Europawahlen in Frankreich: Raphaël Glucksmann gibt dem Sozialismus neuen Schwung
Paris. Ein Sozialist will ganz Europa aufwecken. „Réveiller l’Europe“, das ist der Wahlspruch des Franzosen Raphaël Glucksmann, der bei den Europawahlen am 9. Juni für die Partei Place Publique antritt. Wenn er den Sitz im Europäischen Parlament bekommt, will er zum Beispiel Reiche stärker besteuern und Europa mit dem Geld grüner und sozialer machen.
Damit trifft Glucksmann einen Nerv in Frankreich. Erst kürzlich trat er in der westfranzösischen Stadt Nantes auf und versammelte dort rund 3000 Personen um sich. Das hat es schon lange nicht mehr bei einer sozialistischen Partei gegeben.
Waren die Sozialisten einst die große französische Volkspartei und stellten die Präsidenten François Mitterrand (1981 bis 1995) und François Hollande (2012 bis 2017), so verloren sie danach immer mehr an Bedeutung. Das zeigte sich zum Beispiel auch bei den Präsidentschaftswahlen 2022, als die sozialistische Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo im ersten Wahlgang nur auf 1,75 Prozent der Stimmen kam.
Rechtsruck von Emmanuel Macron könnte Glucksmann helfen
Doch Raphaël Glucksmann, der „Europa als Kampf meines Lebens“ bezeichnet, kann mit seinen links-grünen Ideen die Menschen in Frankreich offenbar wieder mobilisieren. Aktuellen Umfragen zufolge könnte er zwölf bis 13 Prozent der Stimmen bekommen. Er platziert sich damit hinter Jordan Bardella vom rechtsextremen Rassemblement National (aktuell rund 32 Prozent) und Valérie Hayer von der Partei Renaissance (zwischen 15 und 18 Prozent).
In Frankreich nennt man Glucksmann deswegen schon „den dritten Mann“. Bis zu den Europawahlen sind es noch rund sieben Wochen. Bis dahin könnte er sich laut Frédéric Dabi vom Umfrageinstitut Ifop noch der Renaissance-Liste annähern. Der 44-jährige Politiker will darüber hinaus wirken. Deshalb beobachten viele genau seine Auftritte, auch in den Reihen von Präsident Emmanuel Macron.
Manche sehen Glucksmann gar als Hoffnung für die Präsidentschaftswahlen 2027 und somit als Konkurrenz zu Macrons Partei. Der Präsident selbst kann kein drittes Mal in Folge antreten.
Macron, der 2017 mit sozialliberalen Versprechen die Wahl gewann, verschärfte das Immigrationsgesetz, forderte mehr Ordnung und Autorität. Beispielsweise sollen alle Grundschüler die Nationalhymne auswendig lernen. Mit diesem Rechtsruck hat er den linken Flügel seiner Partei Renaissance verschreckt und insgesamt Raum links der Mitte geschaffen, Raum für Place Publique zum Beispiel.
Diese Lücke kann Glucksmann für sich nutzen. Bei den Europawahlen 2019 hatte er zwar einen Sitz im Europäischen Parlament bekommen, aber seine Liste hatte nur 6,2 Prozent der Stimmen erreicht. „Ich hatte keine Erfahrung“, gibt er selbst zu. Inzwischen hat er die als Abgeordneter aber gesammelt, im Bereich der Kommission der Menschenrechte und in der internationalen Wirtschaft.
Der Journalist und Dokumentarfilmer ist mit der bekannten Fernsehjournalistin Léa Salamé liiert. Nach dem Gymnasium ging er zur Pariser Eliteschule Henri IV. Danach studierte er Literatur und besuchte die renommierte Politik-Eliteuniversität Sciences Po.
Glucksmann wechselte von rechten zu linken Positionen
Er ist der Sohn des 2015 verstorbenen Philosophen André Glucksmann, der ein Anhänger des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy war. Auch Glucksmann junior unterstützte Sarkozy 2007, bezeichnete das rückblickend aber als Fehler. Im Präsidentschaftswahlkampf 2017 sprach er sich für Benoît Hamon aus, den Kandidaten der Sozialisten. Der Umschwung von rechts nach links wird Glucksmann heute noch vorgeworfen.
Mit seiner Partei Place Publique, die er 2018 zusammen mit grünen Politikern und Ökonomen gründete, will er die Linke und Grüne vereinigen. Er hat kein geringeres Ziel als eine „europäische Umweltrevolution“ und spricht sich für den „Green Deal“ der Europäischen Union aus.
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Damit erreicht er sowohl das Milieu der wohlsituierten alternativen Intellektuellen in Frankreich als auch junge Wählerinnen und Wähler. In sozialen Netzwerken gewinnt er immer mehr Anhänger. Die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ bezeichnet ihn deshalb auch als einen „Star der Kommunikation“.
Aber nicht alle kann der Politiker überzeugen. Ségolène Royal, ehemalige sozialistische Umweltministerin in Frankreich, zweifelt an seinem sozialen Engagement und kritisierte im Fernsehsender TV5 Monde: „Den hat man seit fünf Jahren nicht gesehen.“ Im Europaparlament habe er nicht viel getan und bei sozialen Bewegungen sei er auch nicht dabei gewesen, weder bei der Bewegung der Landwirte noch bei der der Rentner.