Morning Briefing: Wieso die Steuererklärung in Deutschland so ein Alptraum ist
Gefürchtete Erklärung: Der Horror deutscher Steuergesetze
Liebe Leserinnen und Leser,
die ersten Monate des Jahres sind um, der Sommer kommt und so langsam beginnt sie: die Jahreszeit der Furcht. Viele Steuerzahlerinnen und Steuerzahler fürchten die Zeit vor dem 2. September, wenn die nächste Einkommensteuererklärung fällig wird. Denn ihnen ist klar: Wenn sie ihre Daten gewissenhaft angeben und im besten Fall eine Erstattung bekommen wollen, steht ihnen viel Verwirrung und Frustration bevor.
Falls es Ihnen vorkommt, als würde die Erklärung immer komplexer, so liegen Sie richtig. Seit 1980 hat sich die Länge des Gesetzestextes auf rund 200.000 Wörter verdoppelt, hat die Ökonomin Luisa Wallossek von der Ludwig-Maximilians-Universität München für einen Artikel in der Fachzeitschrift „National Tax Journal“ erhoben.
Da erscheint fast märchenhaft, was sich in Estland abspielt: Drei Minuten braucht es dort im Schnitt für die Steuererklärung. Aber auch nur, wenn man wirklich sehr langsam arbeitet.
Für den Wochenendtitel haben sich die Handelsblatt-Experten für Steuer- und Finanzpolitik Martin Greive und Jan Hildebrand das Desaster deutscher Steuergesetzgebung einmal genauer angeschaut. Bei der Lektüre weiß man nicht genau, ob man lachen oder weinen soll.
Für alle, die sich trotzdem selbst an ihre Steuererklärung wagen, haben die Handelsblatt-Finanzkorrespondentinnen Laura de la Motte und Katharina Schneider einen umfangreichen Ratgeber mit vielen wertvollen Steuertipps zusammengestellt. Hier können Sie das PDF-Dossier herunterladen.
Wer sich den ganzen Tag lang schlechten Nachrichten über den Wirtschaftsstandort Deutschland aussetzt, droht, irgendwann in eine ökonomische Depression zu fallen. Deswegen möchte ich Ihnen zu der nun folgenden schlechten Nachricht auch gleich eine gute mitpräsentieren.
Zuerst die schlechte Nachricht: Die Investitionsschwäche in Deutschland droht sich zu verfestigen. Nach neuen Berechnungen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) werden die Investitionen in Deutschland auch Ende 2025 noch 2,9 Prozent geringer sein als zur Zeit vor der Coronakrise 2019. In anderen Ländern entwickeln sich die Zahlen deutlich positiver. In den USA zum Beispiel werden die Investitionen laut IfW-Prognose um 10,8 Prozent steigen.
Jetzt die versprochene gute Nachricht: In einem Zukunftsfeld allerdings ist Deutschland ganz vorne mit dabei. Bei Investitionen in klimafreundliche Technologien stehen wir deutlich besser da als alle anderen europäischen Länder. Das zeigt eine Analyse des Brüsseler Bruegel-Instituts.
Die Ökonomen des Bruegel-Instituts fassen diese neue Vorreiterrolle zusammen:
Bruegel zählt dazu Investitionsprojekte bei Solar, Wind, Wärmepumpen und Batterien. Vor allem im Bereich Solar entwickelt sich Deutschland zu einem echten Erneuerbaren-Hotspot. Allerdings drohen die USA langfristig davonzuziehen. Denn mit dem gewaltigen Konjunkturprogramm Inflation Reduction Act (IRA), unterstützen die Amerikaner just jene grünen Technologien.
Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erklärt im Interview, wieso Investitionen so wichtig sind. Sie ist sich sicher, dass unser künftiger Wohlstand ganz entscheidend daran hängt. „Nur wenn Unternehmen, private Haushalte und der Staat investieren, gelingt die Transformation zu einer klimaneutralen, digitalen und resilienten Volkswirtschaft“, erklärt Köhler-Geib.
Schon wegen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels seien Investitionen unerlässlich, die die Produktivität erhöhen. Welche Faktoren dazu führen, dass es Investitionen derzeit schwer haben und welche Rolle die Politik spielen sollte, um Anreize zu schaffen, erklärt Köhler-Geib im Interview mit Handelsblatt-Konjunkturexperte Julian Olk.
Chinas Botschafter in Berlin, Wu Ken, wehrt sich im Interview mit dem Handelsblatt gegen Vorwürfe, sein Land betreibe Industriespionage. Chinesische Studierende, Forscher, Firmen und hierzulande ansässige Bürger würden laut Wu Ken zu potenziellen Spitzeln abgestempelt. „Genau diese Herangehensweise des Generalverdachts bereitet uns Sorgen“, sagt der Diplomat. Er betont die offenen Gesprächskanäle Chinas in alle Richtungen.
Dabei bezieht er sich sowohl auf den Dialog mit der deutschen Wirtschaft als auch mit den Kriegsparteien Russland und der Ukraine. Zum von den USA vertretenen Vorwurf, China versorge Russland mit Waffen, sagt er: „Wir treten für Frieden und Dialog ein, nicht dafür, Öl ins Feuer zu gießen.“
An anderer Stelle allerdings gibt sich Wu Ken weniger friedliebend. Auf die Frage, ob er ausschließen könne, dass China Taiwan eines Tages militärisch angreifen werde, antwortet er:
Ein klares Nein zu einer chinesischen Invasion des Inselstaats klingt anders.
Was der amerikanische Ökonom und Harvard-Professor Kenneth Rogoff in seinem Gastkommentar für das Handelsblatt andeutet, klingt nach einer tektonischen Verschiebung der europäischen Wirtschaftskräfte. „Die mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften schneiden seit geraumer Zeit besser ab als die westeuropäischen Länder“, analysiert der Ökonom. Polen etwa habe laut Eurostat Portugal beim realen Pro-Kopf-BIP überholt, und Länder wie Rumänien seien auf dem besten Weg, in den nächsten fünf Jahren ähnliche Meilensteine zu erreichen.
Eine weitere Verschiebung bestehe darin, dass Südeuropa mittlerweile schneller wächst als Nordeuropa. Spanien, Portugal und sogar Griechenland übertreffen das deutsche Wachstum seit 2020 deutlich. Rogoff schiebt das zwar zum Teil auf eine Aufholjagd nach den Jahren der globalen Finanzkrise – das Wachstum könne sich aber angesichts der robusten Tourismusindustrie und der geringeren Abhängigkeit vom verarbeitenden Gewerbe noch fortsetzen.
An dieser Stelle noch der Hinweis, dass ich mich fürs Erste von Ihnen verabschiede und die morgendliche Federführung wieder meinem Kollegen Christian Rickens übergebe. Er schuldet Ihnen noch die Auflösung seines Rätsels, in welchen europäischen Hauptstädten er seinen wohlverdienten Urlaub verbracht hat. Ich habe ihm meinen persönlichen Tipp privat zukommen lassen. Ob ich damit richtig liege? Vamos a ver. Ende nächster Woche lesen Sie mich nochmal für ein kurzes Gastspiel.
Ansonsten wünsche ich Ihnen eine gewohnt spannende Lektüre des Rickenschen Briefings und einen guten Übergang ins Wochenende.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt
PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, was die Lufthansa besser machen müsste. Eine Auswahl der Leserkommentare finden Sie hier.