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SyrienKurden verlieren Ölfelder und Schlüsselregionen

Nach schweren Gefechten in Nordostsyrien einigen sich die Kurden und Damaskus auf einen Waffenstillstand. Interimspräsident Shaara sagt angesichts weiterer Kämpfe seine Reise nach Berlin ab.Inga Rogg 19.01.2026 - 15:36 Uhr Artikel anhören
Araber in Rakka feiern den Sieg über die von Kurden angeführte SDF: Kontrolle über Rakka und weitere Gebiete in Nordostsyrien hat die SDF verloren. Foto: REUTERS

Istanbul. Der syrische Interimspräsident Ahmed al-Scharaa hat aufgrund der angespannten Lage in Syrien eine für Dienstag geplante Reise nach Berlin abgesagt. Im Osten und Nordosten des Landes ist es in den vergangenen Tagen zu schweren Gefechten mit den von Kurden angeführten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) gekommen. Trotz eines am Wochenende vereinbarten Waffenstillstands kam es am Montag weiterhin zu sporadischen Kämpfen.

In den bewaffneten Auseinandersetzungen mit Einheiten aus Damaskus und arabischen Stämmen haben die Kurden die Kontrolle über die größten Erdölfelder des Landes verloren und damit ihre wichtigste Einnahmequelle. Vor Beginn des Bürgerkriegs 2011 förderte Syrien etwa 385.000 Barrel pro Tag. Um das Niveau wieder zu erreichen, sind allerdings große Investitionen nötig.

Im Rahmen der am Wochenende vereinbarten Waffenruhe, vermittelt von den USA, übergeben die SDF Schlüsselregionen. Gemäß der 14 Punkte umfassenden Vereinbarung fällt die Kontrolle über die Grenzübergänge, die Erdöl- und Erdgasfelder sowie Provinzen wie Rakka und Deir ez-Zor an die Zentralregierung in Damaskus.

Unterstützt von den USA und anderen Ländern hatten die Kurden 2015 die führende Rolle im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) übernommen. Der IS hatte damals ein Drittel des Iraks und Syriens beherrscht.

Nach dem Sieg über den IS 2019 regierten die SDF die Provinzen Deir ez-Zor, Rakka und Hassake sowie Gebiete um die Stadt Kobane und zwei Stadtviertel in Aleppo. Doch Deir ez-Zor und Rakka sind mehrheitlich arabisch. Hatten die Araber die Vertreibung des IS noch begrüßt, wuchs in den vergangenen Jahren der Unmut gegen die Kurden.

Der Widerstand der Araber nahm nach dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad durch von Scharaa angeführte islamistische Rebellen im Dezember 2024 weiter zu. Die Araber forderten, der Interimsregierung in Damaskus unterstellt zu werden.

Die oft konservativen arabischen Stämme lehnten nicht nur die Zwangsrekrutierung durch die SDF, sondern auch die Ideologie der Kurden ab. Diese stützt sich auf Vorstellungen von Abdullah Öcalan, dem inhaftierten Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), zu der teils enge Verbindungen bestehen.

„Die größten Verlierer sind die SDF“

Scharaa hatte seinerseits eine zentralistische Regierung gebildet, in der er wie zuvor Assad das letzte Sagen hat. Der Interimspräsident, der von der Türkei unterstützt wird, zeigte wenig Bereitschaft, den kurdischen Autonomieforderungen entgegenzukommen.

Erst nachdem die SDF sich aus zwei von ihnen kontrollierten Stadtteilen in Aleppo zurückgezogen hatten, erließ Scharaa am Freitag ein Dekret, das den Kurden nationale und kulturelle Rechte einräumt. Das Dekret erkennt die kurdische Sprache an, und das kurdische Neujahrsfest Newroz wird zum Nationalfeiertag. Zudem sollen Kurden, die 1962 staatenlos wurden, die Staatsbürgerschaft erhalten.

Trotzdem setzten Truppen der Interimsregierung ihre Offensive gegen die SDF fort. Am Samstag brachten sie die Gebiete westlich des Euphrats und den Tabqa-Staudamm unter ihre Kontrolle. Am Sonntag rückten die Truppen in den Provinzen Deir ez-Zor und Rakka gegen die SDF vor. Gleichzeitig kam es zum Aufstand von arabischen Stämmen.

Die SDF zogen sich nach teils schweren Kämpfen aus Deir ez-Zor und Rakka, wo der IS seine ehemalige Hauptstadt hatte, zurück. „Die größten Verlierer sind die SDF“, sagt der Syrienexperte Aymenn al-Tamimi. „Deren Autonomieprojekt ist im Grunde beendet.“ Das sei ohnehin das Ziel der Interimsregierung von Scharaa gewesen.

Waffenstillstand ist brüchig

Im Rahmen der am Wochenende geschlossenen Vereinbarung werden SDF-Kämpfer auf „individueller Basis“ dem Verteidigungs- und Innenministerium unterstellt, und die Verwaltung der drei Provinzen Deir ez-Zor, Rakka und Hassake fällt an Damaskus. Zudem müssen nicht syrische Kommandanten und Kämpfer der PKK das Land verlassen.

Die Verwaltung von al-Hol und die anderen Gefangenenlager, in denen auch europäische IS-Kämpfer festgehalten werden, fallen an die Zentralregierung. Der syrische Staat verpflichte sich, den Kampf gegen den IS fortzusetzen, heißt es in der Waffenstillstandsvereinbarung. Im Gegenzug werden den SDF hochrangige Positionen im Militär- und Sicherheitsapparat zugesagt.

„Die SDF hätten jedoch eine für ihre Mitglieder günstigere Vereinbarung erzielen können, beispielsweise die Integration ihrer Streitkräfte als ganze Divisionen in die neue Armee“, sagt Tamimi. Die Zentralregierung habe dies in Erwägung gezogen, die SDF habe es jedoch abgelehnt, ihre Einheiten dem Zentralkommando zu unterstellen.

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Die jetzige Vereinbarung erfüllt zahlreiche Forderungen der Türkei. Ankara war die Autonomie der syrischen Kurden immer ein Dorn im Auge. Die Kurden setzten jedoch auf die Unterstützung der USA. „Sie nahmen die Aussicht, dass die Regierung eine Großoffensive starten würde und die USA ihnen nicht zu Hilfe kommen würden, nicht ernst“, sagt Tamimi.

Ob der Waffenstillstand hält, ist ungewiss. Am Montag ist es sporadisch erneut zu Kämpfen gekommen. Beide Seiten warfen sich Verletzungen der Vereinbarung vor.

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