Joe Biden in Großbritannien: Knatsch unter Freunden
Der US-Präsident fehlte bei der Krönung im Mai.
Foto: REUTERSLondon. Dass Joe Biden die „besonderen Beziehungen“ der USA zu Großbritannien gleich zu Anfang seines Kurzbesuchs als „grundsolide“ lobte, war mehr als eine diplomatische Floskel. Der US-Präsident wollte erst gar keine Zweifel an der „special relationship“ zwischen den Ländern aufkommen lassen: „Ich hätte keinen besseren Freund und Verbündeten treffen können“, sagte er.
Das politische London ist hingegen „leicht verschnupft“ über den amerikanischen Präsidenten, wie mit britischem Understatement die angebliche Kühle kommentiert wird, mit der Biden diese besondere Beziehung zwischen den alten Verbündeten pflegt. Der 80-jährige Amerikaner mit irischen Wurzeln wird deswegen von der britischen Presse auch schon mal als „England-Hasser“ gebrandmarkt.
Biden hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den Brexit für einen Fehler hält. Dass der britische Ex-Premier Boris Johnson lange die Nähe zu Donald Trump suchte, dürfte sein Misstrauen gegenüber den britischen Konservativen noch verstärkt haben.
Seit Rishi Sunak im Oktober vergangenen Jahres in 10 Downing Street regiert, nimmt Washington die Briten zumindest wieder ernst. Nach den populistischen Eskapaden Johnsons und dem politischen Chaos seiner Nachfolgerin Liz Truss ist das keine Kleinigkeit. Dass es dem britischen Regierungschef gelungen ist, den Streit mit der EU über Nordirland beizulegen, hat ihm bei Biden den Ruf eines „Machers“ eingebracht.
Lächeln, Schulterklopfen und gemeinsamer Tee im Garten von 10 Downing Street – das waren die Bilder, mit denen Biden und Sunak den Zustand der Beziehungen zwischen beiden Ländern unterstreichen wollten. Doch auch wenn sich die geschichtsträchtige „special relationship“ normalisiert, ist nicht alles, was sich London wünscht, in Washington auch machbar.
Joe Biden und Rishi Sunak bei Ukraine-Politik uneinig
Die Idee eines weitreichenden Freihandelsabkommens mit den USA, das die Briten nach dem EU-Austritt dringend brauchen, hat Biden ebenso weggelächelt wie den Vorschlag Sunaks, den britischen Verteidigungsminister Ben Wallace zum neuen Nato-Generalsekretär zu machen.
Sunaks Erfolg beim Streit mit der EU über Nordirland brachte ihm Respekt beim US-Präsidenten ein.
Foto: Getty ImagesEin Regierungssprecher in London bestritt jedoch, dass die USA und Großbritannien unterschiedlicher Meinung seien, wie die Sicherheit der Ukraine langfristig gewährleistet werden könne. Beim Thema Streumunition habe der Premier jedoch gemäß seinen internationalen Verpflichtungen von deren Einsatz „abgeraten“. Großbritannien hat anders als die USA eine Konvention zum Bann dieser umstrittenen Geschosse unterschrieben.
Zugleich sind beide Seiten pragmatischer geworden. So hat die Regierung in London das von Biden geschnürte milliardenschwere Subventionspaket für eine Reindustrialisierung der USA erst als „protektionistisch“ gebrandmarkt. Als jedoch klar war, dass auch britische Firmen von den Staatshilfen in den USA profitieren, ruderte Sunak zurück.
Ganz ohne Schmeichelei für die Briten geht es jedoch nicht. Dafür ist die britische Geschichte zu groß und die geopolitische Bedeutung der einstigen Weltmacht zu sehr geschrumpft.
US-Außenminister Antony Blinken spricht deshalb mit Blick auf Großbritannien von einem „Partner erster Wahl“. Und so ist es auch kein Zufall, dass Biden zuerst in London Station gemacht hat, bevor er dann am Dienstag und Mittwoch die Regierungschefs der anderen Nato-Partner in der litauischen Hauptstadt Vilnius trifft.
Dass auch die Briten dem US-Präsidenten schmeicheln können, zeigte dann König Charles III., der Biden am Nachmittag im Schloss Windsor mit königlichen Ehren empfing. Offensichtlich nahm es der Monarch dem Präsidenten nicht übel, dass der bei seiner Krönung im Mai gefehlt hatte. Wichtiger war ihm der Klimaschutz, über den beide beim Nachmittagstee berieten.