Heiner Koch im Interview: Warum solidarisieren sich so wenige mit Israel, Herr Erzbischof?
Berlin. Herr Erzbischof, wir erleben zurzeit immer mehr Antisemitismus. War das für Sie in diesem Ausmaß vorstellbar?
Judenfeindliche Bedrohungen gab es auch in den letzten Jahren, wie den Anschlag auf die Synagoge in Halle. Sie sind in der Coronapandemie und nach dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine angestiegen. Doch das jetzige Ausmaß, dass Davidsterne an Haustüren geschmiert und in Berlin Molotowcocktails auf eine Synagoge geworfen werden, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe immer gedacht, wir hätten die Lehren aus unserer Geschichte gezogen. Es gibt doch Holocaust-Überlebende wie Margot Friedländer, die so beeindruckend an uns alle appelliert: „Es darf nie wieder passieren, was man damals Menschen angetan hat.“
Musste man damit nicht rechnen? Bei einer propalästinensischen Demonstration im April in Berlin skandierten die Teilnehmer unter anderem „Tod Israel“ und „Tod den Juden“. Sie haben schon damals gesagt: „Auch Worte verletzen und töten.“ Welche Reaktionen gab es darauf?
Auf meine Worte? Keine. Das war sehr erschütternd für mich. Ich ging davon aus, dass ich mit meiner Position nicht alleinstehe. Aber auch das Schweigen ist ein Hinweis, wie es um die emotionale Verbundenheit mit Israel in Teilen der Gesellschaft steht. Nichts sagen ist auch eine Meinung.
Braucht es grundsätzlich mehr sichtbare Unterstützung aus der Zivilgesellschaft für Israel?
Es ist weitgehend überzeugend, wie die Regierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz uneingeschränkt an der Seite Israels steht. Aber wir dürfen als Gesellschaft und auch als Kirchen die Verantwortung nicht an die Regierung abgeben. Wer beim Schicksal der ermordeten Jüdinnen und Juden keine Empathie verspürt und den Extremisten die Straße überlässt, der soll sich einfach die fürchterlichen Bilder des eiskalt kalkulierten Massenmords der Hamas-Terroristen an unschuldigen Zivilisten ansehen.
Was heißt Engagement hier konkret für Sie?
Wir haben zum 9. November als Kirchen zu einem „Gedenkweg“ eingeladen. Die Erinnerung an 1938 war plötzlich erschreckend aktuell. Ich habe Synagogen besucht, wir haben als christliche Bischöfe in Zeitungsanzeigen zu Chanukka gratuliert. Unser Platz als Kirche ist an der Seite unserer jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn. Aber selbst bei der „Nie wieder ist jetzt“-Demonstration vor dem Brandenburger Tor war zahlenmäßig noch deutlich Luft nach oben.
„Israel läuft die Zeit davon“
Woran liegt das?
Ich habe kürzlich in Berlin eine Ausstellung über Margarete Sommer eröffnet. Sie war eine starke Katholikin in der NS-Zeit, die ihr Leben riskierte, als sie Jüdinnen und Juden vor der Deportation versteckte. Heute riskiere ich nur, dass mir kalt wird, wenn ich mich bei einer Demonstration gegen Antisemitismus engagiere. Da ist entweder Gleichgültigkeit oder Faulheit im Spiel. Es geht um unser Zusammenleben hier in Deutschland. Ich sehe aber auch eine Gefahr für Israel.
Welche?
Nach der Terrorattacke auf Israel hat mir ein Rabbiner gesagt: „Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird die Stimmung gegen uns kippen.“ Israel läuft die Zeit davon, wenigstens in der öffentlichen Meinung. Die Bilder aus dem Gazastreifen haben bereits Wirkung gezeigt, und es besteht die Gefahr einer antisemitischen Opfer-Täter-Umkehr. Auch deshalb ist es wichtig, Flagge zu zeigen.
Sie haben Greta Thunberg, die mit ihren propalästinensischen Äußerungen für Entsetzen sorgt, zuvor mit der Vorbild-Wirkung von Jesus Christus verglichen. Würden Sie das noch einmal wiederholen?
Ich habe das Prophetische an „Fridays for Future“ herausgestellt. Weil ich gesehen habe, wie Menschen weltweit auf die von Greta Thunberg ausgelöste Klimabewegung reagiert haben. Sie hat uns wachgerüttelt. Das drängende Anliegen der jungen Menschen, die Welt vor der Klimaerwärmung zu schützen, teile ich. Die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung treibt auch mich um. Thunbergs Äußerungen zum Nahostkonflikt teile ich aber in keinster Weise.
Muss vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts nicht auch das Verhältnis der christlichen Weltreligionen zum Islam neu definiert werden?
Wir haben zu den Vertretern des Islams und des Judentums in Berlin gute Kontakte, auch auf nachbarschaftlicher Ebene zwischen Moscheen, Kirchen und Synagogen. Gleichzeitig weiß ich, dass Juden, Christen und Muslime auch vielfach nebeneinander leben.
Und wenn es Streit gibt ?
Gerade wenn es Streit gibt, müssen wir die Gesprächskontakte intensivieren und uns auf das besinnen, was die drei monotheistischen Religionen verbindet: Es ist unser gemeinsames Anliegen, die Frage nach Gott wachzuhalten und menschlichen Allmachtsfantasien zu widersprechen. Ein Jude hat einmal zu mir gesagt: „Kämpfen Sie weiter um das Kreuz, auch im öffentlichen Raum. Denn wenn das Kreuz verschwindet, verschwindet auch der Davidstern.“ Das ist mir sehr nahegegangen.
„Politisch Verfolgte genießen Asylrecht – dabei muss es bleiben“
Die CDU hat ihren Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet. Darin steht der zentrale Satz: „Muslime, die unsere Werte teilen, gehören zu Deutschland.“ Würden Sie diese Passage unterschreiben?
Um Werte wurde in Europa lange gerungen. Sie sind ohne die jüdisch-christliche Tradition nicht zu verstehen. Christliche Werte sind nicht exklusiv, sie sind eine Einladung an alle Menschen guten Willens und keinesfalls nur an den Kreis der Christen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ kann eine Maxime für alle Menschen sein. Es heißt eben nicht: Du sollst nur Christen gut behandeln.
Die Migrationsdebatte wird immer härter geführt. Der Kanzler forderte Abschiebungen im großen Stil, Oppositionschef Friedrich Merz will eine radikale Wende in der Asylpolitik. Gehört das zum „moralischen Schiffbruch“ der westlichen Gesellschaften, vor dem Papst Franziskus gewarnt hat?
„Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, so steht es im Grundgesetz, und dabei muss es auch bleiben.
Wie sieht es bei allen anderen aus?
Den Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“ fand ich mutig. Aber die damalige beinahe euphorische Stimmung im Land ist vorbei. Wir werden eine Willkommenskultur in Deutschland nur bewahren, wenn wir die Menschen im Land nicht überfordern. Es geht mir dabei weniger darum, ob wir das finanziell und materiell schaffen, wir müssen mehr für ein gutes, herzliches Miteinander tun. Sonst erodiert das Vertrauen in diesen Staat immer weiter, und rechtsextreme und populistische Parteien wie die AfD bekommen immer mehr Zulauf.
Wie gewinnt man das Vertrauen wieder zurück?
Viele Proteste – sei es die Pegida-Bewegung, seien es die Proteste gegen die Coronamaßnahmen oder gegen die Aufnahme von Geflüchteten – sind Ausdruck einer Angst vor dem Fremden und dem Verlust von Heimat und der eigenen Identität. Transparentes und konsequentes Handeln kann ein erster Schritt sein, Vertrauen zurückzugewinnen; aber ich habe da keine gute und schon gar keine einfache Antwort. Die großen gesellschaftlichen Fragen sind aber inzwischen so komplex, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Populisten versuchen das den Menschen einzureden, dem müssen wir beharrlich widersprechen.
„Wir leben jedenfalls nicht in der schlimmsten aller Zeiten“
Was hilft noch?
Manchmal hilft auch der Blick in die Vergangenheit: Wer heute klagt und sich empört, soll mal ältere Berliner fragen. Wir leben jedenfalls nicht in der schlimmsten aller Zeiten. Ich persönlich glaube auch, dass bei vielen Zuversicht und eine Perspektive fehlen. Mir hilft die Zuversicht des Glaubens, dass es einen guten Gott gibt, der uns trägt.
Wie lange lässt sich so eine Überforderung durchhalten, ohne dass die Gesellschaft irreparablen Schaden nimmt?
Eine solche Überforderung lässt sich nicht durchhalten. Auch wenn wir als Kirche selbst uns einem massiven Vertrauensverlust stellen, müssen wir weiterhin versuchen zu deeskalieren, wo immer das möglich ist. Die großen gesellschaftlichen Institutionen verschaffen sich oft nicht mehr Gehör. Aber auf der nachbarschaftlichen Ebene gibt es viele Entwicklungen, die mir Hoffnung machen. Es gibt sie noch, die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die sich für Obdachlose und Geflüchtete einsetzen, sie sind nur nicht so laut.
Die katholische Kirche hat sich eindeutig von der AfD distanziert. Wie gehen Sie als Bischof mit AfD-Wählern um? Sie müssen an Weihachten ja alle segnen.
Ich segne alle Menschen, die gesegnet werden wollen. Da mache ich keine Unterschiede. In der Sache teile ich aber die Ansichten der AfD in keiner Weise. Die AfD will ein fremdenfeindliches, ein antieuropäisches, ein nationalistisch aufgestelltes Deutschland. Das will ich nicht und sage das auch jedem.
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