Morning Briefing: Schlechte Aussichten: Selbstständige, Start-ups und die Stagnation

Zukunft verbaut: Selbstständige und die Stagnation
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
über die deutsche Wirtschaft lassen sich momentan nur wenig gute Nachrichten vermelden. Leider beginnt auch dieses Morning Briefing mit einem negativen Ausblick. Denn während derzeit alle von der Deindustrialisierung sprechen, trifft die Stagnation Kleinunternehmer und Neugründungen besonders stark. Damit könnte sich die aktuelle Wachstumsschwäche noch verfestigen. Denn das Gros der deutschen Wirtschaft besteht aus Kleinbetrieben.
Dass diese momentan nicht besonders zuversichtlich in die Zukunft schauen, belegen jüngste Auswertungen. Der Jimdo-Ifo-Geschäftsklimaindex für Selbstständige ist im Juli auf den tiefsten Stand seit dem Beginn seiner Erhebung im August 2021 gefallen. Auch das Start-up-Geschäftsklima liegt so tief wie seit Jahren nicht mehr.
Die aktuelle wirtschaftliche Situation belastet kleine Unternehmen besonders stark, da sie über weniger Rücklagen und somit weniger finanzielle Puffer verfügen als Großkonzerne. Katrin Demmelhuber, Ökonomin am Ifo-Institut, warnt: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Schwächephase. Die Selbstständigen können sich dem nicht entziehen.“
Es ist wirklich nicht so, als wäre die momentane Lage arm an Herausforderungen für Unternehmen. Während sie sich um die wirtschaftliche Situation und ihr Geschäft sorgen, müssen viele zeitgleich auch noch den vielleicht größten Umbau bewältigen, den es je zu bewältigen gab: die Transformation hin zum klimaneutralen Wirtschaften.
Schadet der klimafreundliche Umbau der deutschen Wirtschaft – oder geht er zu langsam?
Foto: Imago (2), dpa (2), bmw [M]Das Thema befördert eine hitzige Debatte. Jana Schimke von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (CDU) argumentiert, die Pariser Klimaziele dürften nicht dazu führen, „die Wirtschaft abzuwürgen“. Doch gleichzeitig ist es breiter politischer Konsens, dass klimaschädliche Emissionen so schnell wie möglich gesenkt werden müssen. Nicht nur, um die Erwärmung der Atmosphäre aufzuhalten, sondern auch, um global in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein.
Meine Kolleginnen Anna Gauto und Isabelle Wermke haben Pioniere des grünen Umbaus getroffen und sind der Frage nachgegangen, ob die klimafreundliche Transformation zwangsläufig zur Deindustrialisierung führen muss. Lesen Sie hier den großen Report.
Dass die grüne Transformation nicht nur deutsche Unternehmen umtreibt, zeigt ein Blick auf die sogenannten Petrostaaten, Länder also, die wirtschaftlich von der Öl- und Gasförderung abhängig sind. Saudi-Arabien, Katar und die Emirate sind durch den Verkauf fossiler Brennstoffe reich geworden. Doch auch sie stehen vor dem größten Umbau ihrer Geschichte – hin zu grünen Energien.
Dafür wollen sie ihre Einkommensquellen breiter aufstellen und begeben sich auf gigantische Shoppingtouren in westlichen Volkswirtschaften. Fast 52 Milliarden US-Dollar gaben sie dabei 2022 aus – im Jahr zuvor waren es noch knapp unter 22 Milliarden.
Auf dem Einkaufszettel stehen unter anderem der Chemiekonzern Covestro, der sich bisher noch gegen die Übernahmepläne sträubt. Wenn der staatliche Energieriese Adnoc aus Abu Dhabi sein Angebot auf 65 bis 70 Euro pro Aktie aufstocken sollte, könnten die Leverkusener allerdings schwach werden – wie schon einige vor ihnen. Unter den fünf größten Deals mit Käufern aus dem Nahen Osten befinden sich gleich drei deutsche Unternehmen.
Auch Fußballer scheinen begehrt: Gestern Abend wurde bekannt, dass Superstar Neymar für eine Ablösesumme von „unter 100 Millionen Euro“ von Paris Saint-Germain nach Saudi-Arabien zu Al-Hilal wechseln wird.
Deutschland gibt im Moment Milliardensummen dafür aus, sich eigene Chipproduktionsstätten zu kaufen. Hersteller sollen so von Standorten hierzulande überzeugt werden, um die Produktion der wichtigen Halbleiter innerhalb der heimischen Grenzen zu behalten. Doch Konjunkturreporter Julian Olk fällt ein ernüchterndes Urteil: Die Subventionen seien verschenktes Geld – zumindest, wenn sie nicht mit neuen Rohstoffpartnerschaften einhergingen.
Denn ohne Gallium und Germanium, die zu drei Viertel aus China stammen, steht jede Chipfabrik still. China hat bereits jetzt im Handelsstreit mit den USA eine Genehmigungspflicht für die beiden Halbmetalle erlassen, die auch Europa trifft.
Ein Lösungsansatz für dieses Problem könnte in den Bergen der griechischen Provinz Böotien zu finden sein. Hier liegen die größten Bauxitminen Europas. Das Gestein enthält nicht nur Aluminiumerze – das in Griechenland geförderte Bauxit ist auch besonders reich an Gallium. Die EU-Kommission möchte den begehrten Stoff auf heimischem Boden gerne fördern.
Mineneigentümer Evangelos Mytilineos verspricht gegenüber dem Handelsblatt: „Wir könnten den gesamten Gallium-Bedarf der EU decken.“
Bis wann er dieses Versprechen einlösen will, präzisierte der Unternehmer allerdings nicht.
Wenn auf dem Zeugnis eines Bewerbers der Ausdruck zu lesen ist „Herr Meyer war stets bemüht, seine Aufgaben zu erfüllen“, wird diese Bewerbung vermutlich scheitern. Umso besorgniserregender ist es, dass die Mehrheit der Deutschen ihrem Staat ein eben solches Zeugnis ausstellen würden.
Nur noch knapp 27 Prozent sehen die Behörden hierzulande in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Forsa-Umfrage hervor. „Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit ihres Staates ist damit auf einen neuen Tiefpunkt gesunken“, sagte Beamtenbund-Chef Ulrich Silberbach.
Woran liegt das? Jedenfalls nicht an fehlendem Personal, wie aktuelle Zahlen zeigen. Eher an der Regelungswut des Staates, der seine Behörden regelmäßig selbst überfordert.
Außenministerin Annalena Baerbock auf dem Weg zu ihrem Rückflug.
Foto: dpaZum Abschluss noch ein kurzer Blick auf den Pannenflieger der deutschen Flugbereitschaft, der Annalena Baerbock die Reise nach Australien, Neuseeland und Fidschi vermieste. Das sei „peinlich für ein Land wie Deutschland, das für seine hervorragenden Maschinen und seine Sorgfalt bekannt ist“, kommentiert meine Berliner Kollegin Dana Heide.
Wie immer in solchen Lagen bleibt nur, die Situation mit Humor zu nehmen. Das Satireportal „Der Postillon“ schlug vor, die Außenministerin hätte stattdessen den Regierungstretroller nehmen sollen. Bis nach Neuseeland bräuchte sie damit allerdings eine ganze Weile.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie schnell an Ihr Ziel kommen.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt