Konjunktur: Spanien ist der Wachstums-Star Europas – das hat fünf Gründe
Madrid. Es sind Werte, von denen die anderen großen Volkswirtschaften in Europa nur träumen können: Spaniens Wirtschaft ist im vergangenen Jahr nach vorläufigen Zahlen um 2,5 Prozent gewachsen und damit vermutlich mehr als alle anderen EU-Länder mit Ausnahme von Malta. Verantwortlich dafür ist ein überraschend gutes viertes Quartal, in dem die Wirtschaft um 0,6 Prozent verglichen mit dem Vorquartal zugelegt hat.
Die Stärke Spaniens hat vor allem fünf Gründe – allerdings sind nicht alle mit Blick auf die Zukunft positiv.
1. Starker inländischer Konsum
Das Wachstum im vierten Quartal war mit 0,5 Prozentpunkten fast ausschließlich von der Inlandsnachfrage getrieben – nur 0,1 Prozentpunkte entfielen auf den Export. Mehr als die Hälfte der spanischen Exporte gehen in die EU, neben Frankreich vor allem nach Deutschland. Und die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise.
Der starke spanische Konsum ist anders als in vergangenen Krisen nicht kreditfinanziert – die Spanier leben also nicht über ihre Verhältnisse. „Die Verschuldungsquote von privaten Haushalten und Unternehmen ist so niedrig wie seit Jahren nicht mehr“, sagt José Bosca, Wirtschaftsprofessor an der Universität Valencia. „Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen für einen exzessiven Konsum“, meint auch Omar Rachedi, Ökonom an der Business School Esade.
2. Geringere Inflation
Den Konsum können sich die Spanier leisten, weil sie einen Teil ihrer Ersparnisse aus der Covid-Zeit nutzen, der Arbeitsmarkt stark und die Inflation vergleichsweise niedrig ist. „Der überraschend starke Arbeitsmarkt und die geringere Inflation haben das verfügbare Einkommen der Spanier im vergangenen Jahr angehoben“, sagt Ángel Talavera, Chef für europäische Wirtschaft bei Oxford Economics.
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Die Inflation ist in Spanien früher gesunken als anderswo, vor allem aufgrund von niedrigeren Energiepreisen: Ein Großteil der Spanier hatte 2023 einen Stromtarif, der sinkende Energiepreise sofort an die Verbraucher weitergibt (ebenso wie er es zuvor bei steigenden Energiepreisen getan hat); Spanien ist kaum von russischen Gaslieferungen abhängig und hat 2022 den iberischer Gaspreisdeckel eingeführt, der eine künstliche Preisgrenze für Gas festlegte, das zur Stromproduktion verwendet wird.
3. Boom des Tourismus
Zudem ist das Gewicht der Industrie an der spanischen Wirtschaftsleistung deutlich geringer als in anderen Ländern. Die wichtigste Branche ist der Tourismus mit einem Anteil von fast 13 Prozent am BIP.
In der Pandemie war diese Struktur ein Fluch, in der Energiekrise ist sie ein Segen. Denn Spanien hat dadurch weniger unter dem Anstieg der Energiepreise gelitten als Länder mit viel energieintensiver Industrie.
Die große Reiselust nach er Pandemie hat Spanien im vergangenen Jahr einen neuen Rekord an Besuchern und an Einnahmen beschert: 84 Millionen Touristen trieben den Umsatz der Branche nach Berechnungen des Ministeriums für Industrie und Tourismus auf 108 Milliarden Euro – 17,4 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019.
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Langfristig sollte sich Spanien nicht zu sehr auf den Tourismus verlassen, sagen Experten. Die Branche hat eine geringe Wertschöpfung und ist auf viel Personal angewiesen, das in der Regel gering qualifiziert und schlecht bezahlt ist. Die Produktivität lässt sich dort kaum steigern – was die Voraussetzung für höhere Löhne wäre. Die in Spanien ohnehin niedrige Produktivität ist im vierten Quartal 2023 gesunken.
4. Starker Arbeitsmarkt
Im vergangenen Jahr jedoch war der Tourismus auch für den Arbeitsmarkt eine große Stütze. Spanien hat zwar immer noch mit 11,8 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in der EU. Dennoch ist dies der niedrigste Stand seit 15 Jahren.
5. Europäischer Wiederaufbaufonds und öffentliche Ausgaben
Ökonom Bosca geht zudem davon aus, dass der europäische Wiederaufbaufonds das Wachstum angeschoben hat. „Die Gelder daraus kommen zwar nur schleppend in der realen Wirtschaft an, aber sie bieten einen gewissen Stimulus, den andere Länder nicht haben“, ist er überzeugt. Spaniens tourismuslastige Wirtschaft ist in der Pandemie um 11,3 Prozent eingebrochen – stärker als alle anderen großen Industrienationen. Das Land hat deshalb nach Italien die meisten Mittel aus dem Wiederaufbaufonds zugesprochen bekommen – gut 160 Milliarden Euro.
Darüber hinaus hat Madrid im vergangenen Jahr – in dem ein neues Parlament gewählt wurde – tief in die Tasche gegriffen, um die Folgen der Inflation abzufedern. Die Regierung senkte unter anderem Steuern auf Energie und Grundnahrungsmittel und bietet den öffentlichen Nahverkehr bis heute gratis an. „Das führt zu einer gedopten Wirtschaft, in der der Staat seine Ausgaben auch bei starkem Wachstum nicht senkt“, kritisiert Ökonon Rachedi. Die Hilfen müssen zudem früher oder später auslaufen – was dann das Wachstum bedroht.
Ausblick auf 2024
Der neue spanische Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo dagegen ist überzeugt, dass Spaniens Wirtschaft im kommenden Jahr um zwei Prozent zulegen wird und erneut „die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Eurozone sein wird“. Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte zwar gerade seine Wachstumsprognose für Spanien. Als Grund nannte Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas das nachlassende Wachstum in Europa sowie die schwachen Investitionen in Spanien. Dennoch liegt die Spanien-Prognose des IWF mit 1,5 Prozent für dieses Jahr deutlich über dem Wachstum von 0,9 Prozent, das der IWF für die Eurozone erwartet.