Ökonom Hans-Werner Sinn über Marx: „Man muss ein gewisses Maß an Ungleichheit hinnehmen“
Näher bei Marx, als man denkt.
Foto: AFPHans-Werner Sinn und Karl Marx, das klingt wie Feuer und Wasser: Hier der liberalkonservative Ordnungspolitiker, dort der brauseköpfige Revolutionär. Doch im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass Sinn viel von den Marx’schen Lehren gelten lässt – und selbst eine Vergangenheit als linker Student hat.
Herr Sinn, wir würden gern mit Ihnen über Karl Marx streiten. Sollten wir dafür eher die Rolle der Marx-Kritiker oder der Marx-Versteher einnehmen?
Das kann ich so eindeutig nicht sagen, weil ich zu Marx unterschiedliche Positionen vertrete. Als ökonomischem Denker gebührt ihm in Teilbereichen durchaus Anerkennung. Allerdings war er auch ein Ideologe, der viele Zusammenhänge nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte.
Wobei man gerade in Ihrer Jugend leicht zum Marxisten werden konnte.
Stimmt. Ich habe 1967 mit dem Volkswirtschaftsstudium begonnen, da war Marx in aller Munde. Ich musste sogar meine Diplomarbeit über ihn schreiben, über das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Das Thema hatte ich mir nicht ausgesucht und hat mich zunächst geärgert, weil mir Marx zu kompliziert schien. Nachdem ich mich eingelesen hatte, fand ich es aber ganz interessant.