwurf enthielt zudem Investitionsanreize für Unternehmen. Lindner argumentiert jedoch, es seien auch Kompromisse enthalten, die seine Partei jetzt nicht mehr akzeptieren müsse. Er stichelt gegen seine Ex-Kabinettskollegen:

Wenn die Rumpfregierung Scholz mit der FDP die Menschen doch entlasten will, dann nur pur und ohne weitere Parteiideologie.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die überhastete Flucht des syrischen Ex-Diktators Assad am vergangenen Wochenende. Der arabische Fernsehsender Al Jazeera berichtet unter Berufung auf Kreml-Berichte, Assad sei mit einem russischen Flugzeug vom russischen Luftwaffenstützpunkt in Latakia evakuiert worden. Er habe mit seiner Familie in Moskau Zuflucht gefunden, bestätigte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. In unserem Live-Blog finden Sie alle aktuellen Entwicklungen.

Der russische Präsident Wladimir Putin ist schon seit langem ein enger Verbündeter von Assad. Jetzt können die beiden Freunde endlich mehr Zeit zusammen genießen. Vielleicht planen sie ja einen kleinen Ausflug. Ich habe gehört, dass Den Haag eine sehr schöne Stadt sein soll.

Baschar Al-Assad und Wladimir Putin bei einem Gespräch. Foto: AP

Bevor ich Sie in den Tag entlasse, möchte ich mich bei Ihnen noch für Ihre zahlreichen Zuschriften zum gestrigen Briefing bedanken. Zu meiner Freude habe ich festgestellt, dass sich zahlreiche Ornithologen unter Ihnen befinden. Sie haben sofort gemerkt: Der von uns abgebildete Albatros war gar kein Albatros, sondern ein Kormoran. Dafür möchten wir uns entschuldigen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie Ihr kritisches Auge beibehalten.

Es grüßt Sie herzlich

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Teresa Stiens

PS: Hohe Energiepreise, Konkurrenzdruck und Umweltbedenken – die deutsche Stahlindustrie steckt in der Krise. Tausende Stellen sind in Gefahr. Kanzler Scholz hatte daher am Montag zum Stahlgipfel ins Kanzleramt geladen und verkündet, die Branche unterstützen zu wollen –  unter anderem durch einen europäischen Stahlgipfel. Was kann das tatsächlich bewirken? Welche Unterstützung braucht die Stahlindustrie, um zukunftstauglich zu werden? Ist das überhaupt möglich? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

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