US-Zölle: Schweiz ringt nach Zollschock um Schadensbegrenzung
Frankfurt. Milliardeninvestitionen, niedrigere Medikamentenpreise, Flüssiggas-Importe: Die Schweizer Regierung sucht fieberhaft nach Möglichkeiten, doch noch eine Einigung im Zollstreit mit den USA zu finden. Am 1. August – dem Schweizer Nationalfeiertag – wurde bekannt, dass die USA Importe aus der Alpenrepublik künftig mit einem Zollsatz von 39 Prozent belegen wollen. Die Zölle sollen am kommenden Donnerstag in Kraft treten.
Am Montag kündigte die Schweizer Regierung daher an, den USA ein verbessertes Angebot vorlegen zu wollen. Die Regierung sei „fest entschlossen, die Gespräche und Verhandlungen mit den USA – wenn nötig – auch nach dem 7. August 2025 weiterzuführen“, teilte die Regierung nach einer Krisensitzung mit. Nähere Details wurden zunächst nicht bekannt.
Haben die Schweizer Verhandler keinen Erfolg, fürchten Experten harte Einschnitte für die Schweizer Exportwirtschaft, schließlich sind die USA nach der EU der wichtigste Handelspartner der Landes. Der Wirtschaftsverband Economiesuisse warnte: „Die neuen US-Zölle verteuern die Schweizer Exporte, schwächen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und belasten das Investitionsklima. Sie stellen daher eine sehr ernsthafte Belastung für Schweizer Exportunternehmen dar.“
Laut Sophie Altermatt, Ökonomin der Privatbank Julius Bär, sind die Hersteller von Präzisionsinstrumenten, Uhren und Maschinen am stärksten von den Handelsbeschränkungen betroffen. Sie betont: „Die günstigeren US-Zölle für europäische Wettbewerber verschlechtern die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen auf dem US-Markt zusätzlich.“
Die Aussicht auf die europaweit mit Abstand höchsten Zölle hat auch die Börse unter Druck gesetzt. Der Schweizer Leitindex SMI öffnete am Montag etwa 1,8 Prozent im Minus, machte jedoch die Verluste im Verlauf des Handelstags größtenteils wieder wett. Zu den größten Verlierern gehörten der Maschinenbauer ABB, der Pharmakonzern Alcon sowie Amrize, das abgespaltene US-Geschäft des Baustoffherstellers Holcim.
Der Handelsüberschuss der Schweiz mit den USA beträgt etwa 39 Milliarden Schweizer Franken (41,7 Milliarden Euro). Zwei wichtige Exportgüter, Pharmazieprodukte sowie Goldbarren, sollen von den Zöllen ausgenommen werden. Maschinenbauer und die Luxusgüterindustrie, etwa Uhrenhersteller, treffen die Zölle umso härter. Daher sagte der Chef der Uhrenmarke Breitling, Georges Kern, der „NZZ am Sonntag“: „Die Schweiz ist in Geiselhaft der Pharmaindustrie.“
Nun bleiben der Schweiz noch wenige Tage, um US-Präsident Donald Trump umzustimmen. Die USA zeigen sich jedoch bisher kaum kompromissbereit. Die Zölle seien so gut wie gesetzt, sagte der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer einem US-Fernsehsender.
Die Schweiz könnte den USA noch entgegenkommen, indem sie noch höhere Investitionen von Schweizer Unternehmen in den USA in Aussicht stellt. Im Mai hatte US-Finanzminister Scott Bessent in Genf bekannt gegeben, dass sich Schweizer Konzerne zu Investitionen in Höhe von 200 Milliarden Dollar bereit erklärt hätten.
Der frühere Schweizer Spitzendiplomat Thomas Borer sagte der „NZZ“, die Schweiz könnte sich beispielsweise für sinkende Medikamentenpreise einsetzen. Der US-Präsident ärgert sich seit geraumer Zeit darüber, dass Schweizer Pharmakonzerne für ihre Therapien in den USA deutlich mehr verlangen als in Europa. Darüber hinaus könnte die Schweiz ähnlich wie die EU mehr Energieimporte, etwa von Flüssiggas, aus den USA zusagen.
Die hohen US-Zölle erwischten die Schweizer Regierung auch deshalb auf dem falschen Fuß, weil es monatelang so aussah, als befänden sich die Verhandlungen auf einem guten Weg. Noch im Mai war US-Finanzminister Scott Bessent zu Besuch in Genf. Die Gespräche bezeichnete die Schweizer Regierung als „wohlwollend und konstruktiv“. Die Schweiz gehöre zu jenen 15 bis 18 Ländern, mit denen die USA „prioritär“ Handelsabkommen aushandeln will.
Fürstentum Liechtenstein kann angedrohte Zölle abwenden
Doch nach einem Telefonat zwischen Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter und Donald Trump am Vorabend des Schweizer Nationalfeiertags war klar, dass es zunächst keinen Deal geben würde. Die eidgenössischen Verhandler standen umso blamierter da, als das deutlich kleinere Fürstentum Liechtenstein angedrohte Zölle in Höhe von 37 Prozent abwenden und sich die gleichen Konditionen wie die EU sichern konnte. Liechtenstein gehört anders als die Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum, ist allerdings kein EU-Mitglied.
Die vorläufige Niederlage im Zollstreit könnte dazu führen, dass eine wirtschaftliche Annäherung an die EU in der Schweizer Bevölkerung populärer wird. Die Schweiz und die EU hatten sich im Dezember 2024 auf ein neues Handelsabkommen verständigt.
Frühestens 2026 könnte eine Volksabstimmung darüber entscheiden, ob diese Idee auch angenommen wird. Nach dem Zollschock ist klar: Die Schweizer Wirtschaft ist mehr denn je auf verlässliche Handelspartner angewiesen.
