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Hohe Inflation„Kredit-Ferien“: Hausbesitzer in Polen dürfen Zahlungsraten aussetzen

Der Kurs der polnischen Notenbank bringt zunehmend Schuldner in Schwierigkeiten. Die Regierung versucht diese zu entlasten – doch die Maßnahmen kommen nicht bei allen gut an.Daniel Imwinkelried 05.08.2022 - 19:44 Uhr Artikel anhören

Wohneigentum ist in Polen also um einiges teurer geworden.

Foto: dpa

Wien. Die polnische Regierung reagiert auf die hohen Inflationsraten mit neuen Maßnahmen – die aber nicht überall gut ankommen. Ab Anfang August gelten die sogenannten „Kredit-Ferien“, bei denen Besitzer von kreditfinanzierten Häusern und Wohnungen in Polen die monatliche Ratenzahlung bis Ende 2023 achtmal – viermal in diesem Jahr und viermal im kommenden – aussetzen dürfen.

Der Ökonom Piotr Kuczynski von der Warschauer Anlagefirma Xelion sagt, dass es lächerlich sei, was die Regierung veranstalte. Weil die Zinszahlungen bloß aufgeschoben seien, sollten die Banken zwar mittelfristig kein Geld verlieren. Es entgehe ihnen aber eine große Summe an Liquidität, bemängelt der Ökonom. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki schätzt den Betrag auf 20 Milliarden Zloty, was etwa 4,19 Milliarden Euro entspricht.

Das ist allerdings nicht das Einzige, was den Ökonomen Kuczynski an den „Kredit-Ferien“ stört: Die Regierung wendet seiner Ansicht nach das Gießkannenprinzip an: Von der Aussetzung der Zinszahlung profitieren Schuldner unabhängig von ihrer finanziellen Lage. Zudem hätten viele Immobilieneigentümer bisher von den zuvor sehr niedrigen Zinsen stark profitiert.

Im Juni ist die Inflation in Polen auf 15,6 Prozent gestiegen. Die Zentralbank versucht den Preisanstieg zu bekämpfen, indem sie einen geldpolitischen Kurs verfolgt, der um einiges schärfer ist als der der Europäischen Zentralbank (EZB).

Mittlerweile liegt der Leitzins in Polen bei 6,5 Prozent und somit auf dem höchsten Stand seit 17 Jahren. Für die Polen ist dieser steile Anstieg eine Überraschung. Notenbankchef Adam Glapinski hatte noch im Jahr 2020 verkündet, dass höhere Zinsen nicht in Sicht seien. Wie alle Notenbanker hat er sich getäuscht.

Inflationskurs der Regierung wird zunehmend zum Problem

Für Polen mit einem verhältnismäßig niedrigen Einkommen wird der Inflationskurs der Notenbank zunehmend zum Problem. Laut Kuczynski weisen wohl rund 90 Prozent der Hypothekenkredite einen variablen Zins auf, viele Kreditnehmer müssen also wegen der hohen Inflationsrate plötzlich sehr viele höhere Monatsraten zahlen.

Gegenüber dem Finanzsektor schlägt Morawiecki allerdings harsche Töne an.

Foto: Reuters

Als Basis bei der Zinsberechnung dient den Finanzinstituten der Kurzfristzins Wibor („Warsaw Interbank Offered Rate“), auf den sie eine Marge draufschlagen. Seit dem vergangenen Oktober ist der Wibor von 0,2 Prozent auf über sieben Prozent geschnellt. Wohneigentum ist in Polen also um einiges teurer geworden.

Die ökonomischen und sozialen Verwerfungen, die daraus entstehen könnten, bereiten der Regierung offenbar Probleme. Der Ökonom Piotr Arak vom Polnischen Wirtschaftsinstitut verweist darauf, dass im Land die Kreditanbieter derzeit stark kurzfristige Konsumdarlehen bewerben würden. „Es besteht das Risiko, dass sich Hypothekarschuldner bei diesen Anbietern zusätzlich verschulden, um die Hypothekarzinsen zu bezahlen“, sagt er.

Für die Regierung ist die hohe Inflation umso mehr ein Problem, da im Herbst 2023 Wahlen stattfinden werden. Bereits jetzt deutet alles darauf hin, dass es ein schmutzig geführter Wahlkampf wird zwischen der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und der liberal-konservativen Bürgerplattform (PO) unter dem Vorsitzenden Donald Tusk.

Der ehemalige Präsident des Europäischen Rates wollte die Schuldner noch viel stärker unterschützen als Ministerpräsident Morawiecki. Er schlug vor, die Hypothekenzinsen auf dem Stand von Dezember 2021 einzufrieren, ohne allerdings zu sagen, ob der Staat oder die Banken für die Differenz zwischen Marktzins und Obergrenze aufkommen müssten. Mit dieser Idee nahm sich Tusk Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban zum Vorbild. In Ungarn gilt seit Anfang des Jahres bei den Hypothekarsätzen eine Obergrenze.

So weit wollte Polens Regierung offenbar nicht gehen, obwohl die mittelständischen Hypothekenschuldner laut Arak als Wechselwähler gelten, die beide politische Lager auf ihre Seite ziehen wollen.

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Bereits jetzt deutet alles darauf hin, dass es ein schmutzig geführter Wahlkampf wird zwischen der Regierungspartei und der liberal-konservativen Bürgerplattform (PO) unter dem Vorsitzenden Donald Tusk.

Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Gegenüber dem Finanzsektor schlägt Morawiecki allerdings harsche Töne an. Jeder Versuch der Banken, die Maßnahme der Regierung zu bremsen, würde bestraft, drohte der Ministerpräsident in dieser Woche. „Ich sehe die ersten Semesterergebnisse der Banken, sie sind sehr gut, wir müssen also kein Mitleid mit ihnen haben.“

Morawiecki sei selbst einmal Banker gewesen, sagt Kuczynski von Xelion. „Deshalb weiß er wohl, dass die Banken nicht die Lieblinge der Bevölkerung sind.“

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