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  4. Boomstadt und Militärlager: Der Ukraine-Krieg schafft ein neues Rzeszow

ReportageWie der Krieg die ostpolnischen Stadt Rzeszow verändert

Mit Putins Invasion kamen Zehntausende ukrainische Flüchtlinge und Tausende amerikanische Soldaten in die Provinzstadt. Trotz Spannungen überwiegt die Aufbruchstimmung.Ivo Mijnssen 08.10.2023 - 15:00 Uhr Artikel anhören

Die US-Armee hat mehrere Tausend Soldaten in der ostpolnischen Stadt stationiert.

Foto: Getty Images

Rzeszow. Am 24. Februar 2022 sah Rzeszow an der polnischen Ostgrenze noch aus wir eine normale Kleinstadt in Polens Provinz. Plattenbauten umgeben das hübsche historische Zentrum, die von der EU finanzierte Autobahn ist ebenso neu wie leer.

Eineinhalb Jahre später kann man froh sein, wenn man dem Verkehrschaos zwischen Flughafen und Ukraine in weniger als einer Stunde entkommt. Der Krieg hat das Kaff zur Boomstadt gemacht, zum wichtigen Versorgungspunkt des Nachbarlandes in seinem existenziellen Kampf gegen Russland.

„Wir haben eine Revolution erlebt“, sagt Konrad Fijolek. Der Bürgermeister von Rzeszow blickt von seinem Büro direkt auf den verkehrsfreien Marktplatz, der sich in den frühen Abendstunden vor dem Wochenende rasch zu füllen beginnt. Die polnischen, italienischen, mexikanischen und thailändischen Restaurants haben Stühle und Tische aufgestellt, vor dem Pub „Lord Jack“ spielt eine Band Rock-Klassiker. Die Leute schlendern und trinken, unterhalten sich in fast allen slawischen Sprachen, auf Englisch, Französisch und Spanisch.

„Rzeszow war Peripherie. Nun ist es zur Brücke in den Osten geworden“, meint Fijolek. Die Gänge des Rathauses und sein Büro quellen fast über vor Auszeichnungen und Plaketten von Partnerstädten aus aller Welt.

Stolz ist der 47-Jährige besonders auf die Urkunde, die er von Präsident Selenski persönlich erhielt: Der Ukrainer verlieh Rzeszow den Ehrentitel einer „Retterstadt“. Das passt gut zu den Veränderungen, die sich kaum begreifen lassen.

Unter dem Schutz der Amerikaner

Die Zahlen lassen deren Ausmaß immerhin erahnen: 200.000 Menschen leben in der Stadt, 30.000 von ihnen sind ukrainische Flüchtlinge. Auf dem Höhepunkt der Krise 2022 waren es dreimal so viele. Zu den neuen Bewohnern der Region gehörten auch 5000 bis 10.000 amerikanische Soldaten, so der Sozialdemokrat Fijolek. Natürlich hätte er es lieber, sie würden nicht gebraucht. „Aber wir sind lieber militärisch von der Nato geschützt als dem russischen Nachbarn ausgeliefert.“

So sehen das die meisten hier, auch an Orten, die das nicht vermuten lassen. Am Rand der Innenstadt versteckt sich der „Aktivitäts-Workshop“ in einem Hinterhof. Betreiber ist ein anarchistisches Kollektiv, das den Versammlungs- und Ausstellungsraum auch den Aktivistinnen des Frauenstreiks, den Organisatoren des Gay-Pride-Marschs und Tierschützern zur Verfügung stellt. Mit der rechten Regierungspartei PiS haben sie ebenso wenig am Hut wie mit dem Bürgermeister.

Mixer, der seinen bürgerlichen Namen nicht nennen will, glaubt an Punk und Anarchie. „Ich bin Pazifist“, betont der 56-Jährige und nimmt eine Prise Schnupftabak. „Aber wenn jemand dein Land überfällt, musst du dich verteidigen.“ Die Großmächte hätten die Polen immer schon zermalmen wollen. „Wir wissen aus leidvoller Erfahrung, was Überlebenskampf heißt.“

So berichtet das Handelsblatt über den Ukraine-Krieg:

Der freundliche Mann setzt zu einer Tirade gegen seine Gesinnungsgenossen in Westeuropa an, die ihn für solche Meinungen als Nationalisten betitelten: „Das sind verdammte Heuchler“, echauffiert er sich. Sie sähen das Kapital und das amerikanische Imperium als das Böse schlechthin, kritisierten Chinesen und Russen aber kaum. „Geht mal in die Ukraine, das ist imperiale Dominanz!“, empfiehlt er den Besserwissern. Auch wenn Mixer wenig begeistert ist darüber, dass sich seine Heimatstadt teilweise in ein Armeelager verwandelt hat, sieht er dies als kleineres Übel gegenüber der Bedrohung aus dem Osten.

Der Flughafen als Lebensader der Ukraine

Offensichtlich wird die neue militärische Rolle am Flughafen Rzeszow-Jasionka. 80 Prozent der westlichen Unterstützung für die Ukraine laufen über Polen und ein Großteil davon durch Rzeszow. Täglich landen hier Transportflugzeuge der Nato-Staaten, geschützt von amerikanischen Patriot-Luftverteidigungssystemen. Unterstützt werden die militärischen Kräfte durch ein Netz von Zulieferern für die Luftfahrt und zivile Transportfirmen.

Der kleine Flughafen der Stadt hat sich zu einem logistischen Drehkreuz entwickelt.

Foto: IMAGO/newspix

In einer Lagerhalle treffen wir Lukasz Lasek, den Leiter der Niederlassung von Polens führendem Logistikunternehmen Röhlig Suus Logistics. Sein Büro gleicht einem Frachtcontainer, Wände und Schreibtisch sind blitzblank und neu. Für die Firma begann der Ukrainekrieg in einem leeren Hangar. „Auf einen Schlag war der plötzlich voll mit militärischen und humanitären Gütern.“ Seither transportiere Röhlig Suus alles, was die Ukraine brauche, sagt der 43-Jährige.

Von den Ostseehäfen kommen Züge mit Treibstoff, per Flugzeug Hilfsgüter und Kriegsgerät. Hier werden sie umgeladen, auf die Bahn und oft auf Fahrzeuge, die weniger auffallen. Ab der Grenze übernehmen die Ukrainer. „Je weiter es ins Land hinein geht, desto kleiner wird das Transportmittel“, weiß Lasek.

Er erzählt, wie seine Firma Konvois von mit Munition beladenen Lastwagen durch Polen lotste, unterstützt von mitfahrenden Soldaten. Einmal hätten sie 150 Krankenwagen für die Ukraine angeliefert bekommen, die auf dem Firmenareal gar keinen Platz gehabt hätten. „Also organisierten wir 150 Fahrer und gaben jedem einzelnen einen Schlüssel in die Hand.“ Dann seien sie in einer langen Kolonne ins Nachbarland gefahren.

In Rzeszow entsteht ein „kleines Ramstein“

Röhlig Suus Logistics erledigt zwar gewisse Dienstleistungen für die Ukrainer pro bono, sonst aber rechnet die Firma genau. Von Getreidetransporten lässt sie etwa die Finger. „Wirtschaftlich zu riskant“, kommentiert Lasek. Die Wagen steckten oft lange an den innereuropäischen Grenzen fest, bezahlt werde aber erst nach Ablieferung am Hafen. Umgerechnet 340 Millionen Euro setzte die Firma letztes Jahr um, dieses Jahr dürfte es mehr als eine halbe Milliarde werden.

Die Amerikaner sind gute Kunden, nicht nur als Lieferanten für die Ukraine, sondern auch in Rzeszow selbst. Die hier stationierten Soldaten leben vorwiegend in Containersiedlungen, die laufend ausgebaut werden. Aus den rudimentären Basen soll bald ein „kleines Ramstein“ werden mit genug Infrastruktur auch für Familien, heißt es. Unsere Interviewanfragen lehnt die US Army ab. Man setzt auf Diskretion, Sicherheit geht vor.

Gleich neben der mit Stacheldraht verstärkten Betonwand steht ein kleines Café, das einfaches Essen und kühle Getränke serviert. Die jungen Soldaten auf der Terrasse schauen kritisch, widmen sich dann aber wieder ihren Bieren. Einer prahlt, zu Hause habe er immer Straßenschilder gestohlen, „am liebsten auf der Route 69“. Alle lachen über den schlüpfrigen Witz. „Aber in Polen mache ich das nicht, sonst kriege ich eine Strafe.“

Auch sonst wirken die jungen Armeeangehörigen eher wie nette Collegestudenten. In den Hinterräumen des Lokals gibt es ein Zimmer mit großen Waschmaschinen zur Selbstbedienung. Im Aufenthaltsraum essen Soldatinnen und Soldaten Hamburger und Pizza. Auf dem großen Bildschirm schauen sie Chris Hemsworth zu, wie er im Film „Extraction“ Kinder rettet und Bösewichte abknallt. Darunter liegt eine Playstation mit dem Fußball-Videospiel Fifa 23.

Scharfe Pizza für Joe Biden

Die Infrastruktur rund um den Flughafen ist funktional, das Essen auf Fast Food konzentriert. Flexible Unternehmer wie Damian Drubka, der Mitbesitzer der Pizzeria Gusto, verdienen sich damit eine goldene Nase. Seit 2009 beliefert er vor allem Kantinen, zunächst mit täglich 1500 Portionen. Nun baut er eine Großküche mit dreifacher Kapazität.

Die US-Präsenz in Rzeszow beschert Unternehmen gute Geschäfte.

Foto: Getty Images

Drubka weiß, dass sein Verkaufsboom die Folge eines Glücksfalls ist. Am 25. März 2022 erhielt sein Mitarbeiter nämlich einen mysteriösen Anruf von einem Amerikaner. „Sie wollten wissen, wie viele Pizzen wir für 700 Dollar backen können.“ Rasch lieferten sie 88 Stück.

Wie Drubka erst am Abend vor dem Fernseher feststellte, waren sie für einen spontan anberaumten Besuch des amerikanischen Präsidenten bei den US-Soldaten in Rzeszow. Joe Biden wollte seinen polnischen Amtskollegen treffen, doch dessen Maschine hatte einen Defekt, erzählt man sich. Biden lieferte seinen Truppen eine medienwirksame Stippvisite ab.

Ein seither millionenfach angeklicktes Video zeigt, wie der Präsident in ein Stück Pizza beißt und kurze Zeit später den Soldaten neben ihm um Wasser bittet. „That's some spicy pizza“, sagt Biden, als seine Augen zu tränen beginnen, er wiederholt es auch in der folgenden Pressekonferenz mit Präsident Andrzej Duda. Danach lässt Drubka die Pizza Nummer 22 in einem Facebook-Wettbewerb in „Spicy Joe“ umbenennen. Die Gratiswerbung ist unbezahlbar.

Russische Spione und ukrainische Flüchtlinge

Während Drubka versichert, er bewundere den 80-jährigen Präsidenten für seinen Mut, nach Rzeszow und sogar Kiew zu reisen, ätzten Kommentatoren auf Fox News, Biden sei „von einem Stück Jalapeño-Pizza besiegt“ worden. Putin und Xi Jinping hätten dieses Zeichen der Schwäche sicher genau vermerkt.

US-Präsident Joe Biden besuchte seinen polnischen Amtskollegen Andrzej Duda und reiste im Anschluss weiter nach Kiew.

Foto: AP

Auch dies gehört zur exponierten geopolitischen Lage von Rzeszow: Alles, was in der Stadt passiert, wird genau beobachtet. Im Frühling deckten die polnischen Nachrichtendienste einen mutmaßlichen russischen Spionagering in der Region auf. Die Agenten hätten Kameras entlang der Transportrouten zur Grenze angebracht und Sabotageakte vorbereitet. Unter den Verhafteten war auch ein Ukrainer.

Solche Nachrichten setzen die Flüchtlinge zwar keinem Generalverdacht aus, wecken aber den Argwohn eines Teils der Bevölkerung. Zwar hat Polen 2022 eineinhalb Millionen Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen, und die Unterstützung bleibt groß. Doch die hohen Kosten, der Streit mit Kiew um Getreide und das Gefühl mangelnder Dankbarkeit sorgen für Spannungen, die der derzeit herrschende Wahlkampf noch erhöht.

Für Rzeszow sind die Neuzuzügler dabei Fluch und Segen. Die Wirtschaft sucht händeringend nach Arbeitskräften und findet sie unter den Ukrainern. Gleichzeitig sind die Mietpreise stark angestiegen, und manche schimpfen auch hier über die teuren Autos der Flüchtlinge, die das Ihre zu den Verkehrsproblemen beitragen. Zudem verschwimmen oft die Unterschiede zwischen jenen, die vor dem Krieg oder der schlechten Wirtschaftslage fliehen.

Ukrainische Handarbeit in Polen

Lesja Luhowa stammt aus Iwano-Frankiwsk im Westen der Ukraine und kam Anfang des Jahres nach Rzeszow. „Klar ist die Lage bei uns im Vergleich zur Ostukraine relativ normal“, sagt die 31-Jährige. „Aber geschäftlich ist es sehr schwierig.“ Mit einer Partnerin hat sie das Lokal „Smaczki Babci“ gegründet, übersetzt „Großmutters Leckereien“. An einem großen Holztisch kneten zwei Mitarbeiterinnen täglich 100 Kilo Pelmeni und Wareniki – mit Fleisch, Kartoffeln oder Früchten gefüllte ukrainische Teigtaschen.

Das Produkt richtet sich eher an eine zahlungskräftige Kundschaft. „Unsere Teigtaschen sind doppelt so teuer wie im Supermarkt. Aber sie sind handgemacht statt aus der Fabrik. Und deshalb einzigartig.“ Den Polen sind sie vertraut, da die hiesigen Piroggen praktisch identisch sind. Die Mehrheit der Kunden besteht aus Einheimischen, an die sich Luhowa auch aktiv richtet, etwa mit Werbung im Radio. Einzig die beliebtesten Teigtaschen mit Kartoffelkäsefüllung hätten sie in „ukrainische“ statt „russische“ umbenannt.

Es ist ein Spagat zwischen Bewahrung der eigenen Kultur und Anpassung ans Gastland, den Luhowa wie viele Ukrainerinnen bewältigen muss. Oft genug bedeutet dies, zwischen zwei Welten hin- und hergerissen zu sein. Luhowas Kinder sind bei ihr in Rzeszow, das ältere besucht die lokale Schule. „Aber ich will nicht, dass sie ihre Sprache verlieren.“ Dennoch wachse die Zahl jener, die nicht zurückgehen wollten, beobachtet sie. „Natürlich glaube ich noch an den Sieg“, sagt Luhowa fast pflichtbewusst. „Aber das dauert.“

Kein Weg zurück für Rzeszow

Die Verstetigung der ukrainischen und amerikanischen Präsenz bedeutet für Rzeszow, dass es nach den revolutionären Veränderungen des letzten Jahres kein Zurück zur früheren Gemütlichkeit gibt. Die Rolle als Drehkreuz wird der Stadt erhalten bleiben, selbst wenn der Krieg wider Erwarten rasch endet.

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Wirtschaftlich wird der Wiederaufbau zur nächsten großen Chance für Ostpolen – inklusive Nebeneffekten wie Teuerung und Dichtestress. Bürgermeister Fijolek sieht auch die Internationalität als Gewinn – gerade in einem Land, dessen Politiker äußere Einflüsse oft als Bedrohung sehen.

Wirklich großstädtisch fühlt sich das Zentrum aber trotz allem Wachstum nicht an. Zwar flanieren Familien und Gruppen von Soldaten durch die abendlichen Straßen, einige sprechen nach einem Besuch im Pub auch etwas lauter. Die Stimmung bleibt aber friedlich, und um halb neun verschwinden die Amerikaner plötzlich wie von Zauberhand alle. Auf der Basis herrscht offenkundig früh Sperrstunde.

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