Israel: Israel bombardiert nach Hamas-Angriffen Gazastreifen – Netanjahu: „Dieser Krieg wird Zeit brauchen“
Feuer und Rauch steigen nach einem israelischen Luftangriff in Gaza-Stadt auf.
Foto: dpaTel Aviv. Die israelische Luftwaffe hat nach den überraschenden Großangriffen militanter Palästinenser auch in der Nacht zum Sonntag weitere Ziele im Gazastreifen attackiert. Auf beiden Seiten kamen bislang Hunderte von Menschen ums Leben.
Ziel sei es, die militärischen und regierungstechnischen Kapazitäten der islamistischen Hamas und des Islamischen Dschihad so zu zerstören, „dass sie für viele Jahre nicht mehr in der Lage und bereit sind, die Bürger Israels zu bedrohen und anzugreifen“, gab das Büro von Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts am frühen Sonntagmorgen bekannt. Die Einfuhr von Strom, Brennstoff und Waren in den Gazastreifen wurde gestoppt.
„Wir beginnen einen langen und schwierigen Krieg, der uns durch einen mörderischen Angriff der Hamas aufgezwungen wurde“, sagte Netanjahu. „Wir werden alle Orte, an denen die Hamas organisiert ist und sich versteckt, in Trümmerinseln verwandeln“, hatte er zuvor in einer Ansprache gesagt.
Israel werde Rache nehmen, so der israelische Premier. „Dieser Krieg wird Zeit brauchen. Es liegen noch herausfordernde Tage vor uns.“ Die Bewohner des Gazastreifens forderte er auf: „Flieht jetzt von dort, denn wir werden überall und mit all unserer Kraft handeln.“
Die erste Phase ende jetzt mit der „Vernichtung des größten Teils der feindlichen Kräfte, die in unser Gebiet eingedrungen sind“, hieß es nach der Sitzung des israelischen Sicherheitskabinetts. Zugleich habe man eine Offensivphase eingeleitet, die solange fortgesetzt werde, bis die Ziele erreicht seien. „Wir werden die Sicherheit der Bürger Israels wiederherstellen und wir werden siegen“, hieß es.
20 Dörfer und Städte im Süden des Landes erobert
Mit Angriffen aus der Luft und am Boden hatte die Hamas die Verteidigung Israels am Samstagmorgen auf breiter Front überrascht. In den ersten sechs Stunden fielen 3000 Raketen auf Israel, auch auf Tel Aviv und in der Gegend Jerusalems.
Der Sprecher der Hamas, Ghazi Hamad, erklärte unterdessen dem Sender BBC, die Gruppe habe vom Iran direkte Unterstützung für den Angriff erhalten. Der Iran habe sich verpflichtet, „den palästinensischen Kämpfern bis zur Befreiung Palästinas und Jerusalems beizustehen“. Die Hamas wird von der EU, USA und Israel als Terrororganisation eingestuft.
Parallel zum Luftangriff drangen mehrere hundert Elitetruppen der Hamas nach Israel ein und eroberten rund 20 Dörfer und Städte im Süden des Landes. Dabei töteten sie mehrere Menschen und verschleppten eine unbekannte Zahl Soldaten und Zivilisten, darunter laut Medien auch Kinder, in den Gazastreifen.
In zahlreichen Ortschaften kam es zu Straßenkämpfen zwischen der Hamas und Bürgerwehren. Bürgerinnen und Bürger wurden angewiesen, sich in den Häusern zu verschanzen und die Türen zu verschließen. Bislang kamen in Israel nach Medienberichten mindestens 300 Menschen ums Leben. Rund 1590 Menschen seien verletzt. Auf palästinensischer Seite wurden mindestens 313 Menschen getötet und knapp 2000 verletzt, meldete das Gesundheitsministerium im Gazastreifen am Sonntagvormittag.
Raketenangriffe auf Ashkelon in Südisrael.
Foto: ReutersDie Hamas hat sich monatelang auf diesen Tag vorbereitet, ohne dass es die Geheimdienste bemerkt haben. „Wir stehen mit heruntergelassenen Hosen da“, sagt ein hoher Offizier. Es zeigt sich, dass die Regierung und die Armee die Lage völlig falsch eingeschätzt haben.
Es war in den vergangenen Wochen zwar zu gewalttätigen Eskalationen an der Grenze zum Gazastreifen gekommen. Aber hochrangige Sicherheitsbeamte und Politiker gingen bei einer Kabinettssitzung vor einer Woche noch davon aus, dass die Hamas einen ausgewachsenen Krieg mit Israel vermeiden wolle.
Die Hamas griff Israel auch von Land an.
Foto: APDie Regierung argumentierte, die Hamas wolle die bisherigen Errungenschaften, die das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner des Gazastreifens verbessert hätten, nicht gefährden. Ein Kenner der Hamas sagte hingegen, Israels Sicherheitsleute und Politiker hätten nicht ausreichend bedacht, dass die Angreifer einer islamischen Organisation angehörten, für die das Wohl der Bürger keine Priorität habe.
Die Armee überlässt die Zivilisten sich selbst
Nicht nur die Geheimdienste haben laut Beobachtern versagt. Auch die Armee reagierte erst Stunden nach den ersten Angriffen. Familienväter mussten sich den Hamas-Terroristen entgegenstellen, um ihre Familien zu verteidigen.
In den ersten sechs Stunden wurden 3000 Raketen auf Israel abgefeuert.
Foto: IMAGO/ZUMA WireVereinzelt meldeten sich Zivilisten beim Fernsehen und flehten die Armee um Hilfe an. Viele flüsterten, weil die Terroristen bereits in ihre Häuser eingedrungen seien. Aus Schutzräumen in der Nähe der infiltrierten Grenze zum Gazastreifen berichteten Einheimische, dass es in ihren Gemeinden kaum Militärpräsenz gebe. Die Bewaffneten würden ungehindert von Haus zu Haus ziehen, Geiseln nehmen und die Häuser anzünden – und das noch acht Stunden nach Beginn des Angriffs.
Die Bürger seien nicht nur im Süden, sondern im ganzen Land stundenlang sich selbst überlassen worden, so die Kritik. Weder Premier Netanjahu noch Verteidigungsminister Yoav Gallant oder der Generalstabschef meldeten sich während den ersten Stunden zu Wort. Erst am Samstagnachmittag – sechs Stunden nach dem Angriff – wandte sich Netanjahu an die Nation.
Benjamin Netanjahu: „Dieser Krieg wird Zeit brauchen.“
Foto: IMAGO/UPI Photo„Wir sind im Krieg“, sagte er in einer aufgezeichneten Videobotschaft nach dem verheerenden Überraschungsangriff der Hamas. Es gehe als erstes darum, die von der Hamas besetzten Ortschaften zurückzuerobern. Danach werde die Regierung „einen noch nie dagewesenen Preis“ von der Terrorgruppe fordern. Tausende von Reservisten würden mobilisiert.
Die Bürgerinnen und Bürger sind verwirrt und haben viele Fragen. Wie konnten die Hamas-Milizen die Grenze überwinden? Weshalb haben die Geheimdienste nicht frühzeitig gewarnt? Warum hat die Armee so spät reagiert? Diese Fragen werden das Land in den nächsten Wochen weiter beschäftigen.
Die Debatte über die Justizreform der vergangenen Monate, die die Gesellschaft spaltet, dürfte erst einmal in den Hintergrund treten. Aber sie könnte die Hamas zur Annahme verleitet haben, dass die Spaltung der Gesellschaft die Verteidigungsbereitschaft der Armee reduziere.
Deutschland „steht an Israels Seite“
Die Regierungen Deutschlands, Italiens, Spaniens, Frankreichs und Großbritanniens sowie die Europäische Union verurteilten die Angriffe aufs Schärfste. „Gewalt und Raketen gegen Unschuldige müssen sofort aufhören. Israel hat unsere volle Solidarität und das völkerrechtlich verbriefte Recht, sich gegen Terror zu verteidigen“, schrieb Bundesaußenministerin Annalena Baerbock auf der Plattform X (ehemals Twitter).
Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte via X: „Wir stehen an Israels Seite.“ Auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius äußerte sich bestürzt. „Die sinnlose terroristische Gewalt gegen Israel, bei der viele Zivilisten verletzt oder gar getötet werden, schockiert uns zutiefst“, schrieb er auf der Plattform. Es stehe außer Frage: „Israel hat das Recht, sich zu verteidigen. Wir sind solidarisch mit den Menschen in Israel. Die Gewalt muss möglichst schnell ein Ende nehmen.“
Am späten Nachmittag besprachen Netanjahu und US-Präsident Joe Biden die Lage am Telefon. „Ich habe Premierminister Netanjahu deutlich gemacht, dass wir bereit sind, der Regierung und dem Volk Israels alle geeigneten Mittel zur Unterstützung anzubieten“, sagte Biden laut einer Mitteilung. Die Unterstützung sei „felsenfest und unerschütterlich“. Sein Team und er würden die Situation genau beobachten und in engem Kontakt mit Netanjahu bleiben.
Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski betonte nach dem Großangriff ebenfalls das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Terror dürfe keinen Platz in der Welt haben, weil er sich nicht gegen ein bestimmtes Land oder Personen richte, sondern gegen die ganze Menschheit, schrieb Selenski auf Facebook.
Das Außenministerium in Kairo teilte mit, Ägypten bemühe sich intensiv um eine Beruhigung der Lage. In der Vergangenheit hatte Kairo immer wieder zwischen Israel und militanten Palästinenserfraktionen im Gazastreifen vermittelt und dabei auch Waffenruhen erzielt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Die brasilianische Regierung, die derzeit den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat innehat, teilte mit, sie berufe eine Dringlichkeitssitzung ein.
Mit Agenturmaterial