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Ronald PofallaDer Mann, der die SPD an den Abgrund rückte

Die schwarz-roten Machtspiele treiben bizarre Blüten. Bei Koalitionsgesprächen sitzt Ronald Pofalla mit am Tisch. Der hatte einst eine CDU-Wahlstrategie ersonnen, die der SPD die schlimmste Niederlage im Bund bescherte.Dietmar Neuerer 18.10.2013 - 17:09 Uhr Artikel anhören

Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU): Mit seiner Strategie einer „asymmetrischen Demobilisierung“ bescherte er der SPD eine historische Wahlniederlage.

Foto: dpa

Berlin. Was sich derzeit in Berlin zwischen Union und SPD abspielt, kann man frei nach Adenauer unter der Überschrift „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“ einordnen. Irgendwie scheinen sich alle wieder lieb zu haben. Die erbitterten, wahlkampfbedingten Grabenkämpfe scheinen vergessen.

Und auch jüngste Hakeleien, wie der Knatsch zwischen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und CSU-General Alexander Dobrindt spielen offenbar keine große Rolle mehr, wenn es jetzt darum geht, gemeinsam eine Große Koalition zu schmieden. Beide versöhnten sich auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft – gut sichtbar für die beobachtenden Pressefotografen. Was für ein Bild!

Das Signal, das von einer derart symbolgeladenen Versöhnungsaktion ausgehen soll, liegt auf der Hand: Meinungsverschiedenheiten sollen von nun an der Vergangenheit angehören, jetzt geht es um die staatspolitische Verantwortung, eine stabile Regierung zu bilden. Da passen neue Streits nicht mehr ins Bild. Die Logik dieser neuen schwarz-roten Eintracht führt allerdings auch dazu, dass die SPD akzeptieren muss, dass ein Ronald Pofalla mit am Verhandlungstisch sitzt.

Wie groß sind Kompromiss-Chancen zwischen Union und SPD?
Schon vor der Wahl hat die SPD den Kurs von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gestützt. Der SPD-Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer hatte Merkel auch schon einmal zugestimmt. Kompromisssuche: Eher einfach.
Union und SPD wollen 850 Euro Mindestrente für Geringverdiener, sehen dafür aber unterschiedliche Bedingungen. Die Union will höhere Renten für Mütter, die vor 1992 Kinder bekamen. Kompromisssuche: Eher einfach.
Union und SPD wollen Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen verhindern („gleicher Lohn für gleiche Arbeit“). Die SPD will dafür Mitsprache von Betriebsräten stärken. Kompromisssuche: Eher einfach.
Das 2006 eingeführte Kooperationsverbot von Bund und Ländern bei der Bildung soll gelockert werden – laut Wahlprogramm der Union für die Wissenschaft, die SPD will dies auch für die Schulen. Kompromisssuche: Kompliziert.
Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz sehen Union wie SPD Reformbedarf. Zur Entlastung der Verbraucher will die SPD die Stromsteuer senken, was die Union skeptisch sieht. Kompromisssuche: Kompliziert.
Die SPD will ein bundesweites Mieterhöhungs-Limit bei Wiedervermietungen von zehn Prozent über dem ortsüblichen Niveau. Die Union will dies für Gebiete mit angespanntem Markt ermöglichen. Kompromisssuche: Kompliziert.
Die SPD will einen gesetzlichen Mindestlohn von bundesweit 8,50 Euro. Die Union will Arbeitgeber und Gewerkschaften flächendeckend Mindestlöhne nach Region und Branche festlegen lassen. Kompromisssuche: Kompliziert.
Die Zahlung für Kleinkinder, die keine staatlich finanzierte Betreuung in Anspruch nehmen, hat die CSU hart erkämpft. Die SPD fordert die Abschaffung, will dafür den Kita-Ausbau stärken. Kompromisssuche: Schwierig.
Die Union ist uneins über eine Pkw-Maut für Ausländer, die die CSU zur Koalitionsbedingung erklärt hat. Die CDU peilt eine wie auch immer geartete „Lösung“ an, die SPD lehnt eine Pkw-Maut ab. Kompromisssuche: Schwierig.
SPD-Wahlkampfthema war, den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent anzuheben. Die Union hat Erhöhungen ausgeschlossen, will den Steueranstieg bei Lohnerhöhungen („kalte Progression“) stoppen. Kompromisssuche: Schwierig.
Die Union will am jetzigen System festhalten, das bei Kostensteigerungen Arbeitgeber schützt und Arbeitnehmer belastet. Die SPD fordert eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen. Kompromisssuche: Schwierig.

Der Kanzleramtsminister soll laut „Bild“-Zeitung das Konzept für die Koalitionsverhandlungen erarbeiten. Bis Sonntag solle er ein Organigramm der Facharbeitsgruppen erstellen und an SPD-Chef Sigmar Gabriel übermitteln. Darin solle geregelt werden, welche Arbeitsgruppen eingesetzt und mit wie vielen Mitgliedern sie besetzt werden sollen. Ausgerechnet Pofalla.

Vielen in der SPD dürfte der CDU-Mann noch gut Erinnerung sein. Der studierte Rechtsanwalt und Diplom-Sozialpädagoge hat den Wahlkampf mitentwickelt, der 2009 unter dem Schlagwort „asymmetrische Demobilisierung“ bei der CDU Furore machte. Es gelang der Partei, aus der Großen Koalition heraus mit einem einlullenden Wahlkampf Wähler von der SPD fernzuhalten und ein Bündnis mit der FDP vorzubereiten. Nach elf Jahren gab es wieder eine schwarz-gelbe Koalition.

Der SPD bescherte die Pofalla-Strategie damals mit 23 Prozent das schlechteste Wahlergebnis im Bund seit 1949. Die Wähler straften damals die Arbeit der Sozialdemokraten in der Großen Koalition von 2005 bis 2009 ab, obwohl sich die SPD selbst als die bessere Hälfte in dem Bündnis gesehen hatte. Ähnliches befürchten viele Parteimitglieder, wenn die SPD nun erneut in eine schwarz-rote Koalition gehen sollte.

So lange geht's ohne Regierung
Das Grundgesetz sieht keine Frist für die Bildung einer neuen Bundesregierung vor. Nach früheren Wahlen vergingen vom Tag der Bundestagswahl bis zur Wahl einer neuen Regierung zwischen 24 Tagen (1969 und 1983) und 73 Tagen (1976). Die Parteien brauchten diese Zeit, um den Koalitionsvertrag auszuhandeln. Der neue Bundestag musste aber spätestens am 30. Tag nach der Wahl zusammenkommen - diesmal also spätestens am 22. Oktober. An diesem Tag – ein Dienstag – konstituierte sich tatsächlich der Bundestag neu. Die Bildung einer neuen Regierung hat mehr Zeit.
Es wird immer eine Regierung geben - selbst dann, wenn sich die Parteien nicht auf eine Koalition einigen können, die eine Mehrheit im Bundestag hat. Zwar lief die Amtszeit von Kanzlerin und Regierung mit dem Zusammentritt des neuen Bundestags am 22. Oktober gemäß Grundgesetz aus - doch sie bleiben geschäftsführend im Amt, bis der Bundestag einen neuen Kanzler und eine neue Regierung wählt. Deswegen behalten nun wohl zunächst einmal auch die Minister der FDP ihr Amt, obwohl die Partei nicht mehr im Bundestag sitzt.
Ihr Handlungsspielraum ist eng, weil sie im Bundestag keine Mehrheit mehr hat. Das Land würde deswegen aber nicht gleich ins Chaos stürzen: Schließlich behalten alle bisherigen Gesetze ihre Gültigkeit. Neue Gesetzesvorhaben lägen aber weitgehend auf Eis - was spätestens dann akut problematisch würde, wenn der Bundeshaushalt verabschiedet werden muss. Auch hier gibt es allerdings Übergangsregelungen.
Das Grundgesetz ließe es zu, dass die Union eine Minderheitsregierung bildet und sich im Bundestag je nach Thema wechselnde Mehrheiten sucht. Merkel hat eine solche Option aber ausgeschlossen, weil sie ihr zu instabil erscheint. Der letzte Ausweg wären Neuwahlen: Dafür müsste die Bundespräsident den Bundestag auflösen. Dies kann er tun, wenn die Wahl eines neuen Kanzlers drei Mal an mangelnden Mehrheiten scheitert oder wenn ein Kanzler im Bundestag die Vertrauensfrage stellt und dafür keine Mehrheit findet.

Auch aus einem Grund passt einer wie Pofalla nicht so recht zur SPD. In der vergangenen Wahlperiode hatten die Sozialdemokraten auf den CDU-Politiker noch heftig eingedroschen. Damals ging es um die NSA-Affäre und die Rolle Deutschlands dabei, nachdem das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ Anfang August enthüllt hatte, dass der Bundesnachrichtendienst massenhaft Daten an den US-Geheimdienst weitergegeben hatte.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, warf Pofalla als Zuständigen für die deutschen Geheimdienste damals vor, er habe „Parlament und Öffentlichkeit gezielt getäuscht“. Zuvor hatte der Merkel-Vertraute vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium beteuert, es habe keine massenhafte Weitergabe vom deutschen an dem amerikanischen Geheimdienst gegeben.

Dieser Linie blieb Pofalla treu, was die SPD zu noch schärferen Attacken ermutigte. Oppermann giftete fortan nicht mehr nur gegen „Nebelkerzenwerfer“ Pofalla, er nahm die ganze Bundesregierung ins Visier: „Frau Merkel ist doch in dieser Angelegenheit noch ahnungsloser als Kanzleramtsminister Pofalla und Innenminister Friedrich“, polterte der SPD-Mann, der beste Aussichten hat in einer Großen Koalition Bundesminister zu werden.

Und weiter: „Wir wollen diese ganze Bundesregierung ablösen – nicht nur die FDP, sondern auch die Kanzlerin. Die SPD kämpft für Rot-Grün und konzentriert sich voll auf dieses Ziel. Eine Koalition mit Frau Merkel und der Union ist für uns kein Thema.“

Fahrplan zur neuen Regierung
Der neu gewählte Bundestag kommt um 11 Uhr zur konstituierenden Sitzung zusammen. Um 17 Uhr erhalten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Mitglieder ihres schwarz-gelben Kabinetts die Entlassungsurkunden von Bundespräsident Joachim Gauck. Sie bleiben aber vorerst geschäftsführend im Amt.
Nach getrennten Vorbesprechungen kommt eine große Runde von Union und SPD um 12 Uhr in der Berliner CDU-Zentrale zum Auftakt der Koalitionsverhandlungen zusammen.
Vorgemerkter Termin für eine nächste Sitzung der großen Verhandlungsrunde, diesmal in der SPD-Zentrale.
Vorgesehen für Koalitionsverhandlungen in Arbeitsgruppen und in der großen Verhandlungsrunde von Union und SPD.
Vom 14. bis 16. November trifft sich die SPD zum Bundesparteitag in Leipzig.
Der CDU-Bundesvorstand könnte ein Datum für einen Kleinen Parteitag (Bundesausschuss) festlegen, der über einen Koalitionsvertrag abstimmen soll.
Die CSU trifft sich in München zu einem zweitägigen Parteitag.
Über ein Ergebnis von Koalitionsverhandlungen sollen die 470.000 Mitglieder der SPD abstimmen. Dies dürfte rund zwei Wochen dauern.

Davon will die SPD heute jedoch nichts mehr wissen. Auch Andrea Nahles geht heute pfleglicher mit der Union als potenziellen Partner um. In der NSA-Debatte hatte sie Pofalla noch vorgeworfen, nur „lächerliche Auskünfte" gegeben und – statt aufzuklären – Urlaub gemacht zu haben. Die SPD-Generalsekretärin brachte gar den Rücktritt des Merkel-Vertrauten ins Spiel. „Ich möchte auch ganz klar sagen, dass es um die Frage geht, ob Pofalla als Chef des Bundeskanzleramts und vor allem als Koordinator der Geheimdienste wirklich im Amt bleiben kann, wenn diese Fragen nicht zügig aufgeklärt werden können.“

Erreicht hat die SPD mit ihren Attacken allerdings nichts. Pofalla erdreistete sich gar, die Angelegenheit für beendet zu erklären. Im Netzt brachte ihm das Spott und Häme ein. Bei Twitter überlegten User, was der Kanzlerminister noch alles beenden könnte („…den Nahostkonflikt“, „…Schuberts 8. Sinfonie“, „…den Arbeitstag“).

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Die Chuzpe, mit der der CDU-Mann die NSA-Affäre händelte, ist typisch für Pofalla. Durch seine Art, Dinge zu bewerten, einzuordnen oder abzubügeln, ist er schon früher aufgefallen. Immer dann, wenn er sich in die Defensive gedrängt sah, holte er zum Gegenschlag aus.

Und er traf dabei nicht immer den politischen Gegner. Bekanntestes Beispiel ist sein Zorn über den Parteikollegen Wolfgang Bosbach, als dieser das zweite Griechenland-Hilfspaket ablehnte. „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, schleuderte Pofalla Bosbach entgegen. Später hieß es, die beiden Rheinländer hätten sich ausgesprochen.

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