Konjunktur: Ökonomen sehen für Asiens Schwellenländer Grund zur Sorge
Ein Großteil der Wohnungen in „Forest City“ ist leer. Auf die knapp 30.000 fertiggestellten Apartments kommen weniger als 10.000 Bewohner.
Foto: ReutersBangkok. Die Krise in Chinas Immobiliensektor weckt auch in Malaysia die Sorgen vor einer Geisterstadt in bester Lage. Direkt an der Grenze zum wohlhabenden Stadtstaat Singapur will der in Notlage geratene chinesische Immobilienentwickler Country Garden für 100 Milliarden Dollar ein neues Zuhause für 700.000 Menschen schaffen.
Mehr als zwei Dutzend Wohnhochhäuser, teils über 40 Stockwerke hoch, stehen bereits. Doch ein Großteil der Wohnungen in „Forest City“ ist leer. Auf die knapp 30.000 fertiggestellten Apartments kommen weniger als 10.000 Bewohner.
Analysten fürchten, dass das Bauvorhaben an den hohen Ambitionen scheitert – auch weil Country Garden angesichts seiner Liquiditätsprobleme womöglich nicht über die nötige Finanzkraft verfügt, um aus seiner Retortenstadt doch noch einen attraktiven Wohnort zu machen.
Chinas größter privater Immobilienentwickler kämpft derzeit gegen die Zahlungsunfähigkeit. In Malaysia droht den bisherigen Wohnungskäufern und den lokalen Behörden, die das Projekt in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Country Garden vorangetrieben haben, im schlimmsten Fall ein Milliardengrab.
Malaysia ist nicht das einzige Land in Chinas Nachbarschaft, das die ökonomischen Turbulenzen in der Volksrepublik zu spüren bekommt. „Die Schwäche des chinesischen Immobiliensektors gibt Anlass zur Sorge“, sagte Albert Park, Chefökonom der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), am Mittwoch bei der Vorstellung des halbjährlichen Konjunkturberichtes der Bank. Chinas Immobilienkrise drohe sich zu einer Bremse für die regionalen Wachstumsaussichten zu entwickeln, warnt die ADB darin. Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, würden „Handelspartner, die eng mit China verbunden sind, erheblichem Gegenwind ausgesetzt sein“.
Nicht nur China einer der potenziell größten Verlierer
Mit einem geschätzten Anteil des Immobiliensektors an Chinas Bruttoinlandsprodukt von mehr als 20 Prozent könnte eine weitere Schwächung signifikante Konsequenzen innerhalb und außerhalb der Volksrepublik haben, schreiben die ADB-Ökonomen.
Mehr als zwei Dutzend Wohnhochhäuser, teils über 40 Stockwerke hoch, stehen bereits.
Foto: ReutersSie gehen davon aus, dass die internationalen Rohstofflieferanten für Chinas Baubranche am meisten zu leiden hätten. Ihre Analyse zeigt, dass die Mongolei am stärksten betroffen wäre. Dies liege an den „umfangreichen Exporten von Kohle, Eisenerz und anderen Bergbauprodukten in die Volksrepublik“.
Die ADB-Ökonomen zählen auch Australien aufgrund seiner Rohstoffgeschäfte mit China zu den potenziell größten Verlierern – gemessen an dem Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der bei einer Verschärfung der Probleme wegzufallen droht.
In Südostasien müssen Laos und Malaysia, deren Metallexporte nach China leiden dürften, laut dem Bericht mit den größten Einbußen rechnen, gefolgt von Vietnam und Singapur. Die ADB-Ökonomen gehen bei ihrem Szenario einer Verschlechterung der Lage am Immobilienmarkt von einem weiteren Rückgang der Immobilieninvestitionen um zehn Prozent aus.
Insgesamt sieht die ADB aber gute Chancen, dass sich die Verluste in Grenzen halten können – sollte die Regierung in Peking angemessen auf die Probleme am Immobilienmarkt reagieren. So würde der volkswirtschaftliche Schaden außerhalb Chinas den Berechnungen der Bank zufolge bei „moderaten“ Unterstützungsmaßnahmen – wie etwa einer weiteren Lockerung der Hypothekenvergabe – relativ gering ausfallen.
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Der Investitionsrückgang in dem Sektor ließe sich dadurch auf fünf Prozent begrenzen. Selbst in der Mongolei wäre in diesem Fall lediglich ein BIP-Verlust von 0,35 Prozent zu erwarten. In Ländern wie Malaysia und Australien ginge es um nur einen Zehntelprozentpunkt. Das entspräche zwar Schäden in Milliardenhöhe – gesamtwirtschaftlich wären diese aber verkraftbar.
ADB sieht keinen Grund für Entwarnung
Zu einer ähnlichen Einschätzung kamen Ende August die Volkswirte des Analysehauses Capital Economics. Auch sie sehen primär Gefahren für Schwellenländer, die Rohstoffe nach China exportieren. Das globale Wachstum insgesamt wäre aber wohl nur bei einem drastischen Absturz der chinesischen Wirtschaft betroffen.
Grund für Entwarnung sieht die ADB aber nicht. Sie weist darauf hin, dass ihre Analyse der Handelsströme nur einen Teil der möglichen Ansteckungsgefahren abbildet: „Eine stärkere Verlangsamung des Wachstums in China könnte zu einem Anstieg der weltweiten Risikoaversion führen“, warnt die Bank. Damit verbundene Kapitalabflüsse und Währungsabwertungen könnten das Wachstum von Schwellen- und Entwicklungsländern beeinträchtigen, heißt es in dem Bericht.
Die Warnungen der Bank beziehen sich primär auf 2024 und darauffolgende Jahre. Für das laufende Jahr sehen die ADB-Ökonomen nur eine leichte Abkühlung der chinesischen Konjunktur. Ihre Wachstumsprognose für 2023 kürzten sie auf 4,9 Prozent. Im April waren sie von einem Zuwachs von fünf Prozent ausgegangen.
Das Schwächeln von China als Wachstumsmotor der Region führt in mehreren Ländern der Region, für die die Volksrepublik der wichtigste Handelspartner ist, bereits jetzt zu spürbaren Einbußen.
Für Vietnam erwartet die ADB nun nur noch eine Wachstumsrate von 5,8 Prozent – deutlich weniger als das noch im April prognostizierte Plus von 6,5 Prozent. Als Grund nennen die Ökonomen die schwache Auslandsnachfrage, unter anderem aus China, die seit Jahresbeginn zum Verlust Hunderttausender Jobs geführt habe.
Mehr Staatshilfe notwendig?
Auch in Singapur dürfte das Wachstum in diesem Jahr deutlich schwächer ausfallen als erwartet. Statt der zuvor prognostizieren zwei Prozent geht die ADB angesichts unerwartet schwacher Exporte – China ist Singapurs wichtigster Kunde – von nur noch einem Prozent Wachstum aus.
Das Unternehmen steht im Zentrum der Immobilienkrise in China.
Foto: ReutersInsgesamt korrigiert die Entwicklungsbank ihre Prognose für Asiens Schwellenländer aber nur leicht nach unten – von 4,8 auf 4,7 Prozent. „Die Region wächst weiterhin robust“, sagte Chefvolkswirt Park. Mit Blick auf die Probleme in China fügte er aber hinzu: „Die Regierungen müssen aber angesichts der vielen Risiken vorsichtig bleiben.“
In Malaysia versucht die Regierung, mit neuen Kaufanreizen für Wohnungen in „Forest City“ ein Überschwappen der chinesischen Immobilienkrise ins eigene Land zu verhindern. Premierminister Anwar Ibrahim ließ das Projekt zur „Sonderfinanzzone“ erklären, die Einwohnern Vergünstigungen bei der Einkommensteuer und eine Vorzugsbehandlung bei der Visumsvergabe gewähren soll.
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Der kriselnde Bauherr Country Garden betonte zwar vergangenen Monat, wie geplant weiter an dem Projekt zu arbeiten. Analysten rechnen jedoch damit, dass in Zukunft noch deutlich mehr Staatshilfe aus Malaysia nötig sein wird.