Energiekrise: Das Kohle-Comeback: Wie Europa den fossilen Brennstoff wiederbelebt
Eigentlich wollte das Land schon bald komplett aus der Kohle ausgestiegen sein.
Foto: APAthen, Paris, Madrid, Rom. Ab diesem Donnerstag gilt der Stopp: EU-Staaten dürfen keine Kohle mehr aus Russland importieren. Um Mitternacht endet die Übergangsperiode für das Kohle-Embargo gegen Russland, das die EU-Staaten als Teil des fünften Sanktionspakets im April beschlossen haben. Die Sanktion ist ein weiterer Ansporn für Europa, die eigene Kohleindustrie zu reaktivieren. Vor allem die Gaslücke jedoch ist es, die die Debatte um eine Renaissance des fossilen Brennstoffs befeuert.
Nach dem Überfall auf die Ukraine reduzierte der russische Staatskonzern Gazprom seine Gaslieferungen nach Europa. Seitdem haben die Staaten der EU ein Problem: Erdgas ist in vielen industriellen Prozessen unersetzbar und gilt deshalb in der gegenwärtigen Krise als zu wertvoll, um es für die Stromerzeugung zu verbrennen. Kurzfristig lässt sich Gas bei der Stromerzeugung am einfachsten durch Braun- und Steinkohle austauschen.
Viele europäische Länder wollen genau das tun. In der Praxis gibt es jedoch erhebliche Schwierigkeiten. Die Probleme reichen von knappen Kohlevorräten und Engpässen bei den Transportkapazitäten bis hin zu fehlendem Personal.
Energieversorgung trotz Sanktionen: Das Comeback der Kohle in Europa
Beispiel Griechenland: Das Land war beim Kohleausstieg bereits weit vorangekommen. 2005 kamen 60 Prozent der Stromproduktion aus Braunkohlekraftwerken, 2021 waren es nur noch elf Prozent. Der Erdgas-Anteil an der Elektrizitätserzeugung stieg im selben Zeitraum von knapp 14 auf 41 Prozent.
Noch im vergangenen Jahr verkündete der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2023 wollte der Premier mit einer einzigen Ausnahme alle Braunkohlekraftwerke im Land vom Netz nehmen. Das verbliebene sollte schließlich 2025 auf Erdgasbetrieb umgestellt werden.
Doch ein Jahr später herrscht Krieg in Europa – und damit eine andere Zeitrechnung. Der Energie-Notfallplan der Regierung sieht vor, die Braunkohleverstromung in den nächsten zwölf Monaten von fünf auf zehn Terawattstunden zu verdoppeln.
Doch das ist leichter gesagt als getan. Im Rahmen des geplanten Kohleausstiegs schickte der staatliche Energieversorger Public Power Co. (PPC) Tausende Beschäftige im Braunkohletagebau in den Vorruhestand. Jetzt fehlt es vor allem an Personal, um die für den Abbau benötigten Schaufelradbagger zu bedienen. PPC sucht deshalb nach Subunternehmern für die Braunkohleförderung. Doch auch dort sind die benötigten Fachkräfte Mangelware.
Kohlekraftwerke in Deutschland: Die Kohle reicht nicht aus
In Deutschland erlaubt eine Verordnung seit Mitte Juli, Steinkohlekraftwerke aus der sogenannten Netzreserve wieder in Betrieb zu nehmen, um Erdgas einzusparen. Als erstes soll jetzt das Kraftwerk Mehrum in Niedersachsen wieder angefahren werden.
Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag kann nach eigenen Angaben über den Oktober 2022 hinaus rund 2300 Megawatt Leistung zurück an den Markt bringen. Dazu müsste er drei Kohlekraftwerke weiter betreiben, die eigentlich stillgelegt werden sollten.
Für die Reaktivierung der Kraftwerke fehlen die Ressourcen.
Foto: dpaAber es gibt Engpässe: „An den meisten Kraftwerksstandorten reicht der Kohlevorrat derzeit nur für etwa eine Woche Volllastbetrieb aus“, heißt es vom Unternehmen. Zwar sei Steinkohle auf dem Markt verfügbar, etwa in Rotterdam, aber „es fehlt an Binnenschiffen, Güterwaggons, Lokomotiven und Lokführern“. Eine weitere Hürde: Reaktivierte Kraftwerksblöcke müssen die aktuell geltenden Umweltstandards erfüllen. Viele alte Kraftwerke können das nicht. Die Betreiber fordern deshalb Ausnahmeregelungen.
Probleme hat auch Österreich. Dort gibt es Überlegungen, das stillgelegte Fernheizkraftwerk Mellach wieder in Betrieb zu nehmen. Mellach wurde im April 2020 als letztes Kohlekraftwerk Österreichs vom Netz genommen und für den Betrieb mit Erdgas vorbereitet. Jetzt muss es wieder auf den Brennstoff Steinkohle umgerüstet werden. Das dauert. Vor 2023 könne Mellach nicht wieder in Betrieb genommen werden, sagte Michael Strugl, der Chef des Betreibers Verbund AG, der Tageszeitung „Die Presse“.
Auch Frankreich will Kohlekraftwerke wieder hochfahren
Frankreich besinnt sich ebenfalls wieder auf die Kohle. Das Thema ist zwar weniger relevant als anderswo, weil das Land stark auf Atomkraft setzt.
Allerdings haben derzeit viele Kernkraftwerke Probleme und sind wegen Sicherheitsbedenken vorrübergehend abgeschaltet. Zudem verzögert sich der Bau des Druckwasserreaktors EPR in Flamanville in Nordfrankreich.
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Die Lücke bei der Energieversorgung soll nun die Kohle füllen. Frankreich hat noch ein einziges laufendes Kohlekraftwerk in Cordemais im Westen des Landes. Geplant ist, das Kraftwerk spätestens 2026 abzustellen – wenn die europäische Energiekrise es zulässt.
Frankreich setzt stark auf die Atomkraft.
Foto: dpaEin weiteres Kohlekraftwerk will die französische Regierung wieder hochfahren: Das französische Kohlekraftwerk in Saint-Avold in Ostfrankreich war am 31. März 2022 geschlossen worden. Im kommenden Winter soll es wieder laufen, um mehr Energiereserven zu haben, kündigte das Energieministerium Ende Juni an.
Allerdings gibt es Personalengpässe: Zwei Drittel der 87 Angestellten sind schon in Rente oder im Vorruhestand. Diese zurückzuholen gestaltet sich schwierig. Viele der alten Angestellten scheinen keine Lust zu haben, zurückzukehren. Ein großer Teil der Jüngeren hat neue Arbeit in Luxemburg gefunden.
Italien will Laufzeiten von Kohlekraftwerken verlängern
In Italien laufen noch sechs Kohlekraftwerke, aber nicht alle unter voller Auslastung. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine kündigte die italienische Regierung an, die Leistung wieder hochzufahren. Im Juni lieferten die Kraftwerke dem Netzbetreiber Terna zufolge aber gerade mal einen Anteil von 6,8 Prozent der benötigten Energie im Land. Der Prozentsatz liegt damit auf dem gleichen Niveau wie noch vor einem Jahr.
Eigentlich hatte Italien den Kohleausstieg bis spätestens 2025 beschlossen. Nun will die Regierung die Laufzeiten aber um zwölf bis 24 Monate verlängern, wie Roberto Cingolani, Minister für den ökologischen Wandel ankündigte. Damit könnten laut Berechnungen von Experten bis zu fünf Milliarden Kubikmeter russischen Gases pro Jahr eingespart werden.
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Italien bezog zuletzt rund 35 Prozent des benötigten Gases aus Russland. Durch neue Energieabkommen, etwa mit Algerien und Katar, hat sich die Abhängigkeit in den vergangenen Monaten aber verringert. Stillgelegte Kohlekraftwerke will die Regierung wie anfangs überlegt nun nicht mehr reaktivieren.
Spanien: Kohlekraftwerke nicht nötig für ausreichende Energieversorgung
Auch Madrid sorgt sich wegen drohender ausfallender Gaslieferungen aus Russland. Anfang Juli bat die spanische Regierung daher den Stromnetzbetreiber Red Eléctrica zu prüfen, ob es nötig werden könnte, das größte noch aktive Kohlekraftwerk in As Pontes wieder in Betrieb zu nehmen.
Das Ergebnis war: wahrscheinlich nicht notwendig. Spanien brauche das Kraftwerk nicht für seine Energieversorgung, „es sei denn es kommt zu einer Häufung von Katastrophen“, sagte die spanische Ministerin für den ökologischen Wandel Teresa Ribera nach der Überprüfung.
Spanien hat in der Vergangenheit nur zehn Prozent seiner Gasimporte aus Russland bezogen und könnte einen Stopp der russischen Lieferungen vergleichsweise leicht verkraften. Von den ursprünglich 15 Kohlekraftwerken Spaniens sind nur noch vier aktiv, die übrigen sind bereits abgeschaltet. Auch das Werk in As Pontes hatte bereits mit dem Rückbau begonnen, wartete aber noch auf die endgültige Genehmigung der Regierung.