Morning Briefing: Enteilt: Warum die USA Europa beim Wohlstand abhängen

Enteilt: Warum die USA Europa beim Wachstum abhängen
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Pandemie, Drogenkrise, Schuldenberge, Waffenplage: Viele Europäer haben sich angewöhnt, mitleidige bis verächtliche Blicke in Richtung USA zu werfen. Jeder dieser Eindrücke mag für sich genommen richtig sein, doch die ökonomischen Daten erzählen eine andere Geschichte: Die USA lassen Europa hinter sich. Berücksichtigt man unterschiedliche Lebenshaltungskosten, war die US-Wirtschaft 2008 um 15 Prozent größer als die europäische. Inzwischen beträgt die Kluft 31 Prozent.
Einmal mehr zeigt sich: Vergleichsweise kleine prozentuale Unterschiede in den Wachstumsraten haben über mehrere Jahrzehnte hinweg enorme Auswirkungen auf den Wohlstand einer Gesellschaft.
Die traditionelle Industrie in den USA erfindet sich neu und setzt sich von der europäischen Konkurrenz ab.
Foto: ReutersDie Folge: Wenn die derzeitigen ökonomischen Trends anhalten, „wird das Wohlstandsgefälle zwischen dem Durchschnittseuropäer und dem Durchschnittsamerikaner im Jahr 2035 genauso groß sein wie zwischen dem Durchschnittseuropäer und dem Durchschnittsinder heute“, schreibt die Brüsseler Denkfabrik European Centre for International Political Economy in einer aktuellen Analyse. Gestern noch beinahe gleichauf mit den USA, in zwölf Jahren auf halbem Weg zwischen USA und Indien: Das nenne ich mal eine Prognose, die im Kopf bleibt.
Mehr zu den Gründen, warum die USA Europa beim Wachstum abhängen, lesen Sie hier.
Im Moment ist es vor allem Deutschland, das die Prosperität in der Währungsunion nach unten zieht. Zum einen, weil die Bundesrepublik laut Wachstumsprognose des Internationalen Währungsfonds im laufenden Jahr das Schlusslicht unter 22 untersuchten Nationen und Regionen bildet. Zum anderen, weil wir mit unserer vergleichsweise hohen Inflationsrate die Europäische Zentralbank zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingen als sie in anderen Regionen der Eurozone eigentlich nötig wäre.
Gestern teilte das europäische Statistikamt Eurostat auf Basis einer ersten Schätzung mit, dass die Verbraucherpreise in der Währungsunion im Juli um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Immerhin: Im Juni lag das Plus noch bei 5,5 Prozent.
Die höchste Jahresrate im Euroraum weist mit 10,2 Prozent die Slowakei auf. Mit Kroatien, Litauen und Österreich folgen drei weitere kleine Staaten und dann schon Deutschland mit der vierthöchsten Inflation von 6,5 Prozent nach Eurostat-Standards. Am anderen Ende der Skala hat Belgien mit 1,6 Prozent das Inflationsziel der EZB schon wieder deutlich unterschritten.
In der Praxis bedeutet das: Mit seinem Gewicht als größte Wirtschaftsmacht der Eurozone treibt Deutschland die durchschnittliche Inflation in der Währungsunion nach oben und zwingt die EZB zu einer Geldpolitik, die zum Beispiel für Belgien und Spanien eigentlich zu restriktiv und damit wachstumshemmend ist.
Da Helfertätigkeiten zunehmend verschwinden, steigt der Anspruch an Flexibilität und Kommunikation.
Foto: dpaGestiegene Zinsen sind eine Ursache für das ausbleibende Wachstum in Deutschland. Eine andere ist der Arbeitskräftemangel. Immer mehr Unternehmen bilden daher Geringqualifizierte im Betrieb weiter, um sie zumindest für Helfertätigkeiten einsetzen zu können. Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem Handelsblatt vorliegt. Konkret heißt das:
- In der IW-Umfrage gaben Ende 2022 rund 20 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie Lese- und Schreibkurse für Nichtdeutsche organisieren – 2014 waren es bei geringfügig anderer Befragungsmethodik acht Prozent.
- Auch für deutschsprachige Mitarbeiter bieten zwölf Prozent Lese- und Schreibkurse an – gegenüber vier Prozent 2014.
- Rechenkurse organisieren mittlerweile gut sechs Prozent der befragten Unternehmen.
- Und Basis-IT-Kurse bieten sogar 20 Prozent der Firmen an.
Schulungsbedarf gibt es reichlich: Nach Daten der Bundesregierung lebten 2018 in Deutschland 6,2 Millionen Menschen im Erwerbsalter, die nicht richtig lesen und schreiben können. Dabei wurden lediglich jene mit deutschen Sprachkenntnissen berücksichtigt.
In Israel will das Oberste Gericht Medienberichten zufolge am 12. September zusammentreten, um sich mit Petitionen gegen ein Gesetz im Rahmen der umstrittenen Justizreform zu befassen. Das Parlament hatte vor einer Woche ein Kernelement der Reform verabschiedet, das dem Obersten Gericht die Möglichkeit nimmt, gegen „unangemessene“ Entscheidungen der Regierung vorzugehen.
Der Staat Israel hat keine Verfassung und fußt stattdessen auf einer Sammlung von Grundgesetzen. Bei der Abschaffung der Angemessenheitsklausel handelt es sich um eine Änderung eines dieser Grundgesetze. In Israels Geschichte wurde bisher noch nie ein vergleichbares Gesetz vom Obersten Gericht einkassiert. Sollte dies nun geschehen und die Regierung die Gerichtsentscheidung nicht akzeptieren, droht dem Land etwas Paradoxes: Eine Verfassungskrise ohne Verfassung.
Kommt es in den USA zu einem Bündnis der konservativen Milliardäre gegen Donald Trump? Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg hat ein Wahlkampfbündnis („Super-PAC“) namens „Americans for Prosperity Action“ allein im ersten Halbjahr 78 Millionen Dollar eingeworben, um Trump die Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat streitig zu machen. Selbst nach US-Wahlkampfmaßstäben ist das eine beachtliche Summe. Die wichtigsten Geldgeber: Koch Industries, der Mischkonzern des rechten Unternehmers Charles Koch, sowie die Walmart-Erben Rob und Jim Walton. Das Hauptargument des Bündnisses gegen Trump: Seine Nominierung würde am Ende dazu führen, dass Präsident Joe Biden wiedergewählt wird.
Sind Sie zum Schluss bereit für eine gute Nachricht? „Spiegel“-Kolumnist Nikolaus Blome hat sie aus den Tiefen der deutschen Sozialstatistik gefischt: Der Anteil der Armutsgefährdeten an den Minderjährigen unter 18 Jahre ist laut Statistischem Bundesamt von 16,4 (2021) auf 14,8 Prozent (2022) gesunken. Das entspricht einem Rückgang um immerhin ein Zehntel. Auch in der Bevölkerung insgesamt ist der Anteil der Armutsgefährdeten zurückgegangen, und zwar von 16 (2021) auf 14,7 Prozent (2022). Im vergangenen Jahr lag der Schwellenwert für die Armutsgefährdung für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2625 Euro netto im Monat.
Ich wünsche Ihnen einen Tag, an dem Sie die guten Nachrichten feiern, wie sie fallen.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
PS: Was tun gegen Deutschlands Wachstumsschwäche? Wirtschaftsminister Robert Habeck will mit höheren Staatsausgaben Investitionen anschieben und den Industriestrompreis durchsetzen. Finanzminister Christian Lindner verspricht sich unter anderem von Steuerentlastungen insbesondere für Unternehmen den Aufschwung. Einen Industriestrompreis lehnt er ab. Beide Minister wollen kein klassisches Konjunkturprogramm, wie es Oppositionspolitiker Markus Söder verlangt. Welchen Ansatz halten Sie für vielversprechender? Oder können andere Maßnahmen Deutschland den wirtschaftlichen Aufschwung bringen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.