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Corona-Pandemie Vermummungspflicht könnte die nächste Verschärfung in Deutschland sein

Erste deutsche Kommunen führen eine Maskenpflicht ein. Die Maßnahme ist umstritten. Der Schutzmasken-Engpass könnte dadurch noch verschärft werden.
31.03.2020 - 18:08 Uhr Kommentieren
Österreich hat einen Mundschutz unter anderem für Einkäufe in Supermärkten bereits verpflichtend gemacht. Quelle: dpa
Coronavirus

Österreich hat einen Mundschutz unter anderem für Einkäufe in Supermärkten bereits verpflichtend gemacht.

(Foto: dpa)

Berlin Das Straßenbild von Jena dürfte sich in den nächsten Tagen verändern. Die thüringische Stadt kündigte als erste deutsche Kommune eine Schutzmasken-Pflicht an. „In einer Woche soll das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes in Jenaer Verkaufsstellen, dem öffentlichen Nahverkehr und Gebäuden mit Publikumsverkehr verpflichtend werden“, teilte die Stadtverwaltung mit.

Notfalls seien Tücher oder Schals als Schutz möglich, wenn sie Nase und Mund bedeckten. Jena setzt auch auf die schneiderischen Fähigkeiten der Bürger: „Nähen Sie sich selbst und anderen Menschen den wichtigen Mund-Nasen-Schutz, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.“

Österreich hat einen Mundschutz unter anderem für Einkäufe in Supermärkten bereits verpflichtend gemacht. Die Debatte, ob die Bevölkerung zur Eindämmung der Epidemie nur mit Schutzmasken vor die Tür gehen sollte, wird auch in Deutschland geführt.

Eigentlich gilt in der Bundesrepublik das Vermummungsverbot. Kommt nun als nächste Verschärfung der Corona-Maßnahmen die Vermummungspflicht, zumindest was die Gesichtspartie um Mund und Nase angeht?

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    In Jena ist die Stadtverwaltung überzeugt: „Jede Maske ist besser als gar keine Maske.“ Das ist unter Experten umstritten. Schutz vor einer Infektion bieten nur mit wirkmächtigem Filter ausgestattete Masken der Kategorien FFP-2 und FFP-3.

    Der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, sagte, dass ein einfacher Mundschutz aber das Ansteckungsrisiko für andere Menschen verringern könne: „Auch selbst gebastelte oder genähte Masken halten beim Niesen oder Husten Tröpfchen zurück und sind daher sinnvoll.“

    Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen allerdings keine Beweise vor, dass das massenhafte Tragen von Masken in der Bevölkerung hilfreich sei. WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan warnte sogar, dass durch das falsche An- und Ablegen des Mundschutzes zusätzliche Infektionsrisiken entstünden.

    Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hält die Maskenpflicht für „reine Symbolpolitik“. Er warnt: „Sie vermittelt eine trügerische Sicherheit, hilft aber so gut wie gar nicht. Man kann auch in die Armbeuge husten, um dem notwendigen Schutz seines Gegenübers und der Höflichkeit Genüge zu tun.“ Zur eigenen Sicherheit trage der Mundschutz nicht bei. „Was hilft ist Abstand und Hygiene“, sagte der KBV-Chef dem Handelsblatt.

    Skepsis und geteilte Meinungen

    Auch in der Politik sind die Meinungen geteilt. Die für Gesundheit zuständige SPD-Fraktionsvizechefin Bärbel Bas kann sich eine Mundschutzpflicht als Übergangsmaßnahme vorstellen, sollte das strenge Kontaktverbot irgendwann gelockert werden.

    Mit den Masken könnten die Infektionszahlen dann weiter niedrig gehalten werden. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt erklärte, das Tragen von Atemschutzmasken in gut besuchten Räumen könne „als Akt der Solidarität vorübergehend sinnvoll sein“.

    In einem Positionspapier fordern die Grünen die Bundesregierung zu einer klaren Position auf, „ob Schutzmasken neben dem unabdingbaren Gebrauch in Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen oder sonstigen gesundheitsrelevanten Einrichtungen auch durch die Bevölkerung im Alltag getragen werden sollten“.

    Regierungsvertreter äußerten sich eher skeptisch, was eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit angeht. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte: „In der jetzigen Lage sehe ich keine Notwendigkeit zu einer Verpflichtung.“

    Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Karin Maag (CDU), hält den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,50 Meter in der Öffentlichkeit für ausreichend. Außerdem warnte sie im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Bei einer allgemeinen Maskenpflicht würden wir Gefahr laufen, die Engpässe in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen bei der Schutzausrüstung noch zu verschärfen, weil sich auch Bürger verstärkt um die Profimasken bemühen würden.“

    Auch Ärztechef Gassen machte deutlich: Die höherwertigen Masken „brauchen wir unbedingt für Ärztinnen und Ärzte, das Personal in Krankenhäusern und Praxen und all die anderen Angehörigen von Berufsgruppen, die den Menschen gerade in diesen schwierigen Zeiten helfen und sie medizinisch versorgen.

    In der Coronakrise ist die weltweite Nachfrage nach Schutzkleidung sprunghaft gestiegen. Die Bundesregierung beschafft die Ausrüstung für das Gesundheitswesen mittlerweile zentral, Millionen Schutzmasken wurden bereits in den Ländern verteilt.

    Dennoch klagen viele Praxen, Krankenhäuser und Pflegeheime weiter über einen Mangel. Spahn sagte am Dienstag, dass mehr Schutzmasken in Deutschland hergestellt werden müssten, um die Abhängigkeit von Importen vor allem aus China zu verringern.

    Sein Haus arbeite zusammen mit dem Finanzministerium, um entsprechende Anreize zur Inlandsproduktion zu schaffen. Auch CSU-Chef Markus Söder forderte eine „nationale Notfallproduktion“ von Schutzmasken.

    Engpass bei Produktion im Inland

    In den vergangenen Tagen kursierten Meldungen, dass der deutsche Zoll trotz der Engpässe Probleme bei der Einfuhr von Atemschutzmasken und Schutzausrüstungen machen würde. In Regierungskreisen wird das zurückgewiesen. Der Staat tue alles, um auf dem Weltmarkt einzukaufen und die Ausrüstung schnell nach Deutschland zu holen. Dabei würden auch Geschäfte auf Vorkasse gemacht.

    Um nicht über den Tisch gezogen zu werden, etwa nicht zertifizierte Masken zu erwerben, wurde demnach der TÜV Nord eingeschaltet, der vor Ort die Ware prüft. Die Produktion von Atemschutzmasken im Inland dürfte sich dagegen erst in einer möglichen zweiten Infektionswelle im Herbst voll auswirken. Produktionsstraßen zu erstellen brauche Zeit, hieß es in der Bundesregierung.

    Weil der Markt für Atemschutzmasken wie leer gefegt ist, baten viele Landräte schon vor Wochen die Wirtschaft um Hilfe. Viele Unternehmen sind dem verzweifelten Aufruf gefolgt und produzieren mittlerweile OP-Masken anstatt Kleidung. So haben zwei Hersteller auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg ihre Textilfabriken auf die Herstellung der dringend benötigten Schutzkleidung umgestellt.

    Trigema-Chef Wolfgang Grupp kann so nach eigener Aussage bis zu 100 000 Atemschutzmasken pro Woche bereitstellen. Und auch die Unterwäschemarke Mey lässt die 150 Mitarbeiter jetzt Mund- und Nasenmasken anstatt Spitzenhöschen schneidern.

    Der Unterwäschespezialist Triumph hat sich mit dem Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle zusammengetan, der ein Filtergewebe liefern kann, das die Viren abfängt und sogar nach dem geltenden FFP-3-Standard eingesetzt werden kann.

    Lange Tradition in Japan

    Doch längst nicht alle Neulinge im Mundschutz-Business erfüllen die strengen Qualitätsmaßstäbe, die für den Einsatz im Gesundheitswesen gelten. Die Masken könnten aber die hohe Nachfrage in der Bevölkerung decken.

    Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte: „Wenn die Kontaktbeschränkungen gelockert werden und wir wieder häufiger unsere Wohnungen verlassen, müssen genügend Atemschutzmasken für alle verfügbar sein, damit das Tragen für die Pandemiezeit eine Selbstverständlichkeit wird.“

    Eine Selbstverständlichkeit ist das Tragen eines Mundschutzes bereits in vielen asiatischen Ländern. In Japan etwa gehören Masken schon seit Jahrzehnten zur Grippe- und Heuschnupfensaison. Die Verkaufsstatistik lässt daran keinen Zweifel: 2018 haben die 127 Millionen Japaner 5,5 Milliarden Masken gekauft und auch getragen.

    Viele Menschen vermummten sich bisher vor allem, um sich gegen Pollen zu schützen oder bei einem Kratzen im Hals andere Menschen nicht anzustecken. Inzwischen sind die Masken aber soziale Pflicht und Symbol im Kampf gegen das Virus.

    Wenn in der kommenden Woche in Japan die ersten Schulen nach fünf Wochen Schließzeit wieder öffnen sollen, findet der Unterricht maskiert statt. Da sich auch in Japan Lieferengpässe bemerkbar machen, haben Banken bereits Masken als Kundengeschenk ausgeteilt, Mütter nach Anleitungen im Internet Masken für die eigene Familie und Freunde genäht.

    Das Erziehungsministerium bringt Kinder in einem Internetvideo bei, wie sie sich mit wenig Aufwand und ohne Nähkünste aus einem Stofftaschentuch und zwei Haarbändern Masken für die Schule falten können.

    In China sieht man erst seit der Corona-Epidemie alle Menschen auf der Straße mit Masken – auch wenn es auf Pekings sehr smogbelasteten Straßen ratsam wäre, Mund und Nase ständig zu verhüllen. Das hat auch praktische Gründe: Viele Parks und Einkaufsläden darf man inzwischen nicht mehr ohne Schutz betreten, in manchen Provinzen herrscht sogar auf der Straße Tragepflicht.

    Auch Chinesische Staatsvertreter sieht man nur noch mit dem Mundschutz. Unternehmen, die ihren Betrieb nach der von der Regierung verordneten Zwangspause wieder aufnehmen wollen, müssen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter jederzeit Atemmasken tragen. Zudem müssen sie genügend Masken vorhalten, damit sie in regelmäßigen Abständen gewechselt werden können.

    Obwohl ein Großteil der weltweiten Schutzmaskenproduktion aus China kommt, gab es auch hier zwischenzeitlich Lieferprobleme und lange Schlangen vor Apotheken. Dubiose Händler versuchten laut chinesischen Medienberichten, bereits getragene Masken noch einmal zu verkaufen. Im Internet kursierten Bilder mit selbst gebastelten Schutzvorrichtungen aus Plastikflaschen oder Damenbinden.

    Umsetzung in Österreich fraglich

    Auch in Österreich ist fraglich, ob die Maskenpflicht wegen der weltweiten Engpässe überhaupt flächendeckend umgesetzt werden kann. Schon bei Bekanntgabe der neuen Maßnahme am Montag räumte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ein, dass voraussichtlich nicht alle Supermärkte ihren Kunden am Eingang eine einfache Mund-Nasen-Maske zum Einkaufen aushändigen können.

    Als Alternative können Kunden im österreichischen Einzelhandel auch selbst gebastelte Masken tragen oder sich einen Schal über den Mund- und Nasenbereich ziehen. Am Dienstag stellte das österreichische Gesundheitsministerium per Erlass klar, dass Masken erst ab 6. April landesweit zur Verpflichtung werden. Ausgenommen sind Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von unter 400 Quadratmetern. Kunden mit Corona-Symptomen dürfen aber auch diese Läden nicht mehr betreten.

    Mitarbeit: Barbara Gillmann, Dana Heide, Jan Dirk Herbermann, Moritz Koch, Martin Kölling, Hans-Peter Siebenhaar, Thomas Sigmund, Kathrin Witsch

    Mehr: Um die eigene Bevölkerung vor dem Coronavirus zu schützen, erlassen immer mehr Staaten Exportverbote. Experten warnen vor gefährlichen Konsequenzen.

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