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Morning Briefing PlusDie Bahn und ich – eine Lovestory ohne Happy End

Die Bahn ist besser als ihr Ruf – das war lange meine Überzeugung. Bis ich an einem Freitag vergeblich von einem Bahnsteig zum anderen hetzte. Den künftigen Bahn-Chef beneide ich nicht.Martin Knobbe 23.08.2025 - 08:47 Uhr Artikel anhören
Martin Knobbe, stellv. Chefredakteur Handelsblatt Foto: Handelsblatt

Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück zu unserem Blick auf die wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Tage. Zuerst aber mal ein Geständnis.

Ich liebe die Bahn. Keine Ablenkung, kein Multitasking, nur das Summen der Räder und die vorbeiziehenden Landschaften, die einem die Gedanken sortieren. Es gibt keinen besseren Ort, Texte zu schreiben und große Ideen zu spinnen. Ich sitze oft im Zug, zwischen Berlin und Düsseldorf, der ICE fährt fast jede Stunde.

Ich habe die Bahn deshalb immer verteidigt, gegen das populäre Aufjaulen, wenn irgendetwas nicht läuft. Flugzeuge sind auch verspätet, Autos stehen im Stau, und wenn ein Baum auf die Oberleitung fällt, kann der Bahn-Chef in der Regel nichts dafür.

ICE der Deutschen Bahn: Keine Ablenkung, kein Multitasking. Foto: dpa

Vor Kurzem aber fand meine unbedingte Zuneigung ihr Ende. Es war ein Freitag, ich wollte von Düsseldorf nach Berlin. Als ich am Hauptbahnhof ankam, zeigte mir der DB-Navigator an, dass der ICE ausfällt. Also wartete ich in der Lounge die Stunde ab, um dann zu erfahren, dass auch der nächste Zug ausfällt. Personen im Gleis, ein Brand? Ich weiß es nicht mehr.

Der Navigator bot eine Alternativstrecke mit dem Regionalexpress bis nach Bielefeld an, um dort in einen ICE umzusteigen. Ich rannte zum Bahnsteig, um festzustellen, dass der Zug weder auf der Gleisanzeige noch sonst wo zu finden war. Ich ging zurück zur Lounge. Der Mitarbeiter sagte mir, der Zug sei auf einem anderen Gleis abgefahren. Er suchte mir eine neue Verbindung heraus. Ich musste wieder rennen.

Am anderen Bahnsteig war der besagte Zug wieder nicht angezeigt. Ich rannte nach unten und klapperte die Gleisaufgänge ab, ob der Zug irgendwo anders angekündigt war. War er nicht. Mein Navigator meldete nur noch Ausfälle, der Lounge vertraute ich nicht mehr, ich versuchte es im Reisezentrum. Dort bekam ich eine völlig neue Verbindung mitgeteilt.

Bahn-Chaos irgendwo in Hamburg: Wenn die Zuneigung ein Ende findet. Foto: dpa

Auf meinem dritten Bahnsteig des Tages war zwar kein Zug, aber immerhin eine Anzeige, die ihn vermeldete. Mit 20 Minuten Verspätung kam er dann auch. Den ICE in Bielefeld erreichte ich nicht mehr, dafür eine knappe Stunde später einen anderen. Kurz nach Mitternacht war ich in Berlin.

Ich beneide den Nachfolger von Richard Lutz als Chef der Deutschen Bahn nicht. Er muss nicht nur den Vorstand verkleinern, Stellen abbauen, die Kundenorientierung verbessern, die Züge pünktlicher machen und die Generalsanierung überprüfen. Es fängt schon damit an, dass Lounge-Mitarbeiter, der Navigator, die Gleisanzeige und das Reisezentrum offenbar in unterschiedlichen Welten leben. Sollten sie nicht alle Zugriff auf dieselben Informationen und Daten haben?

Noch-Bahn-Chef Lutz: Nachfolger dringend gesucht. Foto: AFP

„Die Bahn ist ein Sanierungsfall“, sagte Verkehrsminister Patrick Schnieder während seiner Sommerreise, auf der ihn meine Kollegin Josefine Fokuhl begleitet hat. Wer wollte dem widersprechen? In einem Monat will Schnieder seine neue Bahn-Strategie vorstellen. Und vielleicht dann auch die Person, die sie künftig umsetzen wird.

Bis dahin übe ich das, was man im ICE am besten kann: Geduld. Und falls es doch wieder schiefgeht – die Hotline der Bahn, sagte mir gestern ein Kollege, soll hervorragend sein.

Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:

1. War die erste Amtszeit von Donald Trump noch chaotisch und erratisch, wirkt die Administration nun deutlich disziplinierter. Was Trumps Stabschefin Susie Wiles damit zu tun hat, wie viele Menschen im Weißen Haus womöglich bald in einem neuen Ballroom tanzen können, und warum Trump als wirkmächtigster Präsident in die amerikanische Geschichte eingehen könnte, beschreibt US-Korrespondentin Annett Meiritz in einem sehr spannenden Inside-Report aus dem Weißen Haus.

Illustration des Weißen Hauses: Der Umbau der Machtzentrale durch Trump erfolgt auch buchstäblich. Foto: Adrià Fruitós

2. Es waren Tage der Gipfeldiplomatie. Erst traf sich US-Präsident Donald Trump mit Kremlchef Wladimir Putin in Alaska, dann empfing er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und europäische Vertreter im Weißen Haus. Frieden in der Ukraine gibt es zwar immer noch nicht, dafür eine handfeste Debatte über Sicherheitsgarantien für das Land und die Frage, ob dann auch Deutschland Soldaten schicken würde, um die Ukraine gegen künftige Aggressionen abzusichern. Wie groß eine solche Friedenstruppe sein müsste, hat ein Team des Handelsblatts recherchiert.

3. Die Nato wird von einer 95 Jahre alten Generalsekretärin geführt, die Verteidigungsallianz wird aus dem Weltraum bedroht: So ist das Zukunftsszenario eines Comics über die Nato im Jahr 2099, auf den meine Kollegin Virginia Kirst gestoßen ist, als sie das Nato Defense College in Rom besucht hat. In ihrer Reportage erzählt sie, was die Führungskräfte von morgen dort über den Krieg der Zukunft lernen.

Virgina Kirst, Italien-Korrespondentin, im Interview mit Nato-Forschungsdirektorin Florence Gaub am Nato Defence College. Foto: NDC

4. Entwickelt sich der Hype um Künstliche Intelligenz zu einer Blase? Droht gar ein Crash? Zumindest gibt es Anzeichen dafür, dass die große Begeisterung auf den Märkten übertrieben sein könnte: Die Aktienkurse großer Tech-Konzerne in den USA sind zuletzt zum Teil deutlich gefallen. Und die technologischen Erfolge schlagen sich bislang kaum in den Bilanzen nieder. „Befinden wir uns in einer Phase, in der Investoren insgesamt überdreht sind, was KI angeht?“, fragte sich OpenAI-Gründer Sam Altman kürzlich bei einem Abendessen mit Journalisten und gab auch gleich die Antwort: „Ich denke, ja.“

5. Vor zehn Jahren, im Flüchtlingssommer 2015, sagte Angela Merkel ihren berühmten Satz „Wir schaffen das“. Barbara Gillmann und Frank Specht aus der Handelsblatt-Hauptstadtredaktion haben sich gefragt: Haben wir es geschafft? Ihre Analyse konzentriert sich auf den Arbeitsmarkt. Sie zeigt ein durchwachsenes Bild – und räumt mit manch gängigem Klischee auf. Etwa mit der Vermutung, die meisten Geflüchteten seien noch arbeitslos. Die nachfolgende Grafik zeigt ein anderes Bild.

6. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet spielt eine zentrale Rolle für die deutsche Energiewende. Noch gehört Tennet dem niederländischen Staat – doch das könnte sich bald ändern, wie unsere Finanz- und Energiereporter am Donnerstag berichteten. Wer als Investor infrage kommt, welche Rolle der Bund übernehmen könnte – und weshalb Tennet Deutschland zum „mit Abstand größten Börsengang“ dieses Jahres werden könnte, lesen Sie hier.

7. Arbeiten Sie noch oder influencen Sie schon? Immer mehr Firmen setzen auf sogenannte Corporate Influencer, um ihr Unternehmen eifrig in sozialen Netzwerken zu bewerben. Doch klaffen Schein und Sein in der hippen Netzwelt nicht oft auseinander? Welche Vorteile genießen die Influencer – und wo beginnt die Vermischung von Beruf und Privatleben? Was sich hinter der schimmernden Fassade verbirgt, hat Anna Westkämper recherchiert.

Foto: Getty, Imago, PR, brckmnn [M]

8. ETF-Kursgewinne tauschen – und jeden Monat ein Extra-Einkommen bekommen? So zumindest lautet das Konzept hinter „Covered-Call-ETFs“. In den USA boomen die Finanzprodukte schon länger. Doch auch in Deutschland locken inzwischen Anbieter mit hohen Ausschüttungen. Mein Kollege Martin Müller aus unserem Finanzressort hat für Sie aufgeschrieben, welche Covered-Call-ETFs auch in Deutschland angeboten werden – und ob Experten sie eher als eine Beimischung für Rentner oder als langfristige Anlagestrategie gelten lassen.

9. Ein alter Gockel will wieder fliegen: In Nachkriegszeiten war die Restaurantkette Wienerwald so etwas wie „der kleine Luxus“ für jedermann und jede Frau. Doch aus einer Kultmarke wurde Anfang der 2000er ein Fall für den Insolvenzverwalter. Unser Reporter Sebastian Dalkowski hat die Geschichte und den neuerlichen Comeback-Versuch einer einstigen Ikone aufgeschrieben. Warum man bei Wienerwald immer noch auf Tischbedienung, Nostalgie und Babyboomer setzt, und wie die Kette für Hähnchen werden will, was L’Osteria für Pizza ist, lesen Sie hier.

Geschäftsführer Elberg im Wienerwald: „Wenn es einer schafft, bist du das.“ Foto: Wienerwald
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Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlichst,

Ihr Martin Knobbe

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