Duale Ausbildung: BMW und Daimler exportieren das deutsche Ausbildungssystem nach Asien
Tokio, Shanghai. Im Kampf um Fachkräfte setzen deutsche Unternehmen in Japan auf ein Traditionsmodell aus der Heimat: Die Auslandshandelskammer (AHK) hat gemeinsam mit BMW und der asiatischen Daimler-Truck-Tochter Mitsubishi Fuso die erste duale Berufsausbildung in Japan auf den Weg gebracht.
21 Lehrlinge werden wie in Deutschland drei Jahre lang zu Kfz-Mechatronikern ausgebildet – durch bezahlte Arbeit in den Betrieben, die ergänzt wird durch Unterricht in der Berufsschule. Die Firmen erhoffen sich so angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels bessere Chancen im Ringen um Fachkräfte. „Die Unternehmen wollen damit ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen“, sagt Kammerhauptgeschäftsführer Marcus Schürmann.
Obwohl Deutschland ebenfalls unter Fachkräftemangel leidet, gilt das deutsche Modell in Asien vielfach als Vorbild. China erprobt seine Einführung, und auch in Japan gerät das „Meister-System“ mehr und mehr in den Fokus.
In Japan steht vor dem Start ins Arbeitsleben bisher die Berufsschule, die wenig attraktiv ist, weil die jungen Frauen und Männer dort kein Gehalt bekommen. Im Gegenteil: Oft müssen sie Schulgeld zahlen, denn anders als in Deutschland unterstützt der japanische Staat die Berufsschulen nicht finanziell. Finden die Auszubildenden dann nach dem Abschluss einen Job, müssen sie weiterhin firmeninterne Fortbildungen absolvieren, um sich auf den Betriebsalltag vorzubereiten.
Im Gegensatz dazu erhalten die Azubis im dualen System eine umfangreiche Ausbildung und ein Einstiegsgehalt, auch die Ausbildungsgebühren werden von den Unternehmen übernommen.
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Dass die Firmen diese Extrakosten übernehmen, zeigt die Bedeutung des Projekts. Vor allem für die deutsche Automobilindustrie ist Japan ein wichtiger Markt. VW, Mercedes und BMW sind die größten Importeure, Mitsubishi Fuso ist Marktführer bei Nutzfahrzeugen. Doch ihre Produkte, ob Pkw oder Lkw, wollen nicht nur verkauft, sondern auch gewartet werden. Nur wird es immer schwieriger, Fachkräfte im Allgemeinen und Mechaniker im Besonderen zu finden.
Die jüngste Geschäftsklimaumfrage der AHK spiegelt hier ein massives Problem wider, das deutsche Unternehmen auch in anderen asiatischen Ländern plagt. Mit 82 Prozent der Nennungen steht die schwierige Personalrekrutierung ganz oben auf der Sorgenliste deutscher Firmen.
Selbst für deutsche Weltkonzerne ist es schwierig, Arbeiter für Fabriken und Werkstätten zu finden. Denn in der Arbeitgeberhierarchie stehen sie unter den japanischen Unternehmen. Dem Handelsblatt berichtet der Japanchef des deutschen Chemiekonzerns Evonik, Goro Naito, dass er für Stellen in der Zentrale zwar genügend Bewerbungen erhalte. „Aber es ist schwieriger, neue Leute für Positionen in den Werken zu finden.“
Ein Grund dafür sei, dass in Japan, in Südkorea und China immer weniger junge Leute in Fabriken arbeiten wollten, vor allem, wenn Schichtarbeit anstehe. „Außerdem arbeiten Japaner oft lieber für große Unternehmen, die sie kennen.“ Dort sei die gefühlte Sicherheit des Arbeitsplatzes größer und der soziale Status höher.
Evonik pflegt enge Kontakte zu Berufsschulen
Insbesondere für deutsche Autohersteller ist es schwierig, Auszubildende zu gewinnen. Immer weniger Japaner wollen Kfz-Mechaniker werden, weil der Beruf als schmutzig gilt, erklärt Lucas Witoslawski, Chief Operating Officer der AHK.
Aber auch andere Branchen leiden. Der Spezialchemiekonzern Evonik greift deshalb schon lange zur Selbsthilfe. Das Unternehmen pflegt enge Kontakte zu Berufsschulen am großen japanischen Standort Yokkaichi, wo sich das japanische Werk befindet.
Kammerchef Schürmann hofft, dass das Beispiel Schule macht, sich mehr Unternehmen anschließen und die AHK letztlich die Zahl der teilnehmenden Branchen ausweiten kann. Er denkt dabei an deutsche Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Logistik und der Chemie- und Pharmaindustrie. „So können wir den Unternehmen ein wenig unter die Arme greifen“, sagt Schürmann. Die Wachstumschancen stehen gut, wie ein Blick nach Südkorea zeigt.
Dort hat die AHK bereits vor acht Jahren das duale System eingeführt. Aus ähnlich kleinen Anfängen sei die Zahl der Ausbildungsanfänger auf mehr als 100 gewachsen, sagte Kammerchef Martin Henkelmann dem Handelsblatt. Die Zahl der Betriebe ist von anfangs drei Autoherstellern und Händlernetzen auf sieben gestiegen: BMW, Mercedes-Benz, der Volkswagen-Konzern mit VW, Audi und Porsche sowie die Nutzfahrzeughersteller MAN und Daimler Truck.
Der größte Erfolg für Henkelmann ist, dass auch viele koreanische Händler deutscher Autohersteller mitmachen. „Die deutschen Manager sind eindeutig für das System, aber die koreanischen Händler wollen einen klaren Mehrwert sehen“, sagt er. Eine Hürde sei die dreijährige Ausbildung. „In Korea herrscht eine Kultur der Geschwindigkeit, des Balli-Balli, des Schnell-Schnell“, erklärt Henkelmann. Alles muss schnell gehen, auch das Lernen.
Koreanische Unternehmen rekrutieren ihre Nachwuchskräfte frisch von der Oberschule oder dem College und arbeiten sie schnell ein. Gleichzeitig sind Arbeiterberufe aber auch in Korea nicht hoch angesehen. In Südkorea streben 70 Prozent der Schulabgänger auf eine Universität, daran haben auch Initiativen der südkoreanischen Regierung zur Stärkung der beruflichen Bildung nichts geändert. Zu stark ist der akademische Bildungsdrang in Ostasien. Selbst im dirigistischen China ist es der Regierung bisher nicht gelungen, diesen Trend zu brechen.
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Chinesische Variante des deutschen Systems
Seit 2013 versucht die Zentralregierung in Peking, eine chinesische Variante des dualen Systems einzuführen. Wang Jiping vom Sino-German Institute of Vocational Education an der Tongji-Universität in Shanghai erklärt: „Die duale Berufsausbildung ist in China immer stark gewollt.“ Die Pilotprojekte seien inzwischen evaluiert und würden von der Regierung weiter finanziell gefördert.
Der Druck ist groß, denn der akademische Bildungswunsch der Bevölkerung und die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts klaffen auseinander: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist mit über 15 Prozent enorm, während den Unternehmern die Fachkräfte fehlen. Um dem entgegenzuwirken, hatte die Regierung bis 2018 landesweit 558 Pilotprojekte für mehr als 1000 Studiengänge im dualen System eingerichtet.
Doch inzwischen hat sich Ernüchterung breitgemacht. So heißt es in einem Bericht der China Europe International Business School aus dem Jahr 2023, dass Deutschland und China gerade im Bereich der Ausbildung nicht vergleichbar seien: In Deutschland gebe es nicht im gleichen Maße das Credo „Alles ist minderwertig, außer der Hochschulbildung“. Außerdem spielten in Deutschland die Unternehmen eine entscheidende Rolle, die die Anforderungen des Arbeitsmarkts kennen würden.
Berufsausbildung soll attraktiver werden
Um dem System zum Durchbruch zu verhelfen, hat der Nationale Volkskongress Chinas 2022 das Berufsbildungsgesetz reformiert. Das revidierte Gesetz stellt nun klar, dass die berufliche Bildung den gleichen Stellenwert wie die Hochschulbildung hat. Anreize und Steuererleichterungen sollen den Unternehmen die Teilnahme schmackhaft machen.
In Südkorea wird ein anderes Rezept erprobt. Das duale System werde als „Platin-Ausbildung“ am Markt positioniert, erklärt Henkelmann. Die Absolventen werden wie Hochschulabsolventen zu einer großen Feier in einem teuren Hotel eingeladen, Urkunden und Erinnerungsfotos inklusive.
Ähnlich soll es in Japan laufen. Die Auftaktveranstaltung fand in der deutschen Botschaft unter Kirschblüten statt, mit einem hochrangigen Vertreter des Wirtschaftsministeriums als Ehrengast. Auch die Abschlussfeier soll wie in Korea aufwendig gestaltet werden, verrät AHK-COO Witoslawski: „Die Erfahrungen der AHK Korea sind für uns ein Vorbild.“
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