Morning Briefing Plus: Macron überschätzt sich selbst
Liebe Leserinnen und Leser
willkommen zurück zu unserem Blick auf eine Woche, in der sich in Paris die Ereignisse überschlugen. Als Emmanuel Macron Mittwochabend nach einer Reise durch Saudi-Arabien in Paris landete, hatten die Abgeordneten der Nationalversammlung gerade damit begonnen, die französische Regierung abzusetzen. Als Macrons Autokolonne im Élysée-Palast einrollte, war das Schicksal des erst vor drei Monaten ernannten Premierministers Michel Barnier besiegelt.
Ausgerechnet der Mann, der von deutschen CEOs, Investorinnen und Technologiegründern lange als Superstar gefeiert wurde, steht vor den Scherben seines politischen Erbes.
Dabei hat Macron viel bewegt. Während die Direktinvestitionen in Deutschland sinken, erreichen sie in Frankreich neue Rekordwerte. Paris ist zu einem der wichtigsten europäischen Finanz- und Hightech-Zentren geworden. Mit Mistral hat Frankreich den KI-Superstar, den sich viele in Deutschland gewünscht hätten. Und mit seinen Arbeitsmarkt- und Rentenreformen hat der französische Präsident das gesamte Land modernisiert.
Doch Macron hat vier große politische Fehler gemacht, von denen auch die nächste Bundesregierung lernen kann. Denn der Reformbedarf ist in Deutschland mindestens so groß wie in Frankreich.
Fehler Nummer 1: Macron hat sich zuletzt immer öfter selbst überschätzt, was in der waghalsigen Entscheidung zu Neuwahlen gipfelte, mit denen er sein Land in eine andauernde politische Krise stürzte.
Fehler Nummer 2: Für ihn waren Hightechfirmen und Investmentbanker immer interessanter als die Probleme der einfachen Leute. Und so hat er sich zu wenig darum bemüht, seine in der Sache richtige Reformagenda zu erklären und sie für seinen Weg zu begeistern. Die Geschichte seiner Präsidentschaft ist die Geschichte einer Entfremdung zwischen den Franzosen und ihrem Präsidenten.
Fehler Nummer 3: Macron war zunehmend kritikunfähig, eine Eigenschaft, die viele Spitzenpolitiker über die Zeit entwickeln (siehe Olaf Scholz). Und so gab es von dem französischen Präsidenten bis hin zur großen TV-Ansprache Donnerstagabend: kein Hadern, keine Selbstkritik. Stattdessen: Durchhalteparolen. Viele Franzosen sind davon nur noch genervt.
Fehler Nummer 4: Weil Macron aber den Menschen nicht richtig zuhört, schätzt er sein Land immer öfter falsch ein. Politik funktioniert anders als eine Investmentbank, wo er einst gelernt hat. Sie ist ein ständiges Ringen um Mehrheiten und Kompromisse. Dazu war Macron zuletzt immer weniger bereit.
Das ist nicht nur tragisch für die stolze Nation Frankreich, die nun Richtung politisches Chaos driftet. Das ist auch ein Problem für den gesamten Kontinent. Denn Europa war immer dann stark, wenn Frankreich und Deutschland gemeinsam stark waren. Davon ist nun schon lange keine Rede mehr. Schon weil Macron und Scholz nie miteinander warm geworden sind.
Immerhin haben die beiden noch eins gemeinsam: Beiden ist es gelungen, die Hälfte ihres Landes gegen sich aufzubringen.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. FDP-Chef Christian Lindner hat sich einiges anhören müssen, seit er am Sonntag in einem Fernsehinterview das erste Mal davon sprach, Deutschland müsse mehr Milei und Musk wagen. Eine radikalere Reformagenda also, um das Land wieder auf die richtige Spur zu bringen. Milei statt Mietpreisbremse? Den einen spricht Lindner damit aus der Seele. Für die anderen ist es nur ein populistischer Versuch, von dem D-Day-Wirbel um die FDP abzulenken. Klar ist: In Zeiten einer stagnierenden Wirtschaft und zunehmender Staatsgläubigkeit braucht Deutschland mehr Liberalismus. Nur welchen? Und: Hat Christian Lindner am Ende recht? Diese Fragen beantwortet unsere große Analyse zum Wochenende, die unser Grafik-Team mit dieser wunderbaren Illustration perfekt auf den Punkt gebracht hat:
2. Weniger Kettensägen, stattdessen mehr Freiheit fordert dagegen FDP-Hoffnungsträger Johannes Vogel im Handelsblatt-Interview. Und er empfiehlt den Deutschen „etwas mehr Ambiguitätstoleranz“. Während ich dieses Gespräch las, musste ich denken: Mit solchen Köpfen hat die FDP in jedem Fall eine Zukunft. Bleibt nur zu hoffen, dass seine Stimme auch durchdringt.
3. Blicken wir auf den Bitcoin, bleibt eigentlich vor allem eine Frage: Wie lange geht das noch gut? Seit Wochen schon erreicht er immer neue Rekordmarken, diese Woche sprang er erstmals über die Marke von 100.000 Dollar. Wie nachhaltig ist das alles? Und vor allem: Sollte man jetzt noch einsteigen? Lesen Sie hier unsere große Analyse dazu.
4. Es ist auf den ersten Blick ein sprödes Thema – und doch ist es existenziell für unsere Zukunft: Die EU und die Mercosur-Staaten haben sich auf einen Freihandelsvertrag geeinigt. Damit enden nun 25 Jahre dauernde Verhandlungen. Alle Details zu dem historischen Ereignis finden Sie hier.
5. Fox News oder Familienstreit? Bei den Murdochs ist derzeit unklar, wer die größere Show liefert. Denn im Murdoch-Clan tobt ein Machtkampf um die Kontrolle über das milliardenschwere Medienimperium, während Fox News politisch wieder kräftig mitmischt. Die Murdochs haben lange die Nachrichten gemacht – jetzt sind sie selbst der Aufmacher, und zwar in der Story unserer New-York-Korrespondentinnen Astrid Dörner und Katharina Kort.
6. Teure Berater, die jahrelang nicht im Haus waren, Verluste bei der Kernmarke und wirre Onlineauftritte: Lufthansa, Europas größter Airline-Konzern, hat einige Baustellen. All das soll sich mit einem neuen Umbauplan ändern, berichtet exklusiv unser Airline Reporter Jens Koenen. Eigentlich soll nur eins bleiben, wie es ist. Aber sehen Sie selbst.
7. Und noch ein anderes Thema beschäftigt die deutsche Industrie: Die Krise bei dem schwedischen Batteriehersteller Northvolt bringt deutsche Hersteller in Bedrängnis. Porsche und Audi müssen womöglich neue Modelle verschieben.
8. Ich weiß nun auch nicht, wie ich es Ihnen am Nikolaustag schreiben soll, an dem ich gerade diesen Newsletter verfasse (der Schoko-Nikolaus auf meinem Schreibtisch schon halb erledigt): Aber es sieht nicht gut aus für die Dubai-Schokolade von Lindt. Ein deutscher Unternehmer wirft dem Schokoladenhersteller nun Verbrauchertäuschung vor, denn die Schokolade kommt gar nicht aus Dubai. Die Sache ist also ernst. So ernst übrigens, dass schon in Autos eingebrochen wurde, um die Dubai-Schokolade vom Sitz zu klauen.
9. Aber ich verstehe die Welt sowieso nicht mehr. Die bei Jägermeister sind nicht nur unglaublich erfolgreich, sie verkaufen jetzt auch Tequila. Das ist so, als würde Coca-Cola ins Geschäft mit Kohlrabisaft einsteigen. Wenn das so weitergeht, verkauft Ikea bald Autos – und wir müssen die selbst zusammenschrauben.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Herzlich
Ihr
Sebastian Matthes