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Morning BriefingRevolution gegen Facebook

Hans-Jürgen Jakobs 06.10.2021 - 06:20 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Weltöffentlichkeit kennt jetzt das Gesicht von Frances Haugen. Eine „All-American Woman“, die nun vor dem US-Senat über ihre Erlebnisse im Datenbetrieb Facebook berichtete, einer Macht des Monopolismus im 21. Jahrhundert. Dabei habe sich der Konzern, so Haugen, in der Vergangenheit „wiederholt gegen das Wohl der Gesellschaft und für mehr Profit entschieden“. Die 37-Jährige erhebt drei Hauptvorwürfe:

  • Erstens: Obwohl Facebook weiß, dass sich die Fotoplattform Instagram negativ auf die Psyche von Heranwachsenden auswirkt, habe das Management um CEO Mark Zuckerberg nichts an den Algorithmen geändert.
  • Zweitens: Als Fake News Ende 2019 eine Welle ethnischer Gewalt in Äthiopien verursachten, versagte – anders als geplant – die eingesetzte Künstliche Intelligenz mit der Aufgabe, die Probleminhalte zu entfernen.
  • Drittens: Insgesamt sei Facebook eine „moralisch bankrotte Organisation“, sagt die Whistleblowerin. Zahlen würden Entscheidungen treffen, hier sei eine Aufsichtsbehörde gefragt: „Facebook hat unser Vertrauen nicht verdient.“

Am Montag war die Technik des Zuckerberg-Konzerns am Ende, am Dienstag die Ethik. Es muss wohl der Tag kommen, an dem die Struktur am Ende ist – und Instagram sowie Whatsapp abgespalten werden.

Das Symptom der Krise Chinas heißt Evergrande. Ein Immobilien-Verhau mit fünfmal so viel Verbindlichkeiten wie Eigenkapital. Doch die ganze Volksrepublik, die ökonomisch und sozialpolitisch Großes geleistet hat, ist auf dem Treibsand großer Schulden gebaut, wie unsere Titelstory zeigt. Sie machen 287 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, so wie in den USA und der Eurozone – nur ist das Pro-Kopf-Einkommen dort viel höher.

Und da sind die Schattenbanken im Volumen von acht Milliarden Dollar nicht mitgezählt. „Echtes Wachstum“ nach „fiktionalem Wachstum“, fordert Staatspräsident Xi Jinping in dieser Notlage. Der Mao-ähnliche Herrscher bestraft Ausschweifungen und ließ für den überhitzten Immobilienmarkt verordnen, dass

  • Verbindlichkeiten weniger als 70 Prozent der Vermögenswerte ausmachen,
  • die Nettoverschuldung das Eigenkapital nicht überschreitet
  • und kurzfristige Schulden von Cash gedeckt sind.

Peking ist auf „drei rote Linien“ gekommen und auf das Motto der Soliditätsfreunde: „Nur Bares ist Wahres.“ Doch nun ist ausgerechnet ein weiterer chinesischer Bauträger in akuten Zahlungsschwierigkeiten: die Fantasia Holdings Group. Sagen wir es doch so: „Fantasialand ist abgebrannt“.

107 Jahre alt ist das Institut für Weltwirtschaft in Kiel, große Ökonomen wie Herbert Giersch oder Horst Siebert standen ihm vor. Doch irgendwie ist das Renommiergebilde zur akademischen Durchgangsstation geworden, jedenfalls für Gabriel Felbermayr. Der entschwand vorige Woche nach nur zweieinhalb Jahren nach Wien.

Foto: Imago Images

Interimistisch treten nach unseren Informationen Stefan Kooths und Holger Görg die Nachfolge an. Da in der Stiftung des öffentlichen Rechts auch das Land Schleswig-Holstein, die Bundesregierung, die Leibniz-Gemeinschaft und die Kieler Uni mitreden, ist wohl eine Doppelspitze fürs Erste die logische Folge. Es wird aber weiter nach einem Präsidenten gefahndet – der künftig nicht mehr alleine haftet. Geschäftsführerin Birgit Austen-Bosy soll gleichgestellt werden. Das macht die Sache nicht gerade einfacher.

Wenige Wochen vor der Weltklimakonferenz in Glasgow hat das Nobel-Komitee in Stockholm einfühlsam darauf eingestimmt. Es vergab den Nobelpreis für Physik unter anderem an den Deutschen Klaus Hasselmann, den Ex-Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts. Der hat über Weltklimamodelle geforscht – Basis für umweltpolitische Maßnahmen wie das Pariser Klimaschutzabkommen.

Er teilt sich die mit rund 985.000 Euro dotierte Hälfte des Preises mit dem Japaner Syukuro Manabe, die andere Hälfte geht an den Italiener Giorgio Parisi. Stundenlang war der 89-jährige Hasselmann nach Bekanntgabe der Nobel-Entscheidung nicht erreichbar gewesen, ehe er sich dann Journalisten gegenüber überrascht zeigte: „Ich will gar nicht aufwachen, für mich ist das ein schöner Traum. Ich bin ja jetzt pensioniert und in letzter Zeit war ich ein bisschen faul.

Zu den vielen Fehlleistungen der britischen Regierung gehört es, französische Fischer nicht ausreichend mit Lizenzen für ihre Arbeit bedacht zu haben. Das strapaziert die ohnehin angespannten Beziehungen. Clément Beaune, Europa-Minister in Paris, erklärt frank und frei, die Europäische Kommission könnte die Energiezufuhr für Großbritannien und seine Kanalinsel Jersey vor der französischen Küste drosseln. Eine Entscheidung dürfte innerhalb weniger Tage fallen. Die Briten dächten, „sie könnten für sich selbst leben und gleichzeitig Europa schlechtreden“. Das könne nicht klappen. „Die EU-Kommission bewegt sich, sie muss mehr tun“, erklärt der französische Premier Jean Castex. Hier gilt das alte Sprichwort: „Fische fängt man mit der Angel, Leute mit Worten.“

Foto: dpa

Auf eines kann man sich bei den als „vertraulich“ deklarierten Sondierungsgesprächen für eine neue Bundesregierung verlassen: Wenn da die Union mitredet – jenes leck geschlagene Schlachtschiff vieler Jahre auf dem Weg ins Trockendock –, dann stehen Inhalte der Konversation garantiert in den Medien. Frei nach dem Motto: „Bild Dir Deine Meinung!“

Indiskretion Ehrensache, heißt es in dem mit 15 Emissären ohnehin auffällig groß geratenen Delegationstrupp von CDU und CSU. Dass sich die Gesprächspartner von FDP und Grünen bedröppelt und genervt fühlen, gehört zum System der Souffleure.

Und dann ist da noch Hendrik Wüst, 46, Verkehrsminister in NRW, den der nach Berlin desertierte Armin Laschet zum Nachfolger als Ministerpräsident im einwohnerstärksten Bundesland macht. Der Erhobene kündet mit Blick auf die jüngste Wahlstatistik, viele der eigenen CDU-Wähler seien zur SPD und zu den Grünen abgewandert – weshalb es nicht ratsam sei, die Union weiter rechts zu positionieren. Ähnliches hatte man ihm früher gern unterstellt.

Immerhin hatte Wüst als Generalsekretär der NRW-CDU in jungen Jahren zusammen mit Bayerns Markus Söder ein Positionspapier geschrieben: „Moderner bürgerlicher Konservatismus“. Inzwischen hat sich Wüst so weit liberalisiert, dass er mit den Liberalen eine Regierung führen kann.

Ich wünsche Ihnen einen wundervollen Start in die Woche.

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Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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