Helmut Kohl: Verneigung vor dem Kanzler der Einheit
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verneigt sich vor dem Sarg Helmut Kohls.
Foto: dpaSpeyer. Bernd Schmidbauer ist an diesem Samstag in den Kaiserdom nach Speyer gekommen, um sich vom verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl zu verabschieden. Dem Mann, mit dem er viele Jahre eng zusammengearbeitet hatte, in Krisenfällen sogar Tag und Nacht. Sieben Jahre war er als Staatssekretär stets an Kohls Seite. Jetzt verfolgt er von seinem Platz im Mittelschiff der „Hauskirche“ Kohls das letzte Geleit für den Bundeskanzler.
Die Welt verabschiedet sich von Helmut Kohl. Sein Tod hat alte Wunden aufgerissen. Doch seine Lebensleistung ist unbestritten. Gerade jetzt, da die Welt Orientierung sucht und neue Gräben entstehen, gibt Kohls Idee von Europa Halt. Keiner bringt das besser zum Ausdruck als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Europa sei „die Frucht des Schicksals von Menschen, die entschieden haben, sich über das zu erheben, was ihnen vorgezeichnet war“, sagt Macron. Diese Menschen hätten „den Mut gehabt, sich gegen den Hass und manchmal auch die Ängste zu erheben“.
Nach dem europäischen Staatsakt in Straßburg, wo die Bühne außer Macron Politikern wie Ex-US-Präsident Bill Clinton, Russlands Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew und natürlich auch Kanzlerin Angela Merkel gehörte, sollte mit der Trauerfeier in Speyer auch Deutschland die Gelegenheit zum Abschiednehmen haben. 1 500 Gäste waren geladen – am Ende blieben einige Plätze frei. Wegbegleiter waren weggeblieben, manche weil sie nicht eingeladen wurden, andere, wie Kohls Kinder, aus Protest.
Im Radio und im Liveticker hatte Schmidbauer am Vormittag auch den ersten Teil der Zeremonie im Europaparlament in Straßburg verfolgt. Besonders aufmerksam verfolgte der ehemalige Geheimdienstkoordinator die Rede des russischen Ministerpräsidenten inmitten der Entfremdung zwischen Berlin, Brüssel und Moskau. Seine Sätze ließen Schmidbauer aufhorchen.
Für Kohl sei Russland Bestandteil eines gemeinsamen Europas gewesen, „Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht“, sagte Medwedjew. „Ein Traum von Frieden und Sicherheit für alle. Doch heute gebe es ideologische Reste der Berliner Mauer“, so der Regierungschef in Straßburg, die europäische Fahne im Rücken. „Was Medwedjew da gesagt hat, war absolut bemerkenswert“, konstatiert Schmidbauer, als er sich nach dem Trauergottesdienst in ein Café in Speyer setzt.
Unter Helmut Kohl wären die Beziehungen zu Russland nicht so abgekühlt, sagt Schmidbauer. Kohl sei unter schwierigsten Bedingungen zum Garanten für Stabilität und Einheit in Europa geworden und habe dabei immer eng mit Russland zusammengearbeitet. Schmidbauer hat aus Medwedjews Rede eine Einladung zum Dialog herausgehört. All das will Schmidbauer nicht als Vorwurf an Merkel verstanden wissen. Sie habe die Chance, Russland und Europa wieder auszusöhnen. „Merkel ist prädestiniert für diese Aufgabe.“ Es muss wieder menscheln zwischen der russischen und der deutschen Regierung.
Ob ausgerechnet Angela Merkel die Richtige fürs Menscheln ist? Als das „Mädchen“, wie Kohl seine Ministerin aus Ostdeutschland nannte, sich in der Affäre um schwarze Parteikassen öffentlich von Kohl distanzierte und er in der Folge sogar auf seinen Ehrenvorsitz in der CDU verzichtete, war es zwischen dem politischen Schwergewicht und seinem Schützling zum Bruch gekommen.
Wegbegleiter Kohls kritisieren seine Witwe
Diese schwere Kränkung scheint von Kohl auf seine zweite Frau Maike Kohl-Richter übergegangen zu sein. Wie der „Spiegel“ berichtet, wollte Kohl-Richter ursprünglich verhindern, dass Merkel auf der Trauerfeier für ihren verstorbenen Mann spricht. Auf Geheiß der Witwe fand denn auch kein nationaler Staatsakt für Kohl in Berlin statt. Merkel trat am Samstag im Europaparlament als letzte Rednerin ans Pult. Dort bedankte sie sich zwar artig bei Kohl. „Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben.“ Zugleich war sie an diesem Vormittag die Einzige im Plenum, die Kohls erste Ehefrau Hannelore Kohl würdigte. Sie hatte sich im Jahr 2001 nach langer Krankheit das Leben genommen. Gern hätte man Kohl-Richters Gedanken gelesen.
Einstige Wegbegleiter Kohls werfen der Witwe vor, alle wegzubeißen, die Hannelore nahestanden. Dazu zählen die Kinder, betroffen sind aber auch Kohls ehemaliger Chauffeur Eckhard Seeber oder dessen Ehefrau Hilde, Haushälterin bei den Kohls. Sie sei schon sehr enttäuscht, so ausgegrenzt zu werden, „aber wir sind nicht die Einzigen“, sagte Hilde Seeber dem Handelsblatt.
So wurde Kohl denn auch nicht im Familiengrab neben seiner ersten Frau in Ludwigshafen beigesetzt, sondern in Speyer. Die Anspannung ‧zwischen Merkel und Kohl-Richter konnte man in Straßburg live verfolgen. Nach ihrem Vortrag ging Merkel, anders als die meisten Vorredner, nicht zu Kohl-Richter, um ihr persönlich zu kondolieren. Sie kehrte nach einer kurzen Verneigung vor Kohls Sarg an ihren Platz zurück. Nach einigen Momenten überlegte es sich die Kanzlerin anders. Sie blickte kurz zur Witwe herüber, durchmaß den Abstand zwischen ihnen und lief die wenigen Meter zu ihr.
Nach dem Ende der Trauerfeier verließ die Witwe mit ihrem Geleit das Plenum, ohne sich noch einmal nach Merkel umzudrehen. Merkel, Macron und Clinton wurden ohnehin schon von Dutzenden Menschen umringt, die Hände schütteln wollten.
Schmidbauer hätte sich sehr wohl einen deutschen Staatsakt in Berlin für Kohl gewünscht. „Ich glaube, er hätte das gewollt.“ Die Diskussionen im Vorfeld, die Bilder seines Sohns Walter, der das Haus in Oggersheim nicht betreten durfte, „das war ein für Kohl unwürdiges Schauspiel“. Der gebürtige Pfälzer sei ein fürsorglicher Chef gewesen. Seine Empathie habe sich auch auf Regierungschefs bezogen. Als Clinton wegen der Lewinsky-Affäre unter Druck war, soll Kohl gesagt haben. „Ich glaube, Bill geht es nicht gut, ich werde ihn später anrufen.“ Der einstige US-Präsident dankte seinem alten Freund solche Anteilnahme, indem er in Straßburg ins Parlament rief: „Ich liebte ihn.“
Es ist spät geworden. Schmidbauer macht sich auf den Weg zu seinem Wagen. Die Polizei baut die Straßensperren ab, die Situation in Speyer normalisiert sich. Über die Rolle Meike Kohl-Richters hätte Schmidbauer einiges beizusteuern. Aber er will sich dazu nicht äußern. Wichtig ist ihm allerdings der Umgang mit Kohls staatlichen Akten und den Tonbändern, die in seinem Bungalow in Oggersheim lagern. Sein Vermächtnis als Bundeskanzler. Es geht um ein Stück bundesdeutscher Geschichte. Für Schmidbauer ist eins ganz klar: „Die Unterlagen müssen in die Hände von Historikern. Der Bundeskanzler gehört uns allen.“