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US-Wahlkampf Machtfaktor Pennsylvania: Warum dieser Bundesstaat für Biden und Trump so wichtig ist

Donald Trump und Joe Biden versprechen im US-Wahlkampf Jobs und Wohlstand nach der Coronakrise. Eine Handvoll Bundesstaaten entscheidet am 3. November über ihre Macht – vor allem Pennsylvania.
07.09.2020 - 18:54 Uhr Kommentieren
Biden kennt den Bundesstaat gut, er wurde in Scranton im Osten Pennsylvanias geboren.
Präsidentschaftskandidat Joe Biden geht in Pennsylvania für die Black-Lives-Matter-Bewegung auf die Knie

Biden kennt den Bundesstaat gut, er wurde in Scranton im Osten Pennsylvanias geboren.

Greensburg, Washington Den ersten Protest seines Lebens organisierte Matt Shorraw vor vier Jahren, als er gegen Donald Trump auf die Straße ging. Trump war im Sommer 2016 als einziger Präsidentschaftskandidat nach Monessen gereist, eine ehemalige Bergbausiedlung bei Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania.

Für Shorraw, damals Musiklehrer an der lokalen Schule, war der Besuch ein „Erweckungserlebnis“. Für ihn spielte Trump, der ein Comeback von Kohle und Stahl versprach, mit einer gefährlichen Illusion.

Einst blühte in Shorraws Heimatstadt die Schwerindustrie, Monessens Name ist an Krupp-Stahl aus Essen angelehnt. Heute ist Monessen vom Strukturwandel gezeichnet. „Sollten IS-Terroristen nach Monessen kommen, würden sie weiterfahren, weil es so zerbombt aussieht“, sagte der damalige Bürgermeister, ein Demokrat, über seine eigene Stadt – und lud den Republikaner Trump ein.

Die Aktion war ein Hilferuf, und Trumps Besuch sollte ein Vorbote werden für seinen Erfolg bei weißen Arbeitern. Monessen wählte knapp demokratisch, doch Pennsylvania wanderte nach mehr als 25 Jahren in die Hände der Republikaner. Trumps Sieg im 13-Millionen-Einwohner-Staat katapultierte ihn ins Weiße Haus.

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    In der Wahlnacht am 3. November werden erneut alle Augen auf Pennsylvania gerichtet sein. Mit Pennsylvania steht und fällt, ob Trump seinen Sieg von 2016 manifestieren kann oder ob die Demokraten frühere Bastionen zurückerobern. Beide Kandidaten versprechen, den amerikanischen Traum von Wohlstand und Freiheit zu sichern – mit extrem unterschiedlichen Mitteln.

    In diesem Wahlkampf konkurrieren zwei Realitäten miteinander: Trump beansprucht für sich, vor Corona die „großartigste Wirtschaft der Welt“ aufgebaut zu haben. Biden wirft Trump vor, er habe die Wirtschaft „an die Wand gefahren“.

    Inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg entscheiden die US-Bürger über ihre Zukunft nach der Pandemie und über Amerikas Platz in der Welt. Wem die US-Bürger die Rettung der Nation am ehesten zutrauen, ist die entscheidende Frage dieses Wahlkampfs. Pennsylvania spielt dabei eine zentrale Rolle.

    „Pennsylvania ist Brennpunkt jeder Wahl. Wer hier gewinnt, hat sehr gute Chancen auf den Sieg. Wer hier verliert, hat ein Problem“, sagt der Stratege Joe Trippi, der seit 40 Jahren Wahlkampagnen für die Demokraten organisiert. 2016 lag das Problem eindeutig auf demokratischer Seite, auch wenn Trump Pennsylvania mit nur 44.000 Stimmen Mehrheit gewann.

    Die Menschen, die über seinen Sieg entschieden, passen in ein halbes Football-Stadion. Genau das ist die Crux im US-Wahlsystem, das einem Dutzend Swing-Staaten erlaubt, den Ausschlag zu geben. Neben Michigan oder Wisconsin ist Pennsylvania einer der Bundesstaaten, die mal in die eine, mal in die andere Richtung kippen.

    „Trump zeigt, dass er den Bürgern Selbstverantwortung zutraut“, sagt Bretz.
    Bill Bretz, Republikaner-Chef von Westmoreland County (rechts)

    „Trump zeigt, dass er den Bürgern Selbstverantwortung zutraut“, sagt Bretz.

    Holt ein Kandidat die Mehrheit in einem Bundesstaat, gehören ihm alle Stimmen der Wahlmänner und Wahlfrauen, die dort aufgestellt wurden. Deshalb sind bundesweite Umfragen, die Biden klar vorn sehen, mit Vorsicht zu genießen. „Die Präsidentschaftswahlen sind in Wahrheit ein Rennen in einer Handvoll Bundesstaaten“, erklärt Trippi.

    Trump-Flaggen wehen an allen Veranden

    Pennsylvania steht exemplarisch für die Gräben der USA, sowohl politisch als auch strukturell. Durchquert man Pennsylvania mit dem Auto, legt man in etwa die gleiche Strecke zurück wie von der Ostsee bis nach Bayern. Ländliche Regionen, die sich nie vom industriellen Abstieg erholt haben, umrahmen linksliberale Metropolen wie Pittsburgh und Philadelphia. Die Paralleluniversen trennen oft nur wenige Kilometer.

    Um den Richtungskampf zu verstehen, lohnt sich eine Reise zu den Wurzeln von Trumps Wahlsieg 2016 in West-Pennsylvania. Der Bürgermeister von Monessen, der Trump als Gastredner einlud, wurde inzwischen abgewählt. Das Amt bekleidet nun Matt Shorraw, der gegen Trump protestierte, mit nur 29 Jahren.

    Er kandidierte, kurz nachdem Trump Präsident wurde. „Als ich hörte, dass er die Jobs von früher zurückbringen will, wusste ich: Das wird nicht passieren, nicht bei diesem Tempo der Automatisierung. Die Welt wird nie mehr, wie sie einmal war.“ Der Demokrat Shorraw ist mit seiner Meinung in der Minderheit. Rund um Monessen ist der Landkreis Westmoreland County tief republikanisch, Trump gewann mit 68 Prozent.

    Fährt man die weitläufige Hügellandschaft ab, erzählen Anwohner ihre Lieblingsanekdote über Deutschland: Hitler wollte in der Kleinstadt Stahlstown, die im Zweiten Weltkrieg einen Spionagering beherbergte, ein Ferienhaus bauen, weil die Region dem Schwarzwald ähnelt.

    Die Gegend ist grün und idyllisch, aber sie hat viele Probleme. „Man muss es so klar sagen, viele Leute sind fett“, sagt Bill Marx, demokratischer Kandidat für das US-Repräsentantenhaus. „Wir machen nicht genug Sport. Wir gehen nicht zum Arzt. Die Krankenhäuser machen dicht, die Jungen ziehen weg, die Löhne stagnieren.“

    Der 44-jährige Marinesoldat tritt gegen den republikanischen Amtsinhaber Guy Reschenthaler an. Das ist aussichtslos, aber Marx will ein Zeichen gegen Trump setzen – und daran erinnern, dass West-Pennsylvania nicht immer republikanisch war.

    Bis zur Jahrtausendwende, als Trump noch Wolkenkratzer in Manhattan umbauen ließ, war die Gegend demokratisches Revier. Mit dem Abstieg der Stahlindustrie verschwanden die Gewerkschaften, ein Anker der demokratischen Partei. Heute wehen Trump-Flaggen an fast allen Veranden.

    Geht es nach Bill Bretz, dem örtlichen Republikaner-Chef, wird sich das nicht ändern. Für ihn ist Trumps Coronakurs kein Versagen, sondern ein Vertrauensbeweis. „Trump zeigt, dass er den Bürgern Selbstverantwortung zutraut“, sagt Bretz. Die Coronakrise hat den alten Konflikt zwischen viel und wenig Staat befeuert, eine Stimme für Trump steht in Westmoreland County für Freiheit.

    „Die Demokraten wollen von oben nach unten diktieren, was man zu tun und zu lassen hat. Lasst doch die Menschen bestimmen, was sie tun wollen.“ Bretz ist kein Fanatiker. Er trägt Maske und fährt mit Frau und Baby im BMW vor, hupt zweimal und ruft lachend: „Ich spiele in eurem Team!“ Trump hatte Deutschland mehrfach mit Autozöllen gedroht. Biden wolle Steuern erhöhen und die Wirtschaft „grundlegend verändern“, sagt Bretz, „das weckt Ängste“.

    Volkswagen versuchte hier sein Glück

    Von Trumps Versprechen ist allerdings wenig übrig. Zwar sorgten Deregulierung, Steuersenkungen und niedrige Ölpreise für eine stabile Wirtschaft und einen Boom im Energiesektor. Pennsylvania besitzt die größte Erdgasreserve der USA, der Staat frackte sich zur Nummer zwei der Gasförderer hinter Texas.

    Doch die Pandemie hat Westmoreland County schwer getroffen. Die letzte Kokerei ist auf Kurzarbeit, der Tourismus und der Umsatz kleiner Unternehmen ist eingebrochen, die Erwerbslosigkeit hat sich seit März fast verdreifacht. „Trump lügt, während Amerikaner sterben“, klagt ein handgemaltes Schild an einem Highway an.

    Die Pandemie habe die Region „kalt erwischt“, viele Investorenprojekte lägen auf Eis, sagt Don Smith. Der Präsident der Agentur für wirtschaftliche Entwicklung RIDC kann viel darüber erzählen, wie man eine Region wiederbelebt, die oft für tot erklärt wurde. Seine Organisation hat einen Industriepark modernisiert, der unter anderem Siemens beherbergt.

    Grafik

    Immer wieder stand die Halle leer, wurden Tausende Menschen entlassen. 1969 baute Chrysler auf dem Gelände eine Fabrik, die der US-Autokonzern nie in Betrieb nahm. In den 70ern und 80ern baute Volkswagen als erster ausländischer Investor mit einer Massen-Fahrzeugproduktion Jettas und Golfs. Bis 2010 stellte Sony Fernsehröhren her, seitdem ringt die Region um neue Großinvestoren.

    Wie viele Wirtschaftslenker findet Smith auch Worte des Lobes für Trump. „Die Steuersenkungen waren sehr hilfreich“, sagt er, der Abbau von Bürokratie ebenfalls. Auch halte man in der Business-Welt einen bundesweiten Lockdown, wie Biden vorschlägt, für „übertrieben“, so Smith.

    Aber Strafzölle und Drohungen aus dem Weißen Haus bereiten ihm Sorgen. „Die Nato ist die wichtigste Errungenschaft der westlichen Zivilisation. Ich hoffe, diese Allianz hält“, bricht es am Ende des Gesprächs aus ihm heraus. „Unsicherheit ist der Feind von Investition und Entwicklung.“

    RIDC hat nicht nur den Industriepark, sondern auch sieben frühere Stahlwerke der Region aufgekauft. Ein Vorzeigeprojekt ist „Mill 19“ am Rande von Pittsburgh, wo Ende der 90er-Jahre das letzte Werk der Stadt schloss. Heute beherbergt das Gelände ein Forschungs- und Produktionszentrum für Robotik, die Fronten wurden verglast, das Dach zieht Energie aus Regenwasser.

    Vergangene Woche trat dort Joe Biden auf. Trump habe „Millionen Amerikanern Schmerzen zugefügt“, rief er vor einer Handvoll Gästen, die mit Masken und Sicherheitsabstand zuhörten. Bidens Auftritt markierte einen Wechsel in seiner Wahlkampfstrategie.

    Eigentlich wollte er wegen Covid in seinem Wohnort Wilmington im Bundesstaat Delaware bleiben, auch der Parteitag der Demokraten wurde virtuell abgehalten. Doch die Republikaner wahlkämpfen sich aggressiv durchs Land, Biden muss gegenhalten.

    Trumps Kampagne hat sich auf „Fly in, fly out“-Termine spezialisiert, das sind Blitzauftritte am Rollfeld, wo der Präsident vor jubelnden Anhängern aus der Air Force One klettert. „Wir werden wieder gewinnen“, rief Trump bei so einem Auftritt in Latrobe, einem Vorort von Pittsburgh, nur wenige Tage nach Bidens Rede. „Joe Biden will eure Jobs nach China verkaufen, ist euch das klar? Ich werde Arbeitsplätze retten.“

    „Biden ist schlimmer als Hillary Clinton“

    In den Reden kämpft die Vision eines klimafreundlichen Neustarts gegen die Tradition rauchender Schlote. Für die Wähler bedeutet das, dass sie Unbekanntes gegen Altbewährtes abwägen müssen. So will Biden einen schrittweisen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen forcieren.

    Der Demokrat weiß aber, dass er mit einem kompletten Fracking-Verbot Existenzen gefährdet. Biden kennt den Bundesstaat gut, er wurde in Scranton im Osten Pennsylvanias geboren. „Ich werde Fracking nicht verbieten!“, rief Biden in Pittsburgh. „Egal, wie oft Donald Trump das behauptet.“ Trump warnt vor dem „Jobkiller Biden“, der Arbeitsplätze vernichte und Strompreise in die Höhe treibe.

    Fragt man Wähler, ob sie für oder gegen Trump sind, antwortet niemand mit Statistiken und Zahlen. Inhalte sind eher ein Vehikel für ideologische Überzeugungen, die eine viel größere Rolle spielen als tagesaktuelle News aus Washington. „Es geht nicht um Los Angeles und New York. Es geht um das Kernland Amerikas, und hier werden wir jemanden wählen, der für unsere Werte kämpft“, sagt die Radiomoderatorin Wendy Bell.

    „Biden will Steuern erhöhen, unsere Waffen wegnehmen und die Mauer zu Mexiko abreißen. Okay? Ich will einfach nur meine Freiheit. Ich will tun und lassen, was ich will“, meint Tim Trikowski, ein Rentner mit Wurzeln in Polen.

    „Trump hält, was er verspricht“, sagt Rossi.
    Trump-Fan Leslie Baum Rossi

    „Trump hält, was er verspricht“, sagt Rossi.

    Trikowski hat sich an einem heißen Sommertag zum „Trump-Haus“ begeben, ein privates Wahlkampfzentrum in der Kleinstadt Youngstown. Die Besitzerin, Leslie Rossi, hat das Gebäude in den Farben der US-Flagge anstreichen lassen und mit einem Trump-Schriftzug dekoriert.

    „Die Umfragen sind so was von egal“, sagt sie und blättert durch einen dicken Aktenordner, in den sich ihre Gäste eintragen. 1500 seien es am vergangenen Wochenende allein gewesen. „Trump hält, was er verspricht“, sagt Rossi. „Biden ist schlimmer als Hillary Clinton, der kann keinen geraden Satz beenden. Wir werden gewinnen.“

    Es gibt auch Trump-Unterstützer, die mit dem Präsidenten hadern und ihn trotzdem wählen. Manchmal sei es ihm „peinlich, wie Trump spricht oder das Amt behandelt“, sagt der Anwalt Scott Avolio. „Aber Trump hat bewiesen, dass er gewinnen kann, und er hat viele konservative Richter berufen.“ Punkten kann Trump mit Kritik an Abtreibungen und damit, dass er das Waffenrecht nicht einschränkt.

    Was Demokraten dennoch optimistisch macht, sind Umfragen, die Trump in den wichtigsten Swing-Staaten konstant hinter Biden sehen. „Frauen in Vorstädten, jüngere Republikaner und solche mit Uni-Abschluss, die von Trumps Stil abgeschreckt sind“ wolle Biden überzeugen, zählt der Stratege Joe Trippi auf.

    Im Osten, rund um Philadelphia, dürfte das leichter gelingen. Matt Shorraw, der junge Bürgermeister von Monessen, glaubt trotzdem daran, dass die Demokraten auch den Westen eines Tages zurückholen werden.

    „Meine Oma hat immer gesagt: Geh fort von hier, such dein Glück woanders. Aber ich liebe meine Heimat“, sagt er. „Pittsburgh hat sich neu erfunden. Es ist an der Zeit, dass die angrenzenden Städte dasselbe tun.“

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