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Arbeitsmarkt Die Coronakrise verschärft den Fachkräftemangel erheblich

Die Pandemie macht es den Firmen deutlich schwerer, ausländische Fachkräfte anzuwerben. Dabei ist der Bedarf in vielen Branchen unverändert hoch.
28.07.2020 - 19:08 Uhr Kommentieren
Die Einwanderung von Fachkräften wird durch die Corona-Pandemie erschwert. Quelle: dpa
Fachkräfte

Die Einwanderung von Fachkräften wird durch die Corona-Pandemie erschwert.

(Foto: dpa)

Berlin, Paris, London, Madrid Nach jahrzehntelangem politischem Ringen ist Anfang März das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten. Doch die Corona-Pandemie hat die Hoffnung, Deutschland als Einwanderungsland zu etablieren und Fachkräfte aus aller Welt anzuziehen, vorerst zunichtegemacht.

Im ersten Halbjahr haben deutsche Auslandsvertretungen nur 30.117 Arbeitsvisa an Nicht-EU-Ausländer erteilt – weniger gab es in einer ersten Jahreshälfte zuletzt 2015. Und auch aus EU-Ländern sind in den vergangenen Monaten weniger gut ausgebildete Arbeitnehmer nach Deutschland gekommen.

Die Coronakrise verschärft den Fachkräftemangel erheblich. Zwar zeigt das Ifo-Beschäftigungsbarometer den dritten Monat in Folge wieder eine Einstellungsbereitschaft der Wirtschaft, doch in vielen Branchen können offene Stellen nicht besetzt werden.

Vor allem auf dem Bau, im Handwerk und im Gesundheitssystem fehlen Fachkräfte. „Wir gehen davon aus, dass wir jährlich 30.000 Pflegefachkräfte aus dem Ausland gewinnen müssen“, sagt der Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege, Thomas Greiner. Das Arbeitsministerium hat eine Verlängerung der Westbalkanregelung auf den Weg gebracht, die Arbeitskräften die Einreise erleichtert.

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    „Corona ändert nichts daran, dass wir eine alternde Bevölkerung haben, Pflegekräfte weiter händeringend gesucht werden oder dass wir IT-Experten für die Digitalisierung brauchen“, betont Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA).

    Länder brauchen selbst medizinische Fachkräfte

    Als die Bundesregierung im Frühjahr Tausende gestrandeter Urlauber nach Hause holen ließ, waren unter den Passagieren auch einige Pflegekräfte, die es noch schnell nach Deutschland schaffen wollten. Sie kamen auf Basis von Kooperationsabkommen, die die Bundesagentur für Arbeit mit ihren Herkunftsländern geschlossen hatte.

    Seither erschweren nicht nur ausgedünnte Flugverbindungen, Reisebeschränkungen oder im Notbetrieb arbeitende Visastellen den Zuzug. Corona habe auch dazu geführt, dass beispielsweise Länder wie Mexiko oder Brasilien jetzt selbst jede medizinische oder pflegerische Fachkraft bräuchten, sagt Daniel Terzenbach von der Bundesagentur.

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    Dabei ist Deutschland dringend auf Zuwanderer angewiesen. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen knapp 30 Prozent des Beschäftigungswachstums seit 2009 auf eingewanderte EU-Arbeitnehmer zurück.

    Im Dezember 2019 arbeiteten in Deutschland gut 2,4 Millionen EU-Bürger, knapp 90.000 mehr als im Vorjahresmonat. Bis März ist die Zahl noch leicht gestiegen, danach leicht gesunken. Allerdings zeigt sich die Coronakrise bereits mit einer höheren Arbeitslosigkeit auch unter EU-Bürgern. Die entsprechende Quote lag im April bei 9,3 Prozent – zwei Prozentpunkte höher als im entsprechenden Vorjahresmonat.

    Auch für Hochqualifizierte aus Ländern außerhalb der EU hatte sich Deutschland zuletzt zu einem attraktiven Zielland entwickelt. So wurde die sogenannte Blaue Karte EU im vergangenen Jahr 31.200-mal erteilt – ein Plus von fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr und fast eine Verdreifachung gegenüber dem Jahr 2013.

    Die Größe der ausländischen Bevölkerung ist im Mai gegenüber dem Vormonat nur noch um gut 8800 Personen gewachsen, im Mai 2019 lag das Plus noch bei 21.000. Seit März haben laut IAB-Zuwanderungsmonitor rund 180.000 Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit ihren Job verloren.

    Und doch gibt es Hoffnungen, dass der Arbeitsmarkt schon bald wieder anzieht. Das Ifo-Beschäftigungsbarometer, das die Münchener Konjunkturforscher basierend auf den Personalplanungen von rund 9000 Unternehmen monatlich exklusiv für das Handelsblatt berechnen, ist im Juli den dritten Monat in Folge gestiegen – von 92,3 Zählern im Juni auf 93,2 Punkte im Juli. Der Arbeitsmarkt sei noch nicht über den Berg, aber der Pessimismus habe in den letzten zwei Monaten merklich nachgelassen, sagt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

    Corona hat Fachkräftemangel verschärft

    In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel ungebrochen – oder hat sich durch Corona sogar verschärft. Von 13.000 Stellen für Pflegefachkräfte, die Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) finanziert habe, seien erst 2600 besetzt worden, sagt Arbeitgebervertreter Greiner. Die Politik habe Leistungsausweitungen für pflegebedürftige Menschen und höhere Personalschlüssel beschlossen.

    Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit seinem beschleunigten Verfahren brauche „den stärksten denkbaren Turbo“, sagt Greiner. „Nur so haben wir eine Chance, dass aus einem angeblichen Pflegenotstand keine tatsächliche Katastrophe wird.“ Der Bedarf sei so groß, dass auch Einheimische, die jetzt durch Corona ihren Job verlören und umsatteln wollten, mit offenen Armen empfangen würden.

    „Trotz Corona-Pandemie ist klar, dass der Bedarf an Fachkräften weiter hoch bleiben wird“, sagt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Noch im Februar war der Verband davon ausgegangen, dass im Handwerk etwa eine Viertelmillion Stellen unbesetzt bleiben müssen, da die Betriebe keine geeigneten und entsprechend qualifizierten Mitarbeiter finden.

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    Kurzfristig würden Fachkräfte für den angestrebten Wiedereinstieg auf einen Wachstumspfad und langfristig für die Umsetzung aller großen Zukunftsprojekte wie der Energie- und Mobilitätswende, für den Ausbau der analogen wie digitalen Infrastruktur, für den Wohnungsbau oder für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen gebraucht. Das Einwanderungsgesetz eröffnet ausländischen Fachkräften mit Berufsausbildung Chancen, die es vorher nur für Akademiker gab.

    Das Handwerk und die Bauwirtschaft drängen auch darauf, die zum Jahresende auslaufende Westbalkanregelung zu verlängern. Um das Asylverfahren zu entlasten, hatte die Große Koalition 2015 für Bürger aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt gelockert. Sie dürfen auch ohne formale Qualifikation kommen, sofern sie ein Jobangebot vorweisen können.

    Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) schätzt, dass auf deutschen Baustellen rund 50.000 Bauarbeiter vom Westbalkan arbeiten, darunter sogenannte Eisenbieger, die in Deutschland kaum noch zu finden sind. Das Bundesarbeitsministerium hat mittlerweile eine Verordnung, mit der die Regelung bis Ende 2023 verlängert werden soll, in die Ressortabstimmung gegeben.

    Abschiebung wegen Wirtschaftsflaute

    Die Corona-Pandemie bremst nicht nur die Einwanderung, sondern kann auch Probleme für ausländische Fachkräfte bedeuten, die bereits im Land sind. Das musste Hamza D. erleben. Der Tunesier hat Anfang Januar in Berlin seinen Master als Wirtschaftsingenieur mit Schwerpunkt Umwelt und Nachhaltigkeit gemacht, bisher aber nur einen Job als Teeverkäufer gefunden.

    Daraufhin bekam er Post, dass er ausreisen muss, weil er nicht innerhalb von 18 Monaten eine seiner Qualifikation angemessene Tätigkeit mit einem Einstiegsgehalt von fast 4000 Euro gefunden hat.

    Da die Unternehmen sich derzeit aber mit Einstellungen zurückhalten und auch keine Jobmessen stattfinden, gestaltet sich das schwierig. Dies sei eine „Lose-lose-Situation“, sagt der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Pascal Kober. „Die Menschen müssen zurück in ihr Heimatland und Deutschland verliert gut ausgebildete Fachkräfte.“

    In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel ungebrochen. Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser
    Fachkräftemangel

    In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel ungebrochen.

    (Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

    Kober hatte die Bundesregierung deshalb in einem Bundestagsantrag aufgefordert, wegen Corona für Betroffene wie Hamza D. die Frist zur Suche eines angemessenen Jobs um ein halbes Jahr zu verlängern – ohne Erfolg. Unabhängig davon seien aber „schnelle und pragmatische Lösungen“ erforderlich, um auch künftig die Einreise von Spezialisten aus Drittstaaten zu gewährleisten: „Gerade in Krisenzeiten wie dieser braucht Deutschland dringend gut ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten, die zum Teil auf dem heimischen Arbeitsmarkt schlicht nicht zu finden sind. Wir können es nicht zulassen, dass zu der wirtschaftlichen Not der Unternehmen auch noch ein Fachkräftemangel kommt.“

    So müssten die Botschaften befähigt werden, im Falle eines erneuten Pandemieausbruches schneller und flexibler agieren zu können, damit es nicht erneut zu einer Verzögerung oder gar Verhinderung bei Einreisen von Fachkräften komme. Die teils langen Visaverfahren waren schon vor Corona ein Nadelöhr für die Einwanderung von Fachkräften – und durch die Pandemie hat sich die Situation weiter verschärft.

    Keine dauerhafte Bremsung der Migration

    Ökonomen wie Ifo-Präsident Clemens Fuest gehen aber davon aus, dass Corona die Migration nach Deutschland nicht dauerhaft bremst: „Kurzfristig gibt es natürlich ein Problem, an ausländische Fachkräfte zu kommen, allein wegen der Reisebeschränkungen“, sagt er. Aber das werde keinen Bestand haben.

    Das liegt auch daran, dass die Pandemie andere Länder wirtschaftlich wahrscheinlich noch deutlich härter treffen wird als Deutschland – und der Druck auf die dortigen Arbeitsmärkte zunimmt. Konnten sich während der Euro-Krise 2013/14 noch 58 Prozent der jungen Spanier vorstellen, einen Job im Ausland anzunehmen, so war der Wert laut der jährlichen Umfrage der Absolventenmesse Unitour zuletzt auf 47 Prozent gesunken. Wegen Corona könnten junge Spanier jetzt wieder häufiger ihr Glück in Deutschland suchen – was dank der EU-Freizügigkeit auch möglich ist.

    Noch vor Spanien führt Griechenland die EU-Arbeitslosenstatistik an. Obwohl die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen während der Euro-Krise sehr belastet waren, steht Deutschland als Auswanderungsziel hoch im Kurs. Über eine halbe Million junge Griechinnen und Griechen wanderten während der Krisenjahre aus, die meisten nach Deutschland.

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    Wenn jetzt die Corona-Rezession die ohnehin hohen Arbeitslosenzahlen in Hellas weiter ansteigen lässt, könnte eine zweite Auswanderungswelle bevorstehen. Die deutsche Wirtschaft würde davon profitieren, denn es sind überwiegend gut ausgebildete Fachkräfte, Akademiker, Ingenieure und Ärzte, die ihre griechische Heimat verlassen. Deutschland gewinnt dabei als Destination wachsende Bedeutung, weil Großbritannien wegen des Brexits an Attraktivität verliert.

    Auch viele junge Russen stehen einem Job jenseits der eigenen Landesgrenzen sehr aufgeschlossen gegenüber. Laut dem Umfrageinstitut Lewada-Zentrum würde gern ein Drittel der jungen Menschen im Ausland leben, in den Großstädten ist der Anteil mit 45 Prozent noch höher.

    Als beliebteste Ziele werden Frankreich, Deutschland, die Schweiz und die USA genannt. Wobei die meisten der Befragten diese Länder als zeitweise Chance für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände sehen, sei es durch Arbeit oder Studium. Der Anteil derjenigen, die Russland für immer den Rücken kehren wollen, ist mit einem Prozent gering.

    Profitieren könnte Deutschland auch von den Bemühungen klassischer Einwanderungsländer wie der USA oder Großbritanniens, die Immigration einzudämmen. So stellen sich die Universitäten in Großbritannien bereits auf Milliardenverluste ein, weil viele ausländische Studenten im kommenden akademischen Jahr wegbleiben werden. Zuletzt hatten rund 500.000 Ausländer an den begehrten englischen Hochschulen studiert, die meisten kommen aus China, gefolgt von Indien.

    Mehr: Mehr als 30.000 Nicht-EU-Ausländer sind im vergangenen Jahr mit Hilfe einer Blauen Karte in die Bundesrepublik gekommen.

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