Morning Briefing: Der Kanzler und die Angst vor Putin
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
Wladimir Putins TNT-Terror ist zwei Flugstunden von München oder Berlin entfernt. Zwei Stunden? In Wirklichkeit ist der Krieg des Kreml-Kleptokraten gegen die Freiheit viel näher – er ist in unseren Köpfen.
Was dort in der Ukraine passiert, bringt bei allen Über-Achtzigjährigen längst abgelegte Erinnerungen zurück. Sie blicken im TV auf Frauen und Kinder in den U-Bahnschächten von Kiew – und sehen sich selbst und ihre Familie im Luftschutzkeller 1945. Sie schauen auf die Flüchtenden an den Grenzposten – und fühlen den Dreck der Trecks von Breslau oder Ostpreußen in eine neue Heimat, in der niemand sie haben wollte.
Unsere Seniorinnen und Senioren erleben vor dem Bildschirm die Angst ums Leben noch einmal. Sie wissen, worüber Emmanuel Macron spricht, wenn er sagt: „Das Schlimmste steht uns noch bevor.“ Manchmal müssen wir ausschalten, um einzuschalten. Müssen wir darüber reden, statt nur fernzusehen.
Die Ängste der Älteren, auch die Fragen der Kinder nach Krieg, sprach Olaf Scholz gestern im ZDF-Einzelgespräch mit Maybrit Illner offen an. Es sei deshalb jetzt wichtig, entschlossen und besonnen zu sein, sowie klaren Kurs zu fahren.
Der Kanzler erwiderte auf Appeasement- und Weichling-Vorwürfe, keiner hätte den Krieg verhindern können, weil keiner in Putins Kopf war: „Dieser Donnerstag hat die Situation verändert“, dieser Donnerstag der Invasion. Je zweimal sagte Scholz, man dürfe die unschuldig überfallene Ukraine „nicht alleine lassen“, aber auch: „Wir dürfen uns nichts vormachen.“
Fürs Erste forderte er Waffenruhe – nach den zuletzt vereinbarten humanitären Korridoren zum Abtransport von Verletzten. In seiner fast aufreizenden Sachlichkeit erklärte der SPD-Politiker allen, die es nicht verstanden haben, etwa der immer mehr wie Christiane Amanpour (CNN) wirkenden Moderatorin: „Ich wiederhole mich, aber mit Absicht.“
Im Bewusstsein der Jüngeren wirkt Putinismus ebenfalls wie Gift. Die Gnadenlosigkeit, die sich bei der Besetzung des größten Atomkraftwerks Europas genauso zeigt wie bei der Inkaufnahme des Todes vieler junger Russen, den Putin – der Thema unseres Wochenend-Reports ist – gestern eingestehen musste.
In den TV-Nachrichten sind die Corona-Horror-Grafiken fast weg, dafür gibt es Berichte und Bilder vom Krieg. Die Talkshows haben immer noch nur ein Thema, und das ist jetzt Ukraine und nicht mehr das Virus.
In solchen Extremsituationen erinnert man sich gerne an einen Satz, der Martin Luther zugeschrieben wird: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Wer die Zeit nicht nutzt, die bleibt, ist Putins Opfer.
Auch eine Zeitenwende übrigens: Christian Drosten beendet seinen Corona-Podcast, und Karl Lauterbach warnt jetzt vor Fleisch.
Henry Kissinger, Doyen westlicher Außenpolitik, erklärte unser Zeitalter als beharrliche, manchmal verzweifelte Suche nach einem großen, ordnenden Konzept: „Chaos droht, doch zugleich herrscht eine noch nie dagewesene Weltordnung.“
Doch die ist angesichts von Massenvernichtungswaffen, Zerfall von Staaten, Umweltzerstörung, Völkermorden, Ausbreitung neuer Technologien bedroht. Kissinger schrieb das 2014, acht Jahre vor dem maximalen Chaos, das Wladimir Putin jetzt anrichtet.
Auch der Kreml-Autokrat spricht von neuer Weltordnung, aber es ist eine alte, eine mit Sowjetunion 2.0 als Supermacht, woraufhin derzeit aber nur Karawanen voll Kriegsgerät deuten. In unserem Wochenend-Report gehen wir der „neuen Verletzlichkeit“ nach – und dass es nicht auf Moskau, sondern auf Peking ankommt.
Das wusste Kissinger am besten, der zu China schrieb: „Die Suche nach einer Weltordnung in unserer Zeit wird es erforderlich machen, auch die Sichtweisen von Gesellschaften einzubinden, deren Wirklichkeit andersartig und in sich geschlossen ist.“
Einen neuen Kalten Krieg sieht denn auch der Historiker Niall Ferguson zwischen dem Westen und China entstehen, nicht zwischen dem Westen und Russland. Im Handelsblatt-Interview sagt er über…
- die Kurswende der deutschen Politik: „Es gibt enorme emotionale Unterstützung für die Ukraine in Deutschland und Europa. Ich vermisse Angela Merkel nicht, sondern finde es gut, was Olaf Scholz jetzt tut. Die versprochene Aufrüstung gibt es nicht zum Nulltarif.“
- die Perspektiven: „Ich befürchte, dass unsere Begeisterung für Wolodomir Selenski nachlassen wird, sobald er geschlagen ist. Es wird den Ukrainern wie den Kurden ergehen: vom Westen geliebt, aber nicht ausreichend unterstützt.“
- die Sanktionen: „Solange den Panzern nicht das Benzin und den Soldaten nicht das Essen und die Munition ausgehen, entscheiden Sanktionen nicht darüber, wer auf dem Schlachtfeld gewinnt. Es war ein kolossaler Fehler des Westens, zu glauben, Putin ließe sich mit Sanktionsdrohungen abschrecken.“
Allzu Kriegslüsternen sei Albert Einstein empfohlen: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“
Bekanntlich sind die mit großem Getöse verkündeten Anti-Putin-Sanktionen so löchrig, dass über die zwei größten russischen Geldinstitute, Sberbank und Gazprombank, wie gehabt die Finanzüberweisungen für den ungestörten Bezug von Gas, Öl und Kohle für Deutschland und andere laufen können. Der soziale Frieden hierzulande soll nicht gefährdet werden. Diese organisierte Halbherzigkeit stört Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Im Handelsblatt sagt er: „Europa sollte sich nicht länger mit russischem Gas beliefern lassen. Das ist bedauerlich, aber Putin setzt auf Konfrontation und auf Energie als Waffe. Wenn wir weiter auf ihn als Gaslieferanten setzen, sehe ich die Gefahr eines strategischen Spiels, bei dem er am längeren Hebel sitzt.“
Der Experte rät zu Energiesparen, LNG-Flüssiggas, kurzfristig sogar zum verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken und mittelfristig zum forcierten Ausbau der Erneuerbaren Energien. Von dem rigiden Klimawarner hätte man früher solche Einschätzungen nicht erwartet – aber das war vor Putins Kriegsschlag.
Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Diener des Volkes“, die Comedy-TV-Serie mit Wolodomir Selenski auf Arte. Das ukrainische Fernsehen brachte 2015 die Geschichte eines Lehrers, der Präsident wird, nachdem sein Anti-Korruptionsvideo urplötzlich ein Hit im Internet wird. Vier Jahre später war der Hauptdarsteller dieses hintergründigen Spaß-Formats tatsächlich Präsident.
In die Rolle des Regierungschefs spielte er sich noch besser hinein als in der Rolle eines Komödianten, der einen Regierungschef spielt. In Russland übrigens war die Serie „Diener des Volkes“ ein so großer Publikumserfolg, dass sie abgesetzt werden musste.
Ein Stück zur Rolle Selenskis findet sich in unserem Wochenend-Schwerpunkt: „Der Freiheitsheld, der aus dem Fernseher kam“. Im „Post-Heroismus“ hatten wir eigentlich solche Heldenfiguren entsorgt, nun ist wieder einer da. Aktuell hat er Putin zu direkten Gesprächen aufgefordert: „Wenn Du nicht abhauen willst, setz Dich zu mir an den Verhandlungstisch, ich habe Zeit. Aber nicht auf 30 Meter Abstand – ich bin doch ein Nachbar. Ich beiße nicht. Ich bin ein ganz normaler Typ. Setz Dich zu mir, sag mir, wovor Du Angst hast.“ Klingt wie einst Udo Lindenbergs Text über Erich Honecker („Ey Honey“).
Und dann ist da noch die erst kürzlich aus dem Daimler-Konzern ausgegliederte Nutzfahrzeug-Firma Daimler Truck, die nun erhoben wird. Zusammen mit Hannover Rück wird sie am 21. März in den Deutschen Aktienindex (Dax) aufgenommen.
Die Börsenbundesliga verlassen müssen der Nivea-Konzern Beiersdorf sowie Siemens Energy. Die Neuen erfüllen die „Fast-Entry-Regel“, sie gehören zu den 33 wertvollsten deutschen Börsenunternehmen. Daimler Truck kommt sogar auf fast 20 Milliarden Euro Börsenwert. Als doppelter Aufsichtsratschef ist Joe Kaeser von der Dax-Entscheidung doppelt betroffen: Bei Daimler Truck ging’s bergauf, bei Siemens Energy bergab.
Von Aristoteles lernen wir: „Das Größte und Schönste dem Zufall zuzuschreiben, wäre gar zu leichtfertig.“
Ich wünsche Ihnen ein großes, schönes Wochenende, per Zufall zustande gekommen oder auch nicht.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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