Interview: Naftogaz-Chef Tschernischow: „Die Ukraine hat genug Gas“
Naftogaz-Chef Oleksi Tschernischow hält die Gasversorgung der Ukraine für gesichert.
Foto: ReutersBerlin. Mit jedem Tag wächst in der Ukraine dieser Tage die Sorge: Noch liegen die Temperaturen an vielen Orten deutlich über zehn Grad, doch sobald der Winter eintritt, rechnet die Regierung mit verstärkten Angriffen des russischen Militärs – vor allem auf die Energieinfrastruktur des Landes. Oleksi Tschernischow, Chef des ukrainischen staatlichen Energiekonzerns Naftogaz, sieht das Land aber gut auf den Winter vorbereitet.
Die „wichtigsten Elemente“ der Gasinfrastruktur schütze die Ukraine mit Flugabwehrsystemen, andere Bereiche würden mit Schutzwällen gesichert, sagt er dem Handelsblatt im Interview. Tschernischow ist trotz des Krieges zuversichtlich, dass die Ukraine den eigenen Bedarf an Erdgas durch die heimische Produktion über den Winter und darüber hinaus abdecken kann.
Langfristig wünscht er sich aber eine stärkere Privatisierung des Marktes in seinem Heimatland. „Sensible Bereiche wie die Untergrundspeicher sollten da aber außen vor bleiben“, sagt er. Diese seien „strategisch zu wichtig“. Außerdem sieht er großes Potenzial im Ausbau erneuerbarer Energien in der Ukraine. „Einige Pläne blockiert der Krieg aber“, merkt er an.
Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Oleksi Tschernischow:
Russland wird in diesem Winter die Energieinfrastruktur wieder attackieren. Wie gut ist Ihr Land auf die bevorstehende Kälteperiode vorbereitet?
Wir haben uns seit dem Ende des vergangenen Winters auf die jetzt anbrechende Zeit vorbereitet. Das wird nicht einfach, aber wir sind auf verschiedene Angriffe vorbereitet. Für die wichtigsten Elemente unserer Infrastruktur nutzen wir dazu Flugabwehrsysteme, ansonsten haben wir die Anlagen mit Schutzwällen geschützt.
Aber hat Russland nicht auch aufgerüstet?
Davon müssen wir ausgehen.
Absehbar ist, dass Russland die Infrastruktur vermehrt mit Drohnen angreifen wird.
Wir erwarten, dass die Angriffe durch Russland noch effektiver werden könnten. Damit werden wir aber umgehen können. Wir halten zum Beispiel Ersatzkomponenten bereit, um die Anlagen bei Schäden direkt reparieren zu können.
Die Ukraine verfügt sowohl über Gasvorkommen als auch über die entsprechenden Speicher. Aber hat das Land ausreichend Gas, um den eigenen Bedarf zu sichern?
Die Ukraine hat genug Gas. In unseren Speichern haben wir 16 Milliarden Kubikmeter eingelagert. Das ist mehr als genug, um in den Winter zu starten. Da wir jeden Tag mehr Gas fördern, werden wir auch für das Gesamtjahr ausreichend versorgt sein.
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Wir hoch wird der Bedarf sein?
Die Schätzungen reichen von 18 bis 19 Milliarden Kubikmeter in diesem Jahr. Ich denke, es wird weniger sein, unter anderem, weil viele Menschen das Land verlassen haben.
Die meisten Fördergebiete liegen im Osten und Süden des Landes, wo der Krieg am stärksten spürbar ist. Ist da nicht ein Einbruch bei der Förderung zu erwarten?
Nein, wir werden in diesem Jahr unsere Produktion von Gas um sieben Prozent erhöht haben, auf dann 19 Milliarden Kubikmeter. Das ist eine außerordentliche Entwicklung, da wir uns doch im Krieg befinden.
Sie können den Bedarf also aus eigenen Quellen decken?
Dazu werden wir in der Lage sein. Der Staat hat den Export von heimischem Gas untersagt, es bleibt also in der Ukraine. Das verschafft uns Raum, uns eigenständig versorgen zu können. Außerdem haben wir die drittgrößten Gasreserven in Europa, nach Norwegen und Großbritannien. Dieses Potenzial werden wir nun heben.
Natürlich werden wir da investieren müssen, was wir auch tun werden. Aber ohne den Krieg, das will ich betonen, wären wir für die europäische Energiebranche höchst interessant. Schon heute sind Händler zurückgekommen und nutzen unsere Gasspeicher für ihre Geschäfte. Das ist ein Erfolg.
Einige Länder in Europa greifen aber lieber weiterhin auf Gasimporte aus Russland zurück.
Wir verstehen, dass einige Ländern darauf angewiesen sind. Es gibt aber Alternativen, an denen wird nach meinem Verständnis auch gearbeitet. Die EU-Kommission hat deutlich gemacht, dass sie die Abhängigkeit der EU von russischen fossilen Brennstoffen bis 2027 beenden will.
Wird denn der Markt für Gas in Europa stabiler – oder müssen sich die Menschen auf größere Preisverwerfungen einstellen, wie im vergangenen Winter?
Ich erwarte, dass die Lage stabiler wird. Das ist gut für Europa. Für uns ist das aber nicht entscheidend, da unser Markt abgeschottet ist. Für uns ist es jetzt an der Zeit, den Energiemarkt zu reformieren. Der ist vom Staat kontrolliert und reguliert, was zulasten der Effizienz geht. Darüber herrscht Einigkeit. Wir gehen daher Reformen an, sobald es möglich ist.
Nach Beginn der russischen Invasion waren die Gaspreise stark gestiegen.
Foto: dpaSollte der Markt Ihrer Meinung nach komplett privatisiert werden?
Ich bin ein Anhänger eines freien Marktes. Das ist der Weg, den freie Demokratien gehen. Daher unterstütze ich die Idee, einige Bereiche zu privatisieren. Sensible Bereiche wie die Untergrundspeicher sollten da aber außen vor bleiben, weil sie strategisch zu wichtig sind. Aber die Produktion und der Vertrieb könnten privat sein.
Wer kommt da als Partner infrage? Im Frühjahr führten Sie Gespräche mit großen US-Ölkonzernen, um die Produktion zu steigern.
Während des Krieges wird das kein Thema sein, das ist uns bewusst. Die Risiken sind möglichen Partnern verständlicherweise zu groß. Aber es wird eine Zeit nach dem Krieg geben, und für die bin ich sehr zuversichtlich. Wer dann bereit ist, sich an der Privatisierung zu beteiligen, werden wir dann sehen müssen. Aber wir sind attraktiv.
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Mit der grassierenden Korruption im Land dürfte es da bei westlichen Firmen Hemmungen geben.
Die Ukraine war nicht das Mekka für Auslandsinvestitionen, gerade wegen der Korruption. Das Thema geht die Ukraine aber mit sehr beherzten Reformen an. Wir räumen mit diesen Missständen auf – schon während des Krieges. Für uns ist das ganz entscheidend, um westliche Hilfe für den Wiederaufbau ins Land zu holen.
Wird es nicht lange Zeit in Anspruch nehmen, um dieses Übel zu beseitigen?
Der Krieg entfaltet eine ungeahnte Wirkung: Die Gesellschaft akzeptiert eine solches Verhalten nicht mehr. Die Ukrainer wollen keine Korruption. Wir bei Naftogaz haben die Mechanismen gegen Korruption mit ausländischer Hilfe bereits erheblich ausgebaut.
Teil Ihrer Vorstellungen einer erneuerten Ukraine ist der Ausbau erneuerbarer Energien. Wie steht es mit der Umsetzung?
Wir sind traditionell ein Produzent von Öl und Gas. Ich habe es mir zum Ziel gemacht, Naftogaz zu einer modernen Energiefirma zu machen. Dazu gehört auch der Bau von Wind- und Solarkraftanlagen. Manche diese Projekte haben wir realisiert, einige Pläne blockiert der Krieg aber.
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In Odessa würden wir gerne einen großen Windpark bauen. Wegen der Nähe zur Front und der damit drohenden Angriffe der Russen müssen wir damit aber warten. Das gilt auch für Solarkraft. Die Sonneneinstrahlung ist im Süden unseres Landes ideal für die Produktion von Solarstrom. Aber auch diese Region ist nah an der Front.
Russland ist nicht nur Kriegsgegner, sondern auch Schuldner. Ihr Unternehmen müsste für beschlagnahmte Assets auf der Krim rund fünf Milliarden Euro erhalten, zumindest klagen Sie auf eine Zahlung in dieser Höhe. Sehen Sie wirklich eine Chance darauf, diese Milliarden zu erhalten?
Wladimir Putin wird zahlen müssen – wenn auch nicht freiwillig. Wenn unsere Ansprüche in letzter Instanz vor Gericht bestätigt sind, dann werden wir versuchen, für diese Schuld beschlagnahmte Vermögen Russlands in Europa in Anspruch nehmen zu können.