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ExtremwetterAlarmstufe Rot fürs Klima – Weltklimarat warnt in neuem Bericht vor Kontrollverlust

Das Beratergremium rechnet mit häufigeren Extremwetterereignissen. Klimaschützer und Politiker zeigen sich ebenfalls alarmiert – und appellieren an die deutschen Parteien.Klaus Stratmann 09.08.2021 - 11:12 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Hitzewellen, die früher alle 50 Jahre vorgekommen seien, werde es künftig alle zehn Jahre geben, sagen die Experten voraus.

Foto: dpa

Berlin, Genf. Dass der UN-Weltklimarat (IPCC) keine Entwarnung geben würde, war schon lange vor der Veröffentlichung des jüngsten IPCC-Berichts am Montag klar. Dass die Autoren aber so unmissverständlich aufzeigen würden, welche katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels sich bereits jetzt abzeichnen, überraschte am Ende viele Beobachter.

Denn die Arbeit des IPCC ist ein Politikum ersten Ranges und wird von den knapp 200 IPCC-Mitgliedstaaten eng begleitet. Der Bericht ist also nicht das Produkt einer einzelnen Behörde oder einer wissenschaftlichen Einrichtung mit klarer Agenda.

Gerade weil dem IPCC-Report eine ausgiebige Konsenssuche vorausgegangen ist, klingt das Ergebnis in seiner Eindeutigkeit umso erschreckender: Der IPCC macht deutlich, dass alle Alarmsignale auf „Rot“ stehen.

So ist die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre aktuell höher als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten 800.000 Jahren. Die Oberflächentemperatur hat so schnell zugelegt wie nie zuvor in den vergangenen 2000 Jahren. Zugleich ist der Meeresspiegel dem Bericht zufolge im vergangenen Jahrhundert schneller angestiegen als in den 3000 Jahren zuvor.

Die Chancen, den globalen Temperaturanstieg unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten und möglichst sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen, schwinden dem Bericht zufolge zusehends. Damit steht die Weltgemeinschaft vor dem Scheitern ihrer beim Klimagipfel in Paris 2015 gefassten Beschlüsse. Eine Erwärmung um 1,5 Grad gilt als gerade noch beherrschbar. Mittlerweile sind 1,1 Grad erreicht. 

Das Tief „Bernd“ hat für großes Chaos in Deutschland gesorgt.

Foto: dpa

Der Bericht räumt außerdem mit dem Vorurteil auf, die Europäer seien vom Klimawandel und seinen zum Teil dramatischen Folgen weniger betroffen als andere Weltregionen. Dem Bericht zufolge werden die Temperaturen in Europa sogar stärker steigen als im weltweiten Durchschnitt.

Häufigkeit und Intensität von Hitzeextremen haben demnach schon zugenommen und werden weiter zunehmen. Der Niederschlag wird im Winter in Nordeuropa stärker ausfallen, aber im Sommer in der Mittelmeerregion und nördlich davon abnehmen.

Nach Angaben von Astrid Kiendler-Scharr vom Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich liegt die mittlere Temperatur in Deutschland bereits jetzt bei 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Die Anzahl heißer Tage sei in Deutschland seit 1951 um fast 200 Prozent gestiegen, ebenso die Anzahl der Tage mit Starkregen. „Mit jedem zehntel Grad Erwärmung steigt das Risiko für Extreme, und die Häufigkeit und Intensität der Extreme nimmt zu“, sagte sie.

„Extremniederschläge und dadurch verursachte Überschwemmungen werden nach den Projektionen in allen Regionen außer dem Mittelmeer zunehmen, wenn die Erderwärmung über 1,5 Grad hinausgeht“, heißt es in dem IPCC-Bericht mit Blick auf Europa.

Unabhängig von allen künftigen Klimaschutzmaßnahmen werde der Meeresspiegel an den Küsten Europas mindestens so schnell ansteigen wie im globalen Mittel – auch über das Jahr 2100 hinaus. Eine Ausnahme gibt es lediglich für die Ostsee. Flutereignisse an den Küsten werden zunehmen, Sandstrände im 21. Jahrhundert zunehmend schwinden. Gletscher werden sich deutlich zurückziehen, bislang ganzjährig gefrorener Boden wird auftauen, die Ausdehnung der Schneedecke sinken. Die Schneefallsaison in höheren Lagen wird kürzer ausfallen.

Klimaschutzorganisationen in Deutschland werteten den Bericht als Weckruf für die Politik und forderten von den Parteien, sich im Bundestagswahlkampf klarer zu einem ambitionierten Klimaschutz zu bekennen.

„Lauter als im neuen Bericht des Weltklimarats kann die Wissenschaft nicht mehr warnen. Wir müssen dringend handeln, ein weiteres Zögern werden wir uns selbst nicht mehr verzeihen können, ganz zu schweigen von unseren Kindern“, sagte Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim Umweltverband WWF Deutschland. Die Bundestagswahl im September müsse „eine Wahl für den Schutz unseres Klimas, der Biodiversität und somit letztlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen sein“, sagte Heinrich.

„Der Bericht zeigt so umfassend und klar wie nie zuvor, dass sich das Fenster zum Einhalten des 1,5-Grad-Limits schnell schließt“, sagte Rixa Schwarz, Leiterin des Teams Internationale Klimapolitik bei der Umweltorganisation Germanwatch.

„Die Instrumente, um das 1,5-Grad-Limit noch einzuhalten, sind verfügbar. Wenn jedoch die globalen Emissionen nicht in den nächsten Jahren zügig und nachhaltig sinken, werden wir das Limit reißen. Es muss gelingen, die globalen Emissionen in den kommenden zehn Jahren nahezu um die Hälfte zu reduzieren“, sagte Schwarz.

Dies sei – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Flutkatastrophen in Teilen Deutschlands und der verheerenden Waldbrände in großen Teilen der Mittelmeerregion – auch ein dringender Appell an die Parteien im laufenden Wahlkampf.

Die Experten haben den Zusammenhang zwischen Klimawandel und einzelnen Extrem-Wetterereignissen genauer beleuchtet. Die Sachstandsberichte des IPCC gelten als wegweisend für die globale Klimapolitik.
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Nicht nur Ökoverbände, auch Wirtschaftslobbyisten mahnen zum Handeln. „Die dramatischen Ergebnisse des IPCC-Weltklimaberichts machen noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, bis spätestens 2050 weltweit Klimaneutralität zu erreichen“, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Hierfür brauchen wir in der Klimapolitik dringend mehr Tempo.“

Vor allen Dingen, so Andreae, müssten nun die Fesseln beim Ausbau der erneuerbaren Energien gelöst werden: „Ohne grüne Energie gibt es keine Klimaneutralität.“ Wichtig sei daher, dass die neue Bundesregierung zentrale Klimaentscheidungen bereits im ersten halben Jahr nach Amtsantritt umsetze, um die notwendige Dynamik auszulösen. Hierzu gehöre, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, Flächen bereitzustellen und den Artenschutz neu zu organisieren.

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