Morning Briefing Plus – Die Woche: Die übersehenen Helden
Liebe Leserinnen und Leser,
willkommen zurück zur vorletzten Ausgabe meines Newsletters in diesem Jahr, in dem ich mich erst einmal sehr herzlich für Ihre Treue bedanken möchte.
Die Zeit zwischen den Jahren, sie ist eine ganz besondere, in der das Alte endet und das Neue noch nicht richtig begonnen hat. Obwohl nur zwei Wochen dazwischenliegen – kaum mehr als eine kurze Auszeit –, fühlt sich dieser Übergang doch immer an wie eine größere Zäsur. Und irgendwie gilt das dieses Jahr ganz besonders.
Ich nehme mir für diese Zeit immer zu viel vor. Der Stapel von Büchern und Artikeln neben unserem Sofa ist jetzt schon zu groß, und es kommen sicher noch einige dazu. Ich versuche auf jeden Fall, „Right Kind of Wrong – Why Learning to Fail can Teach us to Thrive" von Amy Edmondson zu lesen und endlich die Oppenheimer-Biografie. Alles andere werden wir sehen.
Es ist aber auch die Zeit, um über die nächsten Monate nachzudenken, größere Projekte, die Strategie für die nächste Zeit und über das Jahr, das da nun kommt.
Ökonomisch wird es zäh, kaum Wachstum, das wissen Sie alles. Und ich ahne schon, welche Stimmung uns auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erwartet, das am 15. Januar beginnt. Über den gefährlichen Pessimismus der Eliten hatte ich ja vergangene Woche schon geschrieben.
Aber auch für uns Medien ist es eine heikle Zeit, darüber denke ich gerade viel nach. Natürlich ist es unsere Aufgabe, die Welt zu beschreiben, wie sie ist. Was wir da allerdings gerade sehen, ist kein schönes Bild. Eine seit Monaten zerstrittene Bundesregierung, ein immer wahrscheinlicheres Comeback von Donald Trump, der Konflikt um Taiwan, der schon bei den Wahlen dort im Januar eine neue Dimension erreichen kann, und die Kriege in der Ukraine oder im Gazastreifen.
Die Welt befindet sich im Ausnahmezustand, und nächstes Jahr wird sich der Westen so fragil zeigen wie seit Jahrzehnten nicht.
Eine wachsende Zahl von Menschen will von alledem nichts mehr wissen. Psychologen beobachten eine immer größere Newsmüdigkeit. Nur noch 52 Prozent der Erwachsenen sagen laut einer Studie des Reuters Institute, dass sie „überaus oder sehr" an Nachrichten interessiert seien. 2022 waren es noch 57 Prozent, besonders stark sinkt das News-Interesse bei Jüngeren. Rund 65 Prozent versuchen, Nachrichten gelegentlich aktiv aus dem Weg zu gehen.
Wir könnten nun lange darüber lamentieren, was diese Newsmüdigkeit für die Demokratie und das Superwahljahr 2024 bedeutet, in dem fast die Hälfte der Menschen neue Regierungen wählen wird. Doch in dieser Diskussion übersehen wir oft: die Rolle der Medien für diese Newsmüdigkeit.
Wir Journalisten sezieren das Siechtum bis ins Detail, das musste ich im abgelaufenen Jahr oft bei der Wirtschaftsberichterstattung denken. Natürlich sind die Probleme groß, keine Frage. Doch die lange Reihe von schlechten Nachrichten sorgt für ein Gefühl von Hilflosigkeit und Resignation.
Vor lauter Problemen übersehen wir Medien allzu oft diejenigen, die trotz allem etwas Neues wagen: Die Unternehmen, die trotz Krise investieren, die Gründer, die trotzdem ein Start-up aufbauen, die Wissenschaftler, die immer noch über die Zukunft nachdenken.
Medien müssen die Welt beschreiben, wie sie ist. Gerade deshalb müssen wir auch die Köpfe identifizieren, die sich nicht abfinden wollen mit dem allgemeinen Untergangsgejammer. Sie inspirieren mit ihren Ideen. Sie sind der Lichtblick in einer Zeit, in der sich viele ohnmächtig fühlen. Ihre Geschichten sind das wirkvollste Mittel gegen die Newsmüdigkeit. Sie sind die übersehenen Helden dieser Tage.
Wir leben in einer Zeit, in der die Probleme so fundamental sind, dass sie mit bisherigen Instrumenten nicht mehr gelöst werden können. Das erlebt die Bundesregierung derzeit genauso wie viele Konzerne, die vor einem nie da gewesenen Umbau ihres Geschäfts stehen.
Deshalb müssen wir uns mit möglichen Lösungen auseinandersetzen. Das wollen wir beim Handelsblatt 2024 noch intensiver tun. Schon dieses Jahr haben wir mit vielen Ökonominnen und CEOs über ihre Ideen für Deutschlands Zukunft gesprochen, haben große Interviews geführt, zahlreiche Titelgeschichten dazu veröffentlicht.
Diese Ideen werden 2024 noch mehr ins Zentrum unserer Berichterstattung rücken. In großen Interviews, Serien und auf speziellen Veranstaltungen werden wir uns so intensiv wie nie mit der Frage beschäftigen, wie dieses Land stärker aus der Krise herauskommen kann.
Fast jeder zweite Deutsche zweifelt an der Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Damit wollen wir uns nicht abfinden.
Das Handelsblatt war schon immer das Medium für diejenigen, die trotzdem handeln. Das gilt 2024 mehr denn je.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1: Ich möchte Ihnen diese Woche drei bemerkenswerte Interviews empfehlen. Zum einen das Gespräch mit Wirtschaftsminister Robert Habeck, der im Handelsblatt einen ganz persönlichen Rückblick auf ein für ihn höchst turbulentes Jahr wagt. Er spricht über persönliche Fehler beim Heizungsgesetz, den Fall seines geschassten Staatssekretärs Patrick Graichen, den Streit um die E-Auto-Förderung – und warum er dennoch optimistisch aus dem Jahr geht.
2: Ähnlich unter Feuer war dieses Jahr Verkehrsminister Volker Wissing, sicher auch zu Recht. Doch auch er versucht es Ende dieses Jahres im Handelsblatt-Interview mit Optimismus: 2024 dürfte sich die notorisch verspätete Bahn deutlich verbessern. Und er hat dafür ziemlich gute Argumente.
3: Und dann wäre da noch Benedetto Vigna, der seit zwei Jahren CEO des Luxusautobauers Ferrari ist. Unser Italien-Korrespondent Christian Wermke spricht als erster deutscher Journalist mit Vigna über die Balance zwischen Tradition und Innovation bei Ferrari – und die vorsichtige Abkehr vom Verbrenner. Der Automanager sieht in der aktuellen Krise übrigens vor allem Chancen, zum Beispiel für Innovation.
4: Ich habe noch mehr Optimismus für Sie. Trotz Jahresendrally und Dax-Rekord prognostizieren die wichtigsten Kapitalmarktexperten der Banken einen weiter steigenden Dax, das ergab eine exklusive Handelsblatt-Umfrage. Grund für den Optimismus: die erwarteten Zinssenkungen der Zentralbanken.
5: Unsere Redaktion wird die Asien-Berichterstattung im nächsten Jahr stark ausbauen. Und da fällt der Blick schon im Januar auf Taiwan, auf einen der aktuell gefährlichsten Orte der Welt. Denn der Inselstaat steht vor einer Richtungswahl: Rückt Taiwan näher an China heran – oder gewinnt die chinakritische Strömung? Peking hat seine Position schon mehrfach klargemacht: An der Wiedervereinigung führe kein Weg vorbei – notfalls werde das Regime Gewalt anwenden. Mein Kollege Martin Kölling war vor Ort, um die Stimmung zu beschreiben.
6: Das ist traditionell einer der bestgelesenen Texte des Jahres: Jedes Jahr analysiert meine Kollegin Laura de la Motte die wichtigsten steuerlichen Änderungen für Privatleute. Hier lesen Sie, wo Steuerzahler besonders profitieren.
7: Über diese Zahl musste ich diese Woche noch länger nachdenken: Die Commerzbank braucht bis 2034 rund 20.000 neue Mitarbeiter. Das ist pro Jahr nicht viel, summiert sich aber auf. Und die Entwicklung dürfte bei anderen deutschen Unternehmen ähnlich sein. Was wir hier erleben, sind die ersten konkreten Zahlen der gigantischen Arbeitskräftelücke, auf die wir gerade zulaufen.
8: Es ist die Personalie der Woche: Markus Kamieth wird neuer BASF-Chef. Die Nachricht kam zwar nicht sonderlich überraschend, es lief schon seit Monaten auf ihn zu. Seine Aufgaben sind dafür umso größer. Mein Kollege Bert Fröndhoff beschreibt, welche Probleme der Asienexperte Kamieth als Erstes lösen muss.
9: Damit Sie beim Weihnachtsessen mit den Jüngeren dieses Jahr sprechfähig sind, haben wir eine ganz besondere Wochenendlektüre für Sie vorbereitet: In einer großen Titelgeschichte haben Autorinnen und Autoren des Handelsblatts das Milliardengeschäft der Influencer analysiert. Sie beschreiben, wer die wichtigsten Köpfe der Szene sind, wie ihr Geschäftsmodell funktioniert und wie sie heute schon die Wirtschaft beeinflussen. Die Szene, so viel ist klar, wird mehr und mehr zu einem Wirtschaftsfaktor. Glauben Sie nicht? Tiktok-Stars wie Khaby Lame verdienen bis zu 750.000 Dollar pro Videonachricht. Zu ihren Kunden gehören einige der größten Konzerne der Welt. Doch, Sie ahnen es, das Ganze birgt auch Risiken.
Lassen Sie mich wissen, ob Sie mit diesem Wissen unterm Baum punkten konnten.
Zunächst aber wünsche ich Ihnen ein frohes Weihnachtsfest.
Herzlichst
Ihr
Sebastian Matthes
Chefredakteur Handelsblatt
PS. Wenn Sie während der Weihnachtsfeiertage und zwischen den Jahren Zeit für ein gutes Buch haben, möchte ich Ihnen noch die Liste mit zehn Romanen empfehlen, die unsere Handelsblatt Redaktion dieses Jahr am meisten beeindruckt haben.