USA: Die Stimmung in den USA kippt – im Alltag, nicht in Washington
Seit drei Jahren lebe ich mit meiner Familie in Kalifornien. Auch wenn vieles hier größer, lauter und schneller ist als in Europa, gab es unter Trump bislang dieses Grundrauschen: das weitverbreitete Gefühl, dass die Wirtschaft schon irgendwie laufe, am Ende genug Geld im Portemonnaie sei, um den täglichen Wahnsinn auszuhalten. Doch genau dieses Gefühl beginnt in den letzten Wochen spürbar zu bröckeln.
Das hat nichts mit CNN oder Fox News zu tun, nichts mit politischer Propaganda, sondern mit sehr einfachen Realitäten: Die Preise im Supermarkt steigen weiter, Lebensmittel werden teurer, besonders Fleisch, und ein Wochenendeinkauf kostet deutlich mehr als vor ein bis zwei Jahren. Für eine Gesellschaft, deren Wirtschaftsmodell zu rund 70 Prozent vom Konsum lebt, ist das keine Randnotiz – es ist ein seismischer Ausschlag.
Gleichzeitig verändert sich das Verhalten der Menschen auf eine Weise, die man in den USA nur selten sieht: Zurückhaltung beim Konsum. Amerikaner, die früher fast reflexartig gekauft haben, was sie wollten – oft auf Kredit –, zögern plötzlich.
Der Gebrauchtwagenmarkt, traditionell ein zuverlässiger Frühindikator, zeigt deutliche Einbrüche: Nicht, weil die Autos schlechter geworden wären, sondern weil die Nachfrage zurückgeht. Selbst hier in Newport Beach, wo Optimismus normalerweise zur Grundausstattung gehört, ist eine neue Unsicherheit spürbar, die sich nicht mehr weglächeln lässt.
Wirtschaft im Wartemodus – ausgelöst durch politische Willkür
Parallel dazu verschärft sich die Lage für Unternehmen: Trumps erratische Zollpolitik und seine spontane Art, Gesetze und Verordnungen zu verändern, führen zu einer Investitionszurückhaltung, wie ich sie in den letzten Jahren nicht erlebt habe. Firmen, die noch vor Monaten neue Standorte planten, Produktionslinien aufziehen wollten oder in Maschinen investieren wollten, verschieben Entscheidungen, frieren Budgets ein oder stoppen Projekte vollständig – nicht weil die Nachfrage fehlt, sondern weil die politische Berechenbarkeit fehlt.
Mehrere deutsche Unternehmen, mit denen ich eng im Austausch stehe, haben ihre US-Projekte auf unbestimmte Zeit pausiert. Dasselbe Muster sehe ich bei amerikanischen Mittelständlern, die plötzlich mit unklaren Zöllen, chaotischen Lieferketten und höheren Finanzierungskosten kämpfen.
Ein Land, das immer betont hat, dass wirtschaftliche Stärke seine Identität sei, wirkt plötzlich fragil. Und ausgerechnet in diesem Moment bräuchte es Stabilität und Planbarkeit – aber die politische Kommunikation aus Washington besteht vor allem aus Schuldzuweisungen, Ablenkungsmanövern und reflexhaften Angriffen.
Und dann kommt Epstein – ein politischer Sprengsatz
In diese wirtschaftliche Unsicherheit platzt nun ein Skandal, der selbst für amerikanische Verhältnisse explosiv ist: die vollständige Veröffentlichung der Jeffrey-Epstein-Dokumente. Wochenlang haben Trump und sein Justizministerium versucht, die Herausgabe hinauszuzögern, zu relativieren oder juristisch zu verwässern. Doch nun ist klar: Alles kommt auf den Tisch.
Auch wenn der Präsident nach außen Gelassenheit spielt, Witze macht, von „Hexenjagd“ und „Deep State“ redet – jeder spürt hier: Dieser Skandal ist anders, weil er nicht nur politisch, sondern moralisch aufgeladen ist.
Wenn sich herausstellt, dass Trump nicht nur mit Epstein verkehrte, sondern Hinweise ignorierte, Nähe suchte, Reisen unternahm oder Treffen pflegte, obwohl bereits gravierende Vorwürfe im Raum standen, dann geht es nicht mehr um Parteipolitik. Dann geht es um eine moralische Zumutung für ein Land, das sich selbst als Hüter westlicher Werte inszeniert. Und dann wird es für Republikaner, die ihn bislang in extremen Situationen verteidigt haben, gefährlich.
Viele seiner Anhänger mögen ihm seine Lügen verzeihen, seine Eskapaden, seine juristischen Auseinandersetzungen, seine Provokationen. Aber ein Präsident, der möglicherweise von einem Missbrauchsnetzwerk wusste und dennoch die Nähe des Täters suchte – das ist eine rote Linie, die selbst unter loyalsten Republikanern kaum zu verteidigen wäre. Man hört es bereits in Gesprächen auf Schulparkplätzen, in Fitnessstudios, in Restaurants: „Wenn da wirklich etwas dran ist, dann ist Schluss.“ Ein Satz, den ich vor wenigen Monaten kaum für möglich gehalten hätte.
Ein Präsident verliert seine stärkste Waffe – wirtschaftliche Glaubwürdigkeit
Trumps politisches Überleben basierte nie auf fachlicher Kompetenz, sondern auf der Kombination aus wirtschaftlicher Stärke und politischer Einschüchterung. Doch genau diese Mischung erodiert. Die wirtschaftliche Stärke verliert an Überzeugungskraft, weil die Menschen den Effekt im Portemonnaie spüren. Und die politische Einschüchterung verliert ihren Effekt, wenn moralische Empörung in der Bevölkerung aufkommt.
In den Gesprächen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, spüre ich etwas Neues: nicht Wut, nicht Aggression – sondern Zögern. Ein Innehalten. Ein Nachdenken. Eben jene innere Distanz, die für Trump gefährlicher ist als jeder öffentliche Protest. Denn sobald seine Basis emotional Abstand gewinnt, verliert er seinen politischen Panzer. Und genau das beginnt jetzt. Das erkenne ich an denselben feinen Rissen, die ich schon einmal gesehen habe – damals, als seine Äußerungen über die Ukraine selbst in republikanischen Wohnzimmern Irritation auslösten.
Philipp Depiereux ist Unternehmer und Autor und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern seit knapp drei Jahren in Newport Beach, Kalifornien. Er teilt seine Eindrücke aus den USA und Deutschland alle 14 Tage im Handelsblatt-Wochenende.