Verteidigung: Drohnen, KI-Systeme, Schulden – Schweden rüstet auf
Stockholm. Für Jahrhunderte hatte sich Schweden zur militärischen Neutralität verpflichtet, nun rüstet das Land massiv auf: Drohnen, KI-Systeme, moderne Artillerie sowie eine engere Zusammenarbeit mit Nachbarländern und der Nato prägen die neue Realität, die ganz Skandinavien seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erlebt.
Für das laufende Jahr plant Schwedens Regierung ein Verteidigungsbudget von mehr als 135 Milliarden Kronen (etwa zwölf Milliarden Euro) – eine Summe, die doppelt so hoch ist wie vor fünf Jahren. Finanziert wird die Aufrüstung unter anderem durch Umschichtungen im Staatshaushalt und Schulden.
„Die Zeiten, in denen Kriege ausschließlich mit Panzern und Soldaten gewonnen wurden, sind vorbei – heute entscheidet auch die Fähigkeit, im digitalen Raum und mit autonomen Systemen zu agieren“, sagt Oskar Karlsson vom Totalförsvarets forskningsinstitut (FOI), einem staatlichen Sicherheitsforschungsinstitut.
Drohnen, KI, U-Boote, Jets
Daher liegt der Schwerpunkt der Rüstungsstrategie auf neuen Technologien: ferngesteuerten Drohnensystemen, autonomen Überwachungseinheiten und Künstlicher Intelligenz (KI) in der Gefechtsführung. Insbesondere bei Drohnen setzt Schweden auf Kooperationen mit finnischen, ukrainischen und US-amerikanischen Herstellern.
So will Schweden neben konventionellen U-Booten der Blekinge-A26-Klasse unbemannte Flugobjekte einsetzen, um das Meer und gerade die russische Schattenflotte zu überwachen, mit der Moskau westliche Sanktionen auszuhebeln versucht. Derzeit laufen Tests verschiedener Systeme, unter anderem mit der Drohnenschwarm-Technologie des einheimischen Herstellers Saab. Sollten sie erfolgreich verlaufen, können bis zu 100 Drohnen für Aufklärungsflüge und Zielidentifikation von einem einzigen Operator gesteuert werden.
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Das schwedische Militär testet zudem das in Estland entwickelte unbemannte Bodenfahrzeug Themis von Milrem Robotics, das bereits erfolgreich von der Ukraine eingesetzt wird. Das relativ kleine Fahrzeug kann sowohl für Nachschub und Krankentransporte als auch für Kampfmissionen eingesetzt werden. Daneben arbeitet das schwedische Militär zusammen mit internationalen Partnern an der Entwicklung eines unbemannten Kampfflugzeugs. Erste Tests fanden bereits statt.
Schwedische Unternehmen wie Saab, die auf den Bau des Mehrzweck-Kampfflugzeugs Saab Gripen, Rüstungselektronik und Luftabwehrsysteme spezialisiert sind, verzeichnen steigende Aufträge. Saab bereitet derzeit die Lieferung der ersten Saab Gripen E vor, ein Kampfflugzeug, das noch von einem Piloten geflogen, aber von Künstlicher Intelligenz unterstützt wird.
Ostsee im Fokus der Verteidigungsstrategie
Schweden stimmt seine Verteidigungsstrategie mit der Nato und den Nachbarländern und Bündnispartnern Finnland, Norwegen und Dänemark ab. Gemeinsame Übungen und ein verbesserter Informationsaustausch sind Teil dieser „nordischen Verteidigungskooperation“, die sich vor allem auf die Ostsee fokussiert.
Ein hoher Offizier der schwedischen Streitkräfte sagte neulich über die Kooperation: „Das Ziel ist vollständige Interoperabilität – ob bei Kommunikation, Munition oder Luftverteidigung.“ Das bedeutet, dass Ausrüstung, Kommunikation und Logistik untereinander kompatibel sind und möglichst auch gemeinsam beschafft werden. In den vergangenen Jahren haben die Länder bereits mehrere gemeinsame Militärübungen auf der Ostsee, aber auch in Nordfinnland durchgeführt. Es waren allerdings Manöver unter der Leitung der Nato.
Und das soll auch so bleiben. „Ich glaube nicht, dass man Bündnisse innerhalb eines Bündnisses schmieden soll“, sagte der frühere Verteidigungsminister und heutige verteidigungspolitische Sprecher der oppositionellen Sozialdemokraten, Peter Hultqvist, der Zeitung „Svenska Dagbladet“. Das sieht auch die konservative Partei von Regierungschef Ulf Kristersson so.
Debatte um Aufrüstung ist neu für Schweden
Die Frage der Finanzierung der Aufrüstung wird dabei immer wichtiger. „Wenn wir unsere Sicherheit ernst nehmen, müssen wir auch bereit sein, sie zu finanzieren“, begründete Schwedens Verteidigungsminister Pål Jonson vor Kurzem die Entscheidung der Mitte-rechts-Regierung, in den kommenden zehn Jahren für die Aufrüstung insgesamt 300 Milliarden Kronen (etwa 26,7 Milliarden Euro) an Schulden aufzunehmen.
Zwar lehnt die Regierung neue Sonderabgaben ab, doch mehrere Oppositionsparteien fordern bereits die Einführung eines temporären „Verteidigungszuschlags“ auf hohe Einkommen. Noch sind sich Regierungs- und Oppositionsparteien einig, dass es keine Steuererhöhungen geben soll, doch Ökonomen denken nicht, dass Schweden die deutlich erhöhten Militärausgaben langfristig über Schulden finanzieren kann.
Die Debatten sind nach mehr als 200 Jahren der militärischen Bündnisfreiheit relativ neu für das Land. Über Jahrzehnte verstand sich das Land als Vermittler in internationalen Konflikten – eine Rolle, die nun allmählich einer klaren sicherheitspolitischen Positionierung innerhalb der Nato weicht, in die das Land 2024 eingetreten ist.
Verteidigung ist nicht mehr Ausnahme, sondern wird mehr und mehr Teil des Alltagsdenkens. Noch steht Schweden am Anfang dieses Umbaus. Aber der politische Wille ist eindeutig. So forderten erst in der vergangenen Woche die schwedischen Jungsozialisten den Wiederaustritt Schwedens aus der Nato, doch die Mutterpartei wies die Forderung mit deutlichen Worten zurück. Und Verteidigungsminister Jonson sagte: „Wir werden keine Rückkehr zur sicherheitspolitischen Naivität zulassen.“