Konjunktur: „Schatten von Covid-19 hebt sich langsam von der Wirtschaft" – EU-Kommission erwartet Aufschwung
Der EU-Wirtschaftskommissar nennt den Wiederaufbaufonds einen „noch nie da gewesenen Anschub“ für die europäische Wirtschaft.
Foto: AFPBrüssel. Nach den langen Monaten der Pandemie kommt der Aufschwung in Europa in Gang – und bringt temporär steigende Preise mit sich: Die EU-Kommission rechnet mit einem kräftigen Wachstum der europäischen Wirtschaft. Im laufenden Jahr wird das Konjunkturplus 4,2 Prozent betragen, 2022 erwartet Brüssel sogar einen Wachstumsschub von 4,4 Prozent.
„Der Schatten von Covid-19 hebt sich langsam von der europäischen Wirtschaft“, erklärte EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni an diesem Mittwoch. „Das schnellere Tempo der Impfungen in den letzten Monaten sollte es ermöglichen, die Restriktionen in der zweiten Jahreshälfte weiter zu lockern.“ Damit werde die Wirtschaft wieder anspringen.
Die steigende wirtschaftliche Dynamik wird nach Einschätzung der Brüsseler Behörde einen temporären Preisdruck erzeugen, aber keine dauerhaft erhöhte Inflation. Noch in diesem Jahr würden die Teuerungsraten ihren Höhepunkt erreichen und 2022 wieder absinken, erläuterte Gentiloni. Für den Euro-Raum sagt die Kommission eine Inflationsrate von 1,7 in diesem und 1,3 Prozent im kommenden Jahr voraus. Die Vorhersage der EU deckt sich mit den Prognosen der Europäische Zentralbank (EZB). Auch die Währungshüter in Frankfurt rechnen mit einem vorübergehenden Preisschub infolge der Konjunkturerholung.
Treiber der Wirtschaftsdynamik ist vor allem der private Konsum, der sich während der Krise aufgestaut hat und nun, da Geschäfte, Friseure, Hotels und Restaurants langsam wieder öffnen, nachgeholt werden kann. Zusätzlich werden Investitionen aus dem 750 Milliarden Euro umfassenden europäischen Wiederaufbaufonds, Next Generation EU, die Wirtschaft ankurbeln. Gentiloni nannte den Wiederaufbaufonds einen „noch nie da gewesenen Anschub“ für die europäische Wirtschaft. Auch der starke Aufschwung in den USA wirkt sich positiv auf Europa aus.
Für Deutschland, das als Exportnation besonders vom Wachstum in Übersee profitiert, erwartet die Kommission 2021 ein Plus von 3,4 Prozent. Damit werde die deutsche Wirtschaft noch vor Jahresende wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Im kommenden Jahr werde die Konjunktur noch einmal deutlich zulegen.
Finanzhilfen weiterhin wichtig
Auch das von der Pandemie besonders hart getroffene Italien wird sich kräftig erholen, prognostiziert die Kommission. Nach einem Wirtschaftseinbruch von fast neun Prozent im vergangenen Jahr wird die italienische Wirtschaft in diesem Jahr um 4,2, 2022 sogar um 4,4 Prozent zulegen, erwartet die Behörde. Noch stärker wird die Konjunktur in Spanien anspringen. Die Kommission sagt der spanischen Wirtschaft ein Plus von fast sechs Prozent in diesem und annähernd sieben Prozent im kommenden Jahr voraus.
Gentiloni warnte allerdings davor, dass eine abrupte Beendigung der staatlichen Konjunkturunterstützung die Erholung aufs Spiel setzen könne. Finanzhilfen blieben für Unternehmen und Arbeitnehmer weiter wichtig. Die expansive Finanzpolitik spiegelt sich in den Haushaltszahlen wider: Die Budgetdefizite der EU-Staaten werden dieses Jahr noch weiter steigen, und sich erst dann wieder normalisieren.
Um den Regierungen den nötigen finanziellen Spielraum zu belassen, sollten die Schuldengrenzen des europäischen Stabilitätspaktes weiter ausgesetzt bleiben, empfiehlt die Kommission. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte finanzstarke Länder wie Deutschland zuletzt davor gewarnt, verfrüht auf einen Sparkurs einzuschwenken.
Der Grünen-Finanzpolitiker Rasmus Andresen mahnte, die soziale Dimension der Krise nicht außer Acht zu lassen. „Der Aufschwung kommt nicht bei den Menschen an“, sagte er. „Viele Menschen, vor allem die junge Generation und Frauen verharren in der Arbeitslosigkeit.“ Vor allem der Tourismus, der Dienstleistungssektor und viele Selbstständige würden noch länger mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben: „Das größte Risiko für unsere Wirtschaft ist es, zu früh zu der Vor-Corona-Politik zurückzukehren.“