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Aufreger des Jahres Warum Clemens Tönnies kein rücksichtsloses Charakterschwein ist

Nach einem Corona-Ausbruch in seinem Schlachthof stand der Unternehmer heftig in der Kritik. Dabei wurde er wie wir alle überrascht von dem Ausmaß der Pandemie und den Tücken der Ansteckung.
27.12.2020 - 10:54 Uhr Kommentieren
Mit seinem großen Herzen, seiner Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft ist er vielen ein guter Freund. Quelle: imago images/Noah Wedel, Reuters, dpa (Montage: Handelsblatt)
Clemens Tönnies

Mit seinem großen Herzen, seiner Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft ist er vielen ein guter Freund.

(Foto: imago images/Noah Wedel, Reuters, dpa (Montage: Handelsblatt))

Als die Anfrage des Handelsblatts kam, ob ich bereit wäre, über Clemens Tönnies den „Aufreger des Jahres“ zu schreiben, war ich mir zunächst unschlüssig. Es ist ziemlich logisch, was mit dieser Personalie von dir erwartet wird: Hau drauf wie auf ein Schnitzel, schön plattmachen den Fleisch-Baron, und ganz Deutschland klatscht Beifall. Doch ist das tatsächlich so einfach?

Ich habe lange recherchiert und mich über die Standards in den deutschen und amerikanischen Fleisch-Großbetrieben informiert. Dabei habe ich vor allem die Zustände und die Risiken, welche insbesondere während einer Virus-Pandemie herrschen, mit vielen Experten analysiert.

Clemens Tönnies ist sicher nicht „Everybody’s Darling“. Das sind erfolgreiche Menschen übrigens fast nie. Weil sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst, aber eben auch an ihr berufliches Umfeld stellen. Auf dem Fleischmarkt ist Clemens Tönnies ebenso bereit zu kämpfen wie auf der Fußballbühne. Immer die Augen Richtung Erfolg, dabei durchaus mal über die Stränge schlagend.

Aber ich weiß auch: Das Thema soziale Verantwortung für Arbeitnehmer, unabhängig von deren Herkunft und Nationalität, liegt ihm am Herzen. Ich weiß von vielen Protagonisten aus der Fleischindustrie und der Politik, dass gerade er als Branchenführer sich bei seinen Unternehmenskollegen und der Politik für bessere Konditionen und Wohnungsbedingungen der Arbeitnehmer eingesetzt hat.

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    Aus Gründen der Wettbewerbsgleichheit wäre es jedoch notwendig, dass alle Betriebe einer Branche zu den gleichen Bedingungen verpflichtet werden. Wer hat der Politik eigentlich verboten, das durchzusetzen? Tönnies jedenfalls nicht!

    Der Autor ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, Betriebswirt, Fußballexperte und Gourmet gleichermaßen. Der 72-Jährige und Clemens Tönnies kennen sich seit 25 Jahren. Calmund war damals Manager von Bayer 04 Leverkusen und Tönnies Aufsichtsratsmitglied von Schalke 04. Nun trafen sie sich in Tönnies‘ Fleischfabrik. Für seinen Text sprach Calmund mit verschiedenen Experten. Quelle: dpa
    Reiner Calmund

    Der Autor ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, Betriebswirt, Fußballexperte und Gourmet gleichermaßen. Der 72-Jährige und Clemens Tönnies kennen sich seit 25 Jahren. Calmund war damals Manager von Bayer 04 Leverkusen und Tönnies Aufsichtsratsmitglied von Schalke 04. Nun trafen sie sich in Tönnies‘ Fleischfabrik. Für seinen Text sprach Calmund mit verschiedenen Experten.

    (Foto: dpa)

    In diesem Zusammenhang wird auch der große Corona-Ausbruch gesehen. Auch hier war für alle zunächst mal Clemens Tönnies das große, böse, rücksichtslose Charakterschwein. Mehr als 2000 Infektionen gehen letztlich auf den Ausbruch in seiner Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück zurück. Schnell wurde Kritik laut, bei Tönnies seien die Arbeitsbedingungen zu schlecht, ebenso wie die Wohnbedingungen der Arbeiter.

    Genau wie Sie, wurden auch ich und natürlich Tönnies überrascht von dem Ausmaß der Pandemie und den Tücken der Ansteckung. Das Helmholtz-Institut für Infektionsforschung veröffentlichte im Juli erste Ergebnisse einer Studie über den Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

    Demnach hat ein Mitarbeiter in der Rinderzerlegung das Virus im Mai auf mehrere Personen übertragen, von wo es sich explosionsartig weiterverbreitete. Infiziert hatte er sich amtlich nachweislich in der Kirche beim Gottesdienst. Diese Studie zeigte ebenfalls, dass die Wohnsituation der Arbeiter keine wesentliche Rolle spielte. Vielmehr habe die Umluft-Kühlanlage, die die Luft aus bestimmten Hallen kühlt und wieder zurückführt, die Verteilung der Viren begünstigt.

    Als Bernd Tönnies 1971 ein Unternehmen für Fleisch- und Wursthandel in dem kleinen Städtchen Rheda bei Gütersloh gründete, war sein jüngerer Bruder Clemens gerade einmal 15 Jahre alt. Ein knappes halbes Jahrhundert später ist Clemens Tönnies Europas größter Fleischfabrikant. Die Tönnies Holding produziert weltweit in 29 Fabriken, liefert in mehr als 80 Länder und feierte im Vorjahr einen Umsatz von sagenhaften sieben Milliarden Euro.

    Vom kleinen Familienbetrieb zum europäischen Marktführer – eine Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch. Tausende Familien beziehen für ihre Arbeit ein gesichertes Einkommen und leben heute in einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Landkreise Nordrhein-Westfalens.

    Clemens Tönnies ist ganz oben angekommen: Er war bis zu seinem Ausscheiden in diesem Sommer rund 20 Jahre Aufsichtsratsvorsitzender und ist nach wie vor Sponsor bei Schalke. Sein mit 42 Jahren verstorbener Bruder Bernd, damals amtierender Präsident von Schalke 04, bat Clemens noch auf dem Sterbebett darum, sich um den Verein zu kümmern.

    Heute ist Clemens Tönnies ein positiver Fußballbekloppter, ein zuverlässiger Freund, mit sehr guten Entertainerqualitäten, keiner singt das Schalker Vereinslied so gut wie er. Clemens Tönnies pflegt erstklassige persönliche Kontakte bis in die höchste Politik.

    Auch der erfolgreichste Fußballboss aller Zeiten, Uli Hoeneß, zählt zu seinen engsten Freunden und sitzt bei der Tönnies-Stiftung „Aktion Kinderträume“ im Vorstand. Das soziale Engagement von Clemens und seiner Frau Margit ist vorbildlich. Ich habe persönlich viele Veranstaltungen erlebt, auf denen beide als großzügige Spender für einen karitativen Zweck aufgetreten sind.

    Über das Ziel hinausgeschossen

    Informiert habe ich mich auch über Sigmar Gabriel, um den es Aufregung gab, als seine Beratertätigkeit für Clemens Tönnies bekannt wurde. Ich war nie ein Parteimitglied, meine politischen Farben sind Schwarz-Rot-Gold. Ich habe in meinem 50-jährigen wahlberechtigten Leben die roten Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder genauso wie die schwarzen Helmut Kohl und Angela Merkel als Bundeskanzler beziehungsweise Bundeskanzlerin mit Überzeugung gewählt.

    Je intensiver ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto schneller begann mein Verständnis für die Kritiker zu schmelzen wie ein Schneeball in der Hölle. Mir geht es bis heute nicht in den Kopf, warum Berater- und Lobbyistentätigkeiten in Deutschland per se etwas Schlechtes bedeuten müssen.

    Bleiben wir bei Gabriel. Er ist für mich ein erstklassiger Politiker von Format. Exakt so wird er mir auch beschrieben, egal, wen ich frage: Er gilt als schwierig, fordernd, aber fachlich unantastbar.

    Nach seinem Ausstieg aus der aktiven Politik hat er das Recht, seine Erfahrungen in der Privatwirtschaft einzubringen. Warum nicht bei Clemens Tönnies? Wenn Gabriel, oder auch ein anderer kluger Politiker, einem deutschen Unternehmen oder Konzern seriös auf der hart umkämpften wirtschaftlichen Weltbühne helfen kann, kommt es doch in der Regel dem Unternehmen, unserem Land und allen Menschen zugute.

    So wie ich Sigmar Gabriel in besonderen Veranstaltungen oder bei TV-Sendungen erlebe, kann ich nur feststellen: Schade, dass er nicht mehr aktiv politisch tätig ist. Und gut, dass er in der Lage ist, Unternehmen zu beraten.

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    Bleibt noch der Vorwurf des Rassismus gegen Clemens Tönnies. Natürlich schoss er beim „Tag des Handwerks“ im vergangenen Jahr in Paderborn über das Ziel hinaus. Damals erklärte er, statt Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel anzuwenden, solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. Und schloss: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“

    Dass der Ehrenrat von Schalke 04 zu dem Ergebnis kam, dass die gegen Tönnies erhobenen Vorwürfe des Rassismus unbegründet seien, dürfte für jeden echten Schalker, der Tönnies auch nur ein bisschen kennt, ein logisches Urteil sein. Rassismus ist eine Ideologie, die andere Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer Kultur, Herkunft oder Religion abwertet. Diese Neigung hat und hatte Clemens Tönnies ganz sicher nicht.

    Auch ich distanziere mich ganz klar vom Rassismus, mein größtes Liebchen ist unsere zehnjährige thailändische Adoptivtochter Nicha. Ich bin in der Stadt Frechen aufgewachsen, von den damals rund 40.000 Einwohnern waren knapp 12.000 ausländische Mitbürger, einer von ihnen, ein spanischer Gastarbeiter, wohnte in unserem kleinen Einfamilienhaus zur Untermiete.

    Dennoch besteht auch für mich die Gefahr, dass ich mich mit meinem lockeren Mundwerk schnell mal in die falsche Ecke verdribbele. Ich unterstütze Kinder und alte Menschen in Afrika, Südamerika, Asien, aber auch vor der Haustür. Diesen Menschen gilt mein größter Respekt für den Lebensmut, den sie auch unter schwierigsten Lebensbedingungen entwickeln. Trotzdem rutschen mir heute gelegentlich noch die politisch nicht mehr korrekten Begriffe wie Negerküsse, Zigeunerschnitzel und Sarotti-Mohr raus.

    Für Clemens Tönnies gilt auch in diesem Zusammenhang das bekannte Zitat „Nobody is perfect“! Doch für ihn gilt noch viel mehr: Mit seinem großen Herzen, seiner Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft ist er vielen ein guter Freund. Und das wiegt mehr als ein sprachlicher Ausrutscher, den er bereut und sicherlich nicht mehr wiederholen wird.

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