Flüchtlinge in Deutschland: Behörden rechnen mit 1,5 Millionen Asylbewerbern
Bis zu 1,5 Millionen Flüchtlingen könnten bis Ende des Jahres nach Deutschland gekommen sein.
Foto: dpaDüsseldorf, Berlin. Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland in diesem Jahr offenbar deutlich höher ausfallen als bislang offiziell vorausgesagt. Es sei damit zu rechnen, dass bis zu 1,5 Millionen Asylbewerber in die Bundesrepublik kämen, schreibt die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf eine interne Prognose von Behörden, die als geheim eingestuft wird. In dem Bericht heißt es: „Der Migrationsdruck wird weiter zunehmen. Für das vierte Quartal rechnen wir inzwischen mit sieben- bis zehntausend illegalen Grenzübertritten pro Tag.“
Im vierten Quartal sei mit der Ankunft von bis zu 920.000 Flüchtlingen zu rechnen. Die Bundesregierung war zuletzt noch von 800.000 Neuankömmlingen für 2015 ausgegangen. In dem internen Bericht sei zudem von einem möglichen Zusammenbruch der Versorgung die Rede. Schon jetzt fehlten dringend benötigte Hilfsmittel wie Wohncontainer und sanitäre Einrichtungen.
Weiter heißt es in dem Bericht, dass selbst in den Wintermonaten nicht mehr einem spürbaren Rückgang der Flüchtlingszahlen gerechnet wird. Ursprünglich hatte es immer wieder geheißen, während der kalten Jahreszeit würden vermutlich deutlich weniger Flüchtlinge den schwierigen Weg nach Europa antreten. Hilfsorganisationen meinen, viele hätten gar keine andere Option als die Reise zu wagen.
Die Bundesregierung korrigiert allerdings ihre Flüchtlingsprognose für das laufende Jahr offiziell weiter nicht nach oben. Die Zahl von 1,5 Millionen Flüchtlingen in diesem Jahr könne er nicht bestätigen, sagte Innenministeriums-Sprecher Harald Neymanns am Montag in Berlin. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter sagte: „Dieses Papier kennt kein Mensch.“
Neymanns bekräftigte, auf jeden Fall sei für September mit den höchsten Zugangszahlen in einem Monat seit sehr vielen Jahren zu rechnen. Die genauen Zahlen für den Vormonat werde das Ministerium in dieser Woche veröffentlichen.
Der SPD-Bundesvize Ralf Stegner reagierte mit Sorge auf die Entwicklung. „Die in kürzester Zeit dramatisch angewachsenen Flüchtlingszahlen stellen die vielen vorbildlich engagierten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, Kommunen, Polizei und Bundeswehr vor eine enorme Bewährungsprobe und erreichen vielerorts eine Belastungsgrenze“, sagte Stegner dem Handelsblatt. „Nicht alle Menschen werden bei uns bleiben können, und ohne gemeinsame Solidarität in Europa können wir die Herausforderung nicht stemmen“, fügte er hinzu.
Stegner unterstrich, dass in dieser Situation „Besonnenheit und politische Tatkraft“ gefragt seien. „Weder die rosarote Brille, die bestehende Probleme ignoriert, noch populistisches Stammtischgeschwätz über neue Zäune oder Grundrechtsänderungen helfen jetzt weiter“, sagte er. Lösungen lägen ausschließlich in dem Dreiklang aus internationaler Bekämpfung der Fluchtursachen, was eine „realpolitische Einbeziehung“ Russlands und der Türkei einschließe sowie einer gemeinsamen europäischen humanitären Flüchtlingspolitik mit Mindeststandards und fest vereinbartem Verteilsystem und funktionierenden Hotspots an den Außengrenzen.
In Deutschland, so Stegner weiter, gehe es nach wie vor um „drastisch beschleunigte“ Prüfverfahren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und die „beherzte Umsetzung“ der Vereinbarungen von Bund und Ländern. „Neue grundgesetzwidrige Vorschläge, populistische Antiflüchtlingsrhetorik oder soziale Verteilungskämpfe, etwa eine Absenkung des Mindestlohns für Flüchtlinge oder bezahlbaren Wohnraum nur für Flüchtlinge, wären Brandbeschleuniger für einen Rechtsruck in Deutschland, den wir mit aller Entschlossenheit verhindern müssen“, betonte der SPD-Vize.
Auf die dramatische Entwicklung hatte auch schon der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier (CDU), hingewiesen. Der „Welt am Sonntag“ hatte der CDU-Politiker gesagt, er erwarte in diesem Jahr insgesamt 1,2 bis 1,5 Millionen Flüchtlinge in Deutschland. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat wiederholt betont, es sei derzeit sehr schwer, genaue Zahlen zu ermitteln. Es gebe Unsicherheiten, weil sich ein „nicht unerheblicher Teil“ der Flüchtlinge der Registrierung entziehe oder trotz Registrierung an einen anderen Ort weiterziehe.
Bundeskanzlerin Merkel bekommt in den vergangenen Tagen heftigen Gegenwind aus CDU und CSU für ihre Asylpolitik; im Ausland wird sie dagegen dafür gefeiert und wird mittlerweile sogar für den Friedensnobelpreis gehandelt, deren Preisträger am Freitag bekanntgegeben werden.
Den Rufen aus der Union nach Schranken für die Zuwanderung erteilte sich am Wochenende eine Absage erteilt. „Mit Zäunen werden wir das Problem nicht lösen“, sagte die Kanzlerin. Statt zu sagen „Ich will dieses Problem wieder loswerden“, müsse die Aufgabe angenommen werden. Flüchtlinge etwa aus dem Bürgerkriegsland Syrien hätten weiter Anspruch auf Schutz. „An dieser Gesetzgebung werden wir nichts ändern.“
Der bayerische Finanzminister Markus Söder hatte dagegen Obergrenzen und Kontingente gefordert. „Wir können nicht die ganze Welt retten“, sagte er. Einem Zeitungsbericht zufolge will die EU in der Türkei Aufnahmelager für bis zu zwei Millionen Menschen finanzieren. Dafür soll der Weg über Griechenland in die Union geschlossen werden.
Deutschland hat die Kontrolle über seine Grenze praktisch verloren, da EU-Randstaaten wie Griechenland oder Italien Hunderttausende Flüchtlinge nicht registrieren. Zwar erfasst die Bundespolizei wieder Einreisen. Dies ist aber nur ein Teil. So meldete sie für Freitag und Samstag 6750 beziehungsweise 6000 Menschen.
Jeden Tag überschreiten aber auch Tausende die Grenze unregistriert. Die Regierung kann daher nicht sagen, wie viele insgesamt nach Deutschland kommen. Schätzungen für die gesamte Zahl von Neuankömmlingen in diesem Jahr reichen inzwischen bis zu 1,5 Millionen.
Bundesländer und Kommunen beklagen täglich eine Überforderung. Neben der CSU kamen auch aus der CDU und selbst aus der SPD Warnungen, auf Dauer seien Einwanderung und Integration so nicht zu bewältigen. „Wir brauchen auch mehr Verstand bei der Zuwanderung, und dazu gehört für mich vor allem das Eingeständnis, dass wir bei einer Million Flüchtlinge an die Grenzen unserer Möglichkeiten der Unterbringung gekommen sind“, sagte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann.
CSU-Chef Horst Seehofer sprach im Bayerischen Rundfunk von einem „Kollaps mit Ansage“. Er widersprach zwar Söder, der in der „Passauer Neuen Presse“ eine Änderung des Asylrechts gefordert hatte. Merkel rief er aber auf, ein deutliches Signal zu setzen.
Diese sagte über die CSU und Seehofer im Deutschlandfunk: „Es gibt Dinge, da gibt es unterschiedliche Meinungen.“ Mit dem Ruf nach einer schnellen Lösung verbreite man Illusionen. Den Zuzug zu stoppen werde nur funktionieren, wenn die EU ihre Außengrenzen sichere, es eine Vereinbarung mit der Türkei gebe und die Situation der Menschen in den Herkunftsländern verbessert werde.
Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ist die EU hier in Gesprächen mit der Türkei vorangekommen: So sollten dort sechs neue Flüchtlingslager für bis zu zwei Millionen Menschen entstehen, die von der EU mitfinanziert werden sollten.
Die Türkei und Griechenland sollten im Gegenzug die Grenzen besser sichern. Aus den Lagern könnten bis zu eine halbe Million Menschen nach Europa umgesiedelt werden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker treffen sich am Montag in Brüssel.
Die Debatte über die Flüchtlingskrise überschattete auch die Feiern zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung. Bundespräsident Joachim Gauck sagte bei der zentralen Veranstaltung in Frankfurt, die Integration der Flüchtlinge sei wie die deutsche Einheit eine Herausforderung für Generationen.
„Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammengehörte.“ Es müssten viel größere Distanzen überwunden werden als zwischen Ost- und Westdeutschen, die eine Sprache und eine gemeinsame Kultur und Geschichte gehabt hätten. Ausdrücklich ermahnte er auch die Flüchtlinge: „Unsere Werte stehen nicht zur Disposition“, sagte er. Dabei nannte er Antisemitismus und die Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen.