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GeopolitikWie deutsche Unternehmen mit dem China-Risiko umgehen

China ist für die deutsche Wirtschaft ein wichtiger Markt, zugleich steigen die Risiken im Umgang mit der Volksrepublik. Wie sich die Unternehmen vorbereiten, zeigt eine neue Umfrage.Martin Benninghoff 01.11.2023 - 13:55 Uhr Artikel anhören

Produktion des deutschen Unternehmens EBM-Papst in China.

Foto: via REUTERS

Peking. Projektnamen können trügerisch sein. „Decoupling China“, auf Deutsch China abkoppeln, heißt ein Projekt des schwäbischen Motoren- und Ventilatorenherstellers EBM-Papst. Das Ziel: Der Mittelständler will seine Tochtergesellschaft, die schon seit 27 Jahren in China aktiv ist, befähigen, das Geschäft in der Volksrepublik künftig möglichst allein zu stemmen.

Doch der Begriff „Entkopplung“ weist heute angesichts von Handelskonflikten, Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten sowie chinesischen Drohungen gegen Taiwan längst in eine andere Richtung. Wer heute „Entkopplung“ sagt, meint die Abkehr von China und den Abbruch der Beziehungen in die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Das ist aber nicht im Sinne von Thomas Nürnberger, Chief Sales Officer und China-Chef des größeren Mittelständlers EBM-Papst. „Das Projekt heißt eigentlich Enabling China“, sagt der 55-Jährige, es gehe um das Ermöglichen und Befähigen im Chinageschäft.

So denken viele Unternehmen, die Chancen in China sehen, aber um die Risiken wissen. Das Geschäft mit China ist politisch aufgeladen wie lange nicht. Chinas Null-Covid-Politik während der Pandemie hat gezeigt, dass globale Lieferketten gefährdet sind, wenn China schwächelt oder sich abwendet. Wie aber gehen deutsche Unternehmen mit der gewachsenen Unsicherheit um? Planen sie für den Fall einer Krise ihres China-Geschäfts vor – und, wenn ja, wie?

Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hat bei 180 deutschen Unternehmen aus sechs Branchen nachgefragt. Die Ergebnisse liegen dem Handelsblatt exklusiv vor. Das Fazit: Im Umgang mit China als Wirtschaftspartner wächst das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines Risikomanagements im eigenen Unternehmen.

Die Angst vor einem Krieg Chinas gegen Taiwan, dazu die für den Westen schwer zu akzeptierende Haltung Pekings im Ukrainekrieg und im Nahost-Konflikt nach dem Angriff der Hamas auf Israel: „China hat sich verändert“, heißt es schon in der im Juli vorgestellten China-Strategie der Bundesregierung. Die Volksrepublik sei „Partner, Wettbewerber und Systemrivale“, deshalb müsse sich auch der Umgang mit der Volksrepublik ändern. Ein Dreiklang, der eigentlich eher einen Zielkonflikt beschreibt.

Das Bewusstsein für Risikomanagement wächst

Thomas Heck, China-Experte von PwC, beobachtet die Entwicklung schon lange. „Vorbei ist die Zeit, in der internationale Unternehmen in China schnell Geld verdienten“, sagt er. Die Volksrepublik entwickle sich zu einem „normalen Auslandsmarkt“ – eben mit Chancen und Risiken. Eine Phase der Anpassung habe damit für beide Seiten begonnen.

Die Haltung des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping etwa zum Krieg in der Ukraine stößt im Westen auf Kritik.

Foto: Reuters

Der chinesische Markt hat allerdings eine hohe Relevanz für Deutschland und Europa. Das Volumen des deutschen Außenhandels mit China liegt bei knapp 300 Milliarden Euro. Nie war dazu die Abhängigkeit von China größer. 2022 betrug das deutsche Außenhandelsdefizit mit China rund 84 Milliarden Euro. Nicht nur die Autobauer sind auf China angewiesen, auch rund die Hälfte des weltweiten Marktes für Chemikalien entfällt auf die Volksrepublik.

Deutsche Unternehmen agierten realistisch, pragmatisch und risikobewusst, heißt es in der PwC-Umfrage. 88 Prozent der Befragten sehen China auch in Zukunft als wichtigen Wirtschaftspartner, 53 Prozent gehen von einer steigenden Bedeutung des Landes als Absatzmarkt für ihre Branche in den kommenden drei Jahren aus. Nur eine sehr kleine Minderheit von einem Prozent plant den Rückzug, sechs Prozent einen Teilrückzug der Produktion aus China.

Allerdings halten 77 Prozent andere mögliche Standorte außerhalb Chinas zur Risikovorsorge für unverzichtbar. 37 Prozent der Unternehmen haben nach eigenen Angaben konkrete Ausfallstrategien entwickelt. Die größte Herausforderung sehen 84 Prozent in den unkalkulierbaren geopolitischen Entwicklungen. Die Umfrage wurde vor dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel erstellt, und ihre Ergebnisse spiegeln daher diesen Konflikt noch nicht wider.

„Unsere Umfrage zeigt, dass die Unternehmen bereits ein Derisking betreiben und kurzfristig keine konkrete Abkopplung auf der Agenda steht“, sagt PwC-Experte Heck. Die Präsenz deutscher Unternehmen in China sei schon vor der Pandemie von vielen Herausforderungen geprägt gewesen. „Resilienz ist heute wichtiger denn je“, sagt Heck.

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Das bedeutet für viele Unternehmen auch eine stärkere Lokalisierung. Was in China produziert wird, wird möglichst aus chinesischen Rohstoffen und nach chinesischen Konsumentenwünschen hergestellt – und bleibt im Land. So geht auch der Automobilzulieferer Hella vor. „Wir entwickeln und produzieren zunehmend in den Regionen für die Regionen“, erklärt Sprecher Daniel Morfeld. So sei das Unternehmen auf Marktschwankungen einzelner Regionen „bestmöglich vorbereitet“.

Der Sportartikelhersteller Adidas setzt verstärkt auf speziell für China entwickelte Produkte und chinesische Athleten im Marketing. Bosch entwickelt und produziert ebenfalls vor Ort größtenteils für den chinesischen Markt. „Wir haben wenige Produkte, die wir aus China exportieren und umgekehrt“, sagt Bosch-Sprecherin Irina Ananyeva. Das Unternehmen beschäftigt dort rund 58.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Mittelständler EBM-Papst produziert in Shanghai und Xi’an und beschäftigt vor Ort rund 70 Fachkräfte, die Produkte für den chinesischen Markt entwickeln. Insgesamt arbeiten 1900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Unternehmen in China und erwirtschaften einen Umsatz von 350 Millionen Euro.

Rund 15 Prozent davon stammen aus dem Export, der Anteil soll sinken. Nicht aber die Investitionen: In Xi’an plane das Unternehmen eine Investition in der Größenordnung von 25 Millionen Euro, sagt China-Chef Nürnberger.

Standorte außerhalb Chinas

Um Risiken zu minimieren, setzt das Unternehmen auch auf Standorte außerhalb Chinas: in Singapur und Indien. In Indien betreibt es bisher zwei Werke, ein neues mit rund 500 Mitarbeitern soll entstehen, um Asien außerhalb Chinas zu beliefern. Eine solche Diversifizierung soll auch die Flexibilität im Krisenfall erhöhen, zumal sich große politische Krisen oft schnell entwickeln und dann kaum Zeit bleibt, Strategien anzupassen.

Viele Unternehmen wie auch Bosch produzieren in China kaum für den Export.

Foto: dpa
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Häufig ist zudem lange nicht klar, wie sich China in Konflikten positioniert. Alles denkbar schlechte Voraussetzungen für schriftliche Risikoanalysen und China-Strategien einzelner Unternehmen, die zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung oft schon wieder veraltet sind. Wohl auch deshalb haben laut PwC-Erhebung erst 29 Prozent der Unternehmen eine China-Strategie formuliert, und nur 14 Prozent planen dies.

Viele deutsche Unternehmen seien schon lange in China aktiv und hätten so einen realistischen Blick auf die Gegebenheiten im Land entwickelt, sagt Thomas Heck von PwC. Dennoch bleibt die Frage, ob Unternehmen auch die richtigen geopolitischen Schlüsse ziehen, wenn es drauf ankommt.

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