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Morning BriefingKalte Wut über den Benzinpreis

Hans-Jürgen Jakobs 02.09.2022 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

was einst der Brotpreis war, ist heute der Benzinpreis und deshalb befindet sich Deutschland im Zustand kalter Wut. Kurz nach null Uhr von Mittwoch auf Donnerstag, als der Tankrabatt auslief und die Steuer wieder stieg, drehten die fünf marktbeherrschenden Ölkonzerne routiniert an der Preisschraube. Da stieg der Literpreis schon mal um 50 Cent, später um 22 Cent für Super und etwa acht Cent für Diesel.

Manche Tankstellen hatten sich in den Tagen zuvor noch mit billigem Benzin eingedeckt oder Zapfsäulen gesperrt, wahrscheinlich wegen Wartung wie beim russischen Gasmonopolisten Gazprom. 2,50 Euro pro Liter waren nicht so selten, wie man denkt. Es handelt sich immer um die gleiche Pervertierung eines Markts, der keiner mehr ist.

Eine ADAC-Tankexpertin erklärt: „Die Spritpreise sind stärker gestiegen, als es der wegfallende Tankrabatt rechtfertigt!“

Dafür gibt es derzeit einen Run auf französische Tankstellen: Die Regierung in Paris hat den eigenen Tankrabatt erhöht. Und so machen wir uns einfach mit dem Nationaldichter Victor Hugo Mut: „Gott hat nur Wasser geschaffen, aber der Mensch machte den Wein.“

Zu den überflüssigsten Debatten der letzten Wochen gehörte der Streit um eine Verlängerung der noch vorhandenen Atomkraftwerke. Jeder weiß um die Risiken dieser Technik. Jeder weiß aber auch, dass angesichts des großen Erpressungsspiels von Wladimir Putin jede einzelne eigene Stromkapazität zählt. Den Beweis für eine temporäre Pro-AKW-Lösung bekommt der notorische Zweifler Robert Habeck jetzt in Gestalt des zweiten Stresstests zur Versorgungssicherheit.

Die vier Betreiber der Stromnetze – 50Hertz, Amprion, Tennet und TransnetBW – meinen, es könne sinnvoll sein, zwei der drei noch aktiven Meiler zum Jahresende nicht vom Netz zu nehmen. Es sieht deshalb so aus, als könne sich Wirtschaftsminister Habeck dafür entscheiden, Isar 2 und Neckarwestheim 2 befristet, im „Streckbetrieb“ mit vorhandenen Brennstäben, weiter laufen zu lassen. Das AKW Emsland würde hingegen keinen Strom mehr liefern. Die Atomdebatte um den Ausstieg aus dem Ausstieg ist keine Phantomdebatte mehr.

Foto: dpa

Wenn Sie die technischen Details noch besser verstehen wollen, kann ich auf ein Podcast-Gespräch verweisen, das meine Kollegin Kathrin Witsch jüngst in der Reihe „Green & Energy“ unter dem Titel „Atomkraft – ja, bitte?“ geführt hat. Ihr Counterpart: Felix Christian Matthes, Umweltökonom und Energie-Experte beim Öko-Institut.

In Russland sorgt das Energiegeschäft nach dem Einfall in die Ukraine für Sanktionen, explodierende Preise, sprudelnde Gewinne – und mysteriöse Todesfälle von Oligarchen und Topmanagern. Man stürzt hier schon mal aus einem Fenster, im Fall von Rawil Maganow aus einem Krankenhausfenster im sechsten Stock. Der CEO des privaten Ölgiganten Lukoil, eines Rivalen der Staatskrake Rosneft, war wegen eines Herzinfarkts eingeliefert worden.

Noch bizarrer starb im Mai sein Ex-Vorstandskollege Alexander Subbotin: Er ließ sich angeblich von einem Schamanen-Paar Krötengift in eingeritzte Wunden träufeln, gefolgt von Geisterbeschwörung, Tieropfern und einem Hahnenblutbad – was der Milliardär nicht überlebte. Zu den anderen seltsamen Todesfällen gehören ein Exitus im Pool mit Schusswunde, Sterben im Badezimmer, Ableben durch Erhängen oder per Klippensturz auf einer Wanderung. Verteilungskämpfe der italienischen Mafia werden ähnlich gelöst, nur taucht manchmal kein Leichnam auf.

Niemand wird behaupten können, dass die Lufthansa einen Lauf hat. Erst verpatzte sie mit unrealistischen Flugplänen das Comeback nach der Pandemie, dann scheiterte vorerst die Übernahme der italienischen Fluglinie ITA – und heute muss die Fluggesellschaft 800 Flüge ausfallen lassen. Die Drehkreuze Frankfurt und München sowie 130.000 Passagiere sind betroffen. Streik!

Das Management um Vorstandschef Carsten Spohr, einen einstigen Piloten, kommt mit den Tarifforderungen der Vereinigung Cockpit (VC) der Piloten nicht klar, die 5,5 Prozent mehr Lohn bis Jahresende plus Inflationsausgleich fordert. Das würde 16 Prozent höhere Lohnkosten bedeuten, sagt die Lufthansa – und droht, im Fall einer Nichteinigung mit der VC die Zubringerflüge für Frankfurt und München an die geplante Cityline 2.0 zu übergeben. Weil es auch Tarifgespräche mit der Kabinengewerkschaft UFO gibt, dürfte sich das Jahr der Flugstreichungen munter fortsetzen.

In seinem ersten Interview als Chef von Volkswagen zeigt sich Oliver Blume federnd wie ein guter Stoßdämpfer. Man erkennt auf den ersten Blick wenig Unterschied zum herauskomplimentierten Vorgänger Herbert Diess, beide schwören auf „robuste, konsistente Finanzplanung“. Neu ist, dass Blume viel Wert auf die Feststellung legt, seit Heinrich Nordhoff der erste Niedersachse am Steuer in Wolfsburg zu sein (nach 28 VW-Jahren), wohingegen der Österreicher Diess von BMW an den Mittellandkanal gestoßen war.

Im Einzelnen sagt der neue CEO von VW und alte CEO der wichtigsten Tochter Porsche über...

  • seine Doppelchefrolle: „Das strategische Führen des Konzerns und das operative Leiten einer Marke unterscheiden sich deutlich – und ergänzen sich ideal. Damit bin ich eng an die Technologien, die unternehmerischen Prozesse und die Talente angebunden.“
  • einen Börsengang von Porsche: „In diesem Fall wäre die Porsche AG ein unabhängiges Unternehmen ohne Weisungsbefugnisse der Volkswagen AG. Was meine persönliche Rolle betrifft, bin ich beim geplanten Börsengang aufseiten der Porsche AG. An diesbezüglichen Entscheidungen des Volkswagenkonzerns bin ich nicht beteiligt.“
  • einen Jobabbau: „Ich denke immer in Chancen. Kosten senken ist noch keine Strategie. Der Schlüssel ist das richtige Produktangebot.“
Foto: Thomas Kuhlenbeck

Es gibt in diesen Tagen alle möglichen Krisen, nur keine Arbeitslosenkrise. Man beobachte schon seit Jahren, „dass sich Wirtschaftsentwicklung und Arbeitsmarkt ein Stück weit entkoppelt haben, auch weil die demografische Entwicklung mittlerweile durchschlägt“, bilanziert Andrea Nahles, neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit und alte Chefin der SPD, im Handelsblatt-Gespräch.

Arbeitslose seien im Schnitt nur noch 19 Wochen in Nürnberg gemeldet, der Mangel an Arbeitskräften spitzt sich zu. „Besser heute als morgen“, kommentiert Nahles die Pläne ihrer früheren Politkollegen in Berlin, die Zuwanderung zu erleichtern. Ein großes Problem sei, dass von 1,14 Millionen Menschen, die jährlich zu uns kommen und sich von der Bürokratie nerven lassen, zwei Drittel weiterziehen. Nahles: „Wir sehen uns offenbar immer noch nicht in letzter Konsequenz als Einwanderungsland.“

Mein Kulturtipp zum Wochenende: „KI 2041 – zehn Zukunftsvisionen“ von Kai-Fu Lee und Quifan Chen. Bestsellerautor Lee, dessen letztes Buch „AI Superpowers“ ein großer Erfolg war, hat sich hier mit einem Science-Fiction-Autor zusammengetan, um zehn Geschichten rund um Phänomene einer „Technologiekarte“ zu erzählen.

Es geht um Themen wie selbstfahrende Autos oder Deep Learning. Nach jeder dieser Episoden erläutert der Computerwissenschaftler die Technik hinter dem Beschriebenen. Zum Beispiel wie Neuronale Netze gegeneinander antreten, um sich beim Erzeugen und Erkennen manipulierter Videos, Stimmen oder Bilder zu überbieten. Das Buch ist die Nummer drei auf unserer Shortlist zum Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2022.

Und dann ist da noch Transformationsforscherin Maja Göpel, die jüngst von der „Zeit“ mit dem Verbum „göpeln“ bedacht wurde. Es war herausgekommen, dass an ihrem gefeierten Bestseller „Unsere Welt neu denken“ der Journalist Marcus Jauer mitgeschrieben hatte, auf eigenen Wunsch aber unerwähnt blieb. Beim neuen Buch „Wir können auch anders“ können alle tatsächlich anders und es heißt: „Unter Mitarbeit von Marcus Jauer“.

Im Handelsblatt-Interview fragt Göpel angesichts des multiplen Problemdrucks (Klima, Pandemie, Energie, Krieg): „Warum trauen wir uns nicht mehr zu?“ und fordert einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ – nicht als „Bitte-bitte-Umverteilmodus“, sondern als politisches Maßnahmenpaket, „das soziale und ökologische Ziele gut verbindet“. Deutlich wird sie bei SUVs, den Gewinnvehikeln der Autoindustrie und ihrer Ingenieure: 2,5 Tonnen zu binden, um 70 Kilo fortzubewegen, sei – selbst wenn wir das irgendwann CO2-neutral hinbekommen – „ein ziemlich unökonomischer Ressourceneinsatz“.

Als Experten können wir hier Arthur Schopenhauer in den Zeugenstand bitten: „Gesunder Menschenverstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber kein Grad von Bildung den gesunden Menschenverstand.“

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende, an dem ihr gesunder Menschenverstand Ihnen wahrscheinlich sagen wird, genau auf Benzinverbrauch und Tankrechnung zu achten. Ich verabschiede mich erst einmal für zwei Wochen in den Urlaub. Am Montag wird mein bewährter Kollege Christian Rickens den Weckdienst übernehmen. Bonne chance!

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