GDL-Chef Claus Weselsky: „Herr Seiler wollte von Anfang an nicht verhandeln“
Claus Weselsky: „Alle reden über die Viertagewoche, über Homeoffice, über mobiles Arbeiten – und bei der Bahn stecken die Schichtarbeiter in der Tretmühle.“
Foto: dpaBerlin, Düsseldorf. Für Claus Weselsky, 64, ist es voraussichtlich der letzte Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) geht im kommenden Jahr nach 16 Amtsjahren in Rente. Doch von Altersmilde ist bei dem gelernten Lokführer keine Spur. 555 Euro mehr Monatslohn und eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 3000 Euro verlangt Weselsky.
Zudem fordert seine GDL, die Arbeitszeit für Schichtarbeiter von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich abzusenken. Mit einem 20-stündigen Warnstreik am vergangenen Mittwoch und Donnerstag unterstreicht die Gewerkschaft ihre Forderungen. Ursprünglich für den 16. und 17. November angesetzte Verhandlungstermine hat die Deutsche Bahn daraufhin abgesagt.
Lesen Sie hier das ganze Interview mit GDL-Chef Claus Weselsky:
Herr Weselsky, auf meinem Handy befinden sich Bahntickets zum Weihnachtsmarkt in Prag. Muss ich mir jetzt noch schnell Winterreifen fürs Auto besorgen?
Da bin ich schon zu lange im Geschäft. Jegliche Fangfragen sind sinnlos.
Wieso Fangfrage? Sie können doch ruhig sagen, ob wir uns in der Vorweihnachtszeit auf weitere Streiks einstellen müssen.
Das kommt auf das Verhalten des Arbeitgebers an. Wenn die Deutsche Bahn und ihr Personalvorstand Martin Seiler Arbeitsverweigerung betreiben und Verhandlungen verzögern, dann sind sie verantwortlich für eine weitere Eskalation.
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Wundert es Sie, dass Personalvorstand Seiler wegen Ihrer Streikankündigung die nächste Verhandlungsrunde abgesagt hat? Schließlich hat die Bahn doch schon in der ersten Runde ein passables Angebot vorgelegt – ungewöhnlich früh.
Das ist gar nicht ungewöhnlich. Das haben fast alle Bahnverkehrsunternehmen gemacht, mit denen wir in dieser Tarifrunde verhandeln.
In den Verhandlungen mit Ihrer Konkurrenzgewerkschaft EVG hat die Bahn erst in der zweiten Runde ein Angebot vorgelegt ...
Vergleichen Sie mich doch bitte nicht mit der Einkommensverringerungs- und Bahn-Hausgewerkschaft EVG.
Aber hätte man über ein Elf-Prozent-Angebot nicht verhandeln können, ohne gleich zu streiken?
Nur die Inflationsprämie über 2850 Euro war konkret. Ansonsten wird fabuliert von elf Prozent Lohnerhöhung, ohne zu sagen, dass dies über 32 Monate Laufzeit gehen soll. Das reduziert nämlich die elf Prozent auf unter vier Prozent jährlich. Und am 9. November hat uns Herr Seiler wissen lassen, dass er über die Absenkung der Wochenarbeitszeit gar nicht verhandeln wird. Daraufhin hat sich diese Gewerkschaft erlaubt, einen Warnstreik anzusetzen.
Was die Bahn angesichts des vereinbarten Verhandlungsfahrplans als ein Unding bezeichnet.
Herr Seiler wollte von Anfang an nicht verhandeln. Der hat schon vor Beginn nach einer Schlichtung gerufen.
Claus Weselsky: „Die Mitarbeiter scheinen der Bahn egal zu sein“
Rechnen Sie damit, dass es eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik geben wird?
Wir haben noch nie unbefristet gestreikt. Eine Urabstimmung ist zwingend erforderlich, wenn wir uns rechtssicher bewegen wollen. Denn jeder Arbeitskampf kann vor Gericht überprüft werden – insbesondere auf Verhältnismäßigkeit.
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Die EVG hatte im vergangenen Mai einen Warnstreik über 50 Stunden geplant ...
Das würden wir nie machen. Weil dann ein deutscher Richter sagt: Das ist unverhältnismäßig.
Wie geht es nun mit den Verhandlungen weiter? Der nächste Termin war ursprünglich für den 23. und 24. November angesetzt.
Das kann ich nicht beantworten. Schließlich schreibe ich nicht das Drehbuch für die Deutsche Bahn AG. Und ich hätte Verhandlungen, die vereinbart sind, nie abgesagt. Die Mitarbeiter scheinen der Bahn egal zu sein.
Der DB-Konzern steuert in diesem Jahr auf einen Betriebsverlust von einer Milliarde Euro zu, die Schulden türmen sich auf über 30 Milliarden Euro. Wovon soll er den von Ihnen gewünschten Sprung bei den Personalkosten bezahlen?
Wenn die Bahn bezahlen kann, dass sich die Manager wie in diesem Frühjahr ihre Gehälter um 14 Prozent erhöhen und bei Schlechtleistung trotzdem noch ihre Boni bekommen, dann kann sie sich auch Gelder leisten für Mitarbeiter, die direkt in der Wertschöpfung tätig sind. Hat etwa der Fahrdienstleiter zu verantworten, dass die Konzernschulden seit 1994 von null auf über 30 Milliarden Euro angestiegen sind? Und dass dieses Eisenbahnsystem schlechter läuft als je zuvor?
Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten 555 Euro mehr Geld im Monat und eine Arbeitszeitverkürzung für Schichtarbeiter.
Foto: ReutersHerr Seiler argumentiert, die Personalkosten der Bahn stiegen um 50 Prozent, wenn er alle Ihre Forderungen erfüllen würde.
Einerseits sagt Herr Seiler, die GDL ist ganz klein, die hat nur in 18 Betrieben Tarifverträge und verhandelt nur für 10.000 Eisenbahner. Und andererseits spricht er von 50 Prozent Personalkostensteigerung. Das passt nicht zusammen. Statt zu verhandeln, wird unterstellt, dass alle unsere Forderungen eins zu eins erfüllt werden.
GDL-Chef: „Wir erleben seit mehr als zehn Jahren Personalknappheit“
Selbst wenn Sie nur die Hälfte Ihrer Forderungen durchsetzen, wären wir immer noch bei einer Personalkostensteigerung von 25 Prozent.
Die Rechnung geht so einfach nicht – aber selbst, wenn: Das Plus wäre angebracht. Wir erleben seit mehr als zehn Jahren Personalknappheit. Herr Seiler lässt sich mit einem Recruiting-Award auszeichnen und muss gleichzeitig zugeben, dass Strecken stillgelegt werden, weil keine Fahrdienstleiter da sind oder der Verkehr ausgedünnt wird, weil Lokführer, Zugbegleiter und Werkstattmitarbeiter fehlen. Das ist Managementversagen, denn man weiß eigentlich, wer wann in Rente geht.
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Wie passt Ihre Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit dem von Ihnen beschriebenen Personalmangel zusammen?
Der Mangel hat auch damit zu tun, dass das Schichtsystem, in dem die Eisenbahn seit 175 Jahren fährt, unattraktiv ist. Alle reden über die Viertagewoche, über Homeoffice, über mobiles Arbeiten – und bei der Bahn stecken die Schichtarbeiter in der Tretmühle. Das wollen die jungen Leute heute nicht mehr. Die Erwartungen sind andere als 1977, als ich als Lokführer angefangen habe. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen mehr Lebensqualität – und treten dafür auch in den Streik.
Aber wo soll das fehlende Personal herkommen?
Niemand sagt, dass morgen drei Wochenstunden weniger gearbeitet werden soll. Wir sind bereit, Kompromisse zu machen und Schritte zu einer Arbeitszeitverkürzung zu vereinbaren. Denn wir müssen dem Arbeitgeber auch die Gelegenheit geben, das Personal auszubilden. Wenn wir je abgesenkte Arbeitszeitstunde dem Arbeitgeber ein Jahr Vorlauf lassen, dann ist das auch möglich.
Nach dem Tarifeinheitsgesetz kann der GDL-Tarifvertrag nur in den Betrieben des Bahn-Konzerns zur Anwendung kommen, wo die GDL die Mehrheit hat. Herr Seiler sagt, das sind nur 18 von 300.
Das hat die Bahn willkürlich festgelegt. Denn wir setzen uns seit mittlerweile zwei Jahren vor Gericht für ein Zählverfahren ein und sind erst in der zweiten Instanz.
In der Tarifrunde 2021 gab es auch zuerst einen EVG-Abschluss. Dann kam die GDL und die Bahn hat anschließend der EVG angeboten, noch einmal nachzubessern.
Bisher, in der Tarifpluralität, haben immer alle von den Tarifabschlüssen der GDL profitiert. Doch das geht nicht mehr. Denn Herr Seiler hat sich festgelegt, dass das, was die GDL erkämpft, nur in 18 Betrieben gilt. Und ich freue mich auf den Tag, wo er das den Kolleginnen und Kollegen in den anderen Betrieben erklären muss.
Herr Weselsky, vielen Dank für das Interview.
Erstpublikation: 16.11.2023, 12:58 Uhr.