Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Digitale Revolution

Digitale Revolution Wie der virtuelle Messebesuch mit 3D-Technik und Avataren möglich wird

Wegen der Coronakrise fallen Tausende Branchentreffen aus. Einige finden nun digital statt. Die Berührungsängste mit virtuellen Messen schwinden.
06.05.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Derzeit suchen Unternehmen nach Alternativen, um ihre Innovationen weltweit bekannt zu machen. Quelle: Glaess Software, Getty Images, dpa (M)
Digitale Messen

Derzeit suchen Unternehmen nach Alternativen, um ihre Innovationen weltweit bekannt zu machen.

(Foto: Glaess Software, Getty Images, dpa (M))

Düsseldorf Für Thomas Dehm von Siemens gehören Messen zum Tagesgeschäft. Doch seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist für den Experten für Industrie-Automatisierung einiges anders. Statt an der abgesagten Messe „All About Automation“ in Friedrichshafen nahm der Vertriebsmann kürzlich an einer virtuellen Testmesse teil – als Avatar in 3D. „Ich konnte durch die Hallen laufen, mit Besuchern – also anderen Avataren – reden, Vorträge anhören, dort die Hand heben und Fragen stellen“, sagt er.

Am virtuellen Messestand von Siemens präsentierte Dehm Besuchern Produkte am drehbaren 3D-Modell. Was den Vertriebsmann besonders freute: „Ich konnte spontan alle unsere Produkte im Intranet zeigen. Auf einer echten Messe ist technisch oft begrenzt, was man präsentieren kann.“ Auf einem virtuellen Whiteboard entwarf der Siemensianer mit Kunden Geschäfte. Bei Bedarf zog er sich mit ihnen in einen geschützten Audiobereich zurück. Vertrauliche Gespräche führte Dehm allerdings lieber im Anschluss per Videochat.

Seinen Messe-Avatar konnte er wie beim Computerspiel Sims ausstatten. Dehm wählte braune Haare sowie Krawatte in Siemens-Petrol. Sein Avatar konnte Emotionen zeigen, lächeln, traurig schauen und winken. Es gab sogar eine virtuelle After-Work-Party, auf der man den Tag in ungezwungener Atmosphäre ausklingen lassen konnte, berichtet der Vertriebsmann. Sein Fazit: „Die virtuelle Messe fühlte sich erstaunlich echt an – nur, dass mir am Abend nicht die Beine wehtaten. Denn ich saß ja mit Headset am PC.“

Die virtuelle Testmesse war von Gläss Software & Automation aus Weingarten bei Ravensburg organisiert worden. „Seit einem Jahr bieten wir unser Konzept für digitale Messen an, aber der Funke sprang bisher nicht über“, sagt Geschäftsführer Frank Gläss. „Das hat sich mit Corona schlagartig geändert.“ Am 20. Mai startet nun eine echte digitale Messe für industrielle Automatisierung mit 40 Ausstellern und 900 Besuchern.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Wegen der Pandemie wurden weltweit bisher 2539 Messen und Ausstellungen abgesagt, 469 davon in Deutschland. Händeringend suchen Unternehmen derzeit nach Alternativen, um ihre Innovationen weltweit bekannt zu machen. Schließlich geht es um wichtige Geschäftsabschlüsse – und für viele Firmen inzwischen ums Überleben. „Der Produktions- und Innovationszyklus der Industrieunternehmen richtet sich stark auf Leitmessen aus und droht unterbrochen zu werden“, warnt Messeexperte Udo Traeger von der Beratungsfirma Exhibition Doctors.

    „Die Coronakrise und die Absage wichtiger Branchentreffs werden virtuellen Messen einen Schub geben“, sagt auch Beraterlegende Roland Berger. Er sieht sogar Vorzüge gegenüber traditionellen Messen: „Viele Maschinen oder Autos lassen sich heute ohnehin schon virtuell viel besser in Bewegung präsentieren.“

    Individuell gestaltbare Avatare wie in einem Computerspiel. Quelle: Glaess Software
    Virtueller Messestand

    Individuell gestaltbare Avatare wie in einem Computerspiel.

    (Foto: Glaess Software)

    Die Hannover Messe beispielsweise arbeitet an einer zweitägigen virtuellen Veranstaltung im Kleinformat. Sie soll Mitte Juli stattfinden. Auf den Termin war die weltgrößte Industrieschau mit zuletzt 200.000 Besuchern und rund 6500 Ausstellern vor der Absage zunächst verschoben worden. Die Dringlichkeit einer digitalen Ersatzmesse begründet Jochen Köckler, Chef der Deutschen Messe AG, so: „Der Bedarf an Orientierung und Austausch ist besonders in Krisenzeiten wichtig.“

    Viele Aussteller hätten wegen einer virtuellen Messe unter der bekannten Marke angefragt, erklärt der Veranstalter. Denn auf digitalen Hausmessen können Unternehmen keine Neukunden gewinnen wie auf einer Branchenschau.

    Inhaltlich will sich die virtuelle Hannover Messe vor allem mit technologischen Strategien aus der Coronakrise befassen. Neben Produktpräsentationen soll es interaktive Workshops, Konferenzen und Foren mit Videochats geben. Auf Avatare wird verzichtet. Der digitalen Messe kommt zupass, dass Lösungen der Industrie 4.0 ohnehin virtuell am besten darstellbar sind. Technisch umgesetzt wird die virtuelle Hannover Messe von Event-IT, einer Tochter der Deutschen Messe AG.

    Geplant ist, dass Messebesucher von 2020 sowie der vorherigen beiden Jahre einen Link zur kostenlosen Teilnahme erhalten. Aussteller zahlen für ihre Präsentationen. So sind etwa Premiumslots nach der Eröffnungsrunde angedacht. Allerdings können an nur zwei Messetagen nicht alle Aussteller präsentieren.

    Deshalb soll das Aussteller- und Produktverzeichnis, das sonst drei Monate vor der Messe online geht, ganzjährig verfügbar sein. „Digitale Formate werden in Zukunft Messen ergänzen. Die Coronakrise bietet uns die Chance dazuzulernen“, heißt es von der Messegesellschaft.

    Gamescom ohne Schlangen

    Auch die Spielemesse Gamescom wird dieses Jahr nicht in Köln, sondern nur im virtuellen Raum stattfinden. Die Umstellung fällt der Messe mit ohnehin digitalaffinem Publikum nicht allzu schwer. Schon bei der letzten Gamescom schauten 600 Millionen Menschen weltweit live zu, wie E-Sport-Profis in Köln ihr Können zeigten.

    Eine wichtige Rolle bei der virtuellen Gamescom sollen erprobte Formate spielen. „Dazu zählt die Opening Night Live oder Gamescom Now, das mit den neuesten Videos der Aussteller, mit Livestreams, Interviews und Spielen den kompletten Überblick über die Branchenhighlights gibt“, erklärt Gerald Böse, Chef der Koelnmesse. An weiteren digitalen Formaten wird gearbeitet. „Wir betreten ein Stück weit Neuland und wollen das angemessen vorbereiten.“

    Virtuelle Messen werden schon länger angeboten – allerdings nicht von den klassischen Messeveranstaltern, sondern von Software- und Online-Marketingfirmen. Doch die wenigsten dieser Angebote gehen über digitale Branchenverzeichnisse oder Webinare hinaus. Hinzu kommt: „Bisher hatten viele Aussteller und Besucher Berührungsängste gegenüber virtuellen Messen“, konstatiert Michael Schreiber, Vorstand von Lumitos.

    Die Berliner Firma betreibt seit 20 Jahren Onlinemarketing und B2B-Plattformen wie Chemie.de. Nach der Verschiebung der Münchener Analytica, der Weltleitmesse für Labortechnik und Biotechnologie, auf Oktober suchten einige Aussteller händeringend nach Alternativen. In nur vier Wochen stellte Lumitos für sie eine Ersatzmesse im virtuellen Raum auf die Beine.

    Mehr als 100 Aussteller von Sartorius, Merck bis Leica Microsystems und knapp 7900 Besucher nahmen an der „Virtual Lab Show“ teil. Dazu gab es ein viertägiges Vortragsprogramm mit mehr als 10.000 Anmeldungen.

    Jedes Unternehmen konnte bis zu vier Produkte an seinem virtuellen Messestand präsentieren. „Dass sich Aussteller auf die wichtigsten Neuheiten konzentrierten, haben viele Besucher als angenehm empfunden“, sagt Schreiber. Mit den Experten am Messestand ließen sich Chats führen.

    Die Produkte konnten angeklickt werden, dahinter waren Videos und weitergehende Informationen verlinkt. „3D-Avatare gibt es nicht, und viele Funktionen lassen sich noch ausbauen und verfeinern“, weiß Schreiber. Aber die Teilnehmer seien froh, ihre Innovationen präsentieren zu können.

    Die Berliner Firma Ubivent bietet unter der Marke Meetyoo seit zehn Jahren virtuelle Events in 2D an, vornehmlich Konferenzen und Karrieremessen wie die IT-Jobmesse oder die Skyforward, eine Karrieremesse für die Luft- und Raumfahrt. Die Deutsche Telekom hat 2019 ihre Initiative „Digital X“ nicht nur physisch in Köln, sondern parallel virtuell mit Meetyoo umgesetzt. Die Select AG veranstaltet regelmäßig eine digitale Hausmesse mit bis zu 200 Ausstellern von Conti bis Bosch. Rund 20.000 Kfz-Werkstätten schauen dort Neuheiten an.

    Die Radfahrerlegende Jens Voigt veranstaltete jüngst mit Ubivent eine virtuelle Rad-Messe. An der eintägigen „Digital World Bike“ nahmen knapp 4000 Besucher teil. „Vorträge und Videopräsentationen mit Chats wurden kräftig genutzt“, berichtet Michael Geisser, Vertriebschef von Meetyoo. Am Ende konnten die Teilnehmer zu Hause im virtuellen Radrennen gegen Profi Voigt antreten.

    Unbegrenzte Reichweite

    Die Vorteile virtueller Messen liegen auf der Hand: Der Teilnehmerzahl sind weltweit kaum Grenzen gesetzt. Schließlich muss keiner aufwendig anreisen. „Oft schaffe ich es zeitlich nicht, auf Messen zu fahren“, bestätigt Vertriebsexperte Dehm von Siemens. Ohnehin wird digitale Reichweite immer mehr zur neuen Währung von Messen.

    Weitere Vorzüge: Aussteller können virtuelle Stände viel kreativer gestalten. Die Standmieten sind in der Regel günstiger als bei Großmessen. Bei Meetyoo etwa kostet ein virtueller Stand je nach Ausstattung 2000 bis 20.000 Euro. „Zusätzlich entfallen alle Logistikkosten samt Ausgaben für Hotels und Spesen für das Team“, sagt Geisser.

    Dass Messen für immer ins Internet abwandern, ist selbst nach dem Corona-Schock nicht zu erwarten. Das haben die Erfahrungen in China nach den Messeschließungen wegen Sars und Mers gezeigt. „Virtuelle Messen wollen Messen vor Ort nicht ersetzen, sondern ergänzen und digital verlängern“, betont Schreiber von Lumitos.

    Den persönlichen Kontakt, die Möglichkeit zum Networking und zur Beratung halten Aussteller für die größten Vorteile von Messen vor Ort. Das ermittelte der Verband der deutschen Messewirtschaft, Auma, 2019 in einer Umfrage. Produkte durch Ansprache aller Sinne präsentieren zu können – das sehen 82 Prozent als Vorzug gegenüber Digitalformaten an.

    „Früher waren Messen reine Infoveranstaltungen über neue Produkte. Heute sind sie Events, die mit Wow-Momenten Leute begeistern sollen. Das ist virtuell schwer hinzubekommen“, räumt Geisser von Meetyoo ein. „Echte Messen können eben multisensorische Erlebnisse bieten.“

    Die Coronakrise wird virtuellen Messen einen Schub geben. Roland Berger (Unternehmensberater)

    Auch das langsame Internet hierzulande setze dem virtuell Machbaren eine natürliche Grenze, konstatiert Softwareexperte Gläss. Daneben ist die Datensicherheit digitaler Events ein ganz wichtiger Punkt. Schließlich besteht der Clou darin, dass Aussteller Modelle ihrer Innovationen hochladen. Noch haben Hacker die wenigen virtuellen Messen nicht ins Visier genommen. Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Die Hauptserver der meisten deutschen Anbieter stehen im Inland. „Ein Pluspunkt gegenüber US-Anbietern“, meint Geisser.

    Denn nicht nur in Deutschland, dem Mutterland der Messen, wird an digitalen Messen getüftelt. Auch US-Firmen wie Inxpo oder ON24 sind aktiv, bieten aber eher Videostreaming oder Webcasting. In Asien, wo digitale Gadgets zum Alltag gehören, sind Berührungsängste gegenüber neuen Formaten ohnehin geringer. Chinesische Firmen haben ebenfalls virtuelle Messen als Zukunftsmarkt entdeckt.

    Die Kanton-Messe wird Mitte Juni erstmals seit 127 Jahren komplett ins Internet verlegt. Die gesamte Technik von Livestreams bis Cloud-Diensten kommt vom chinesischen Technologiekonzern Tencent. Es soll eine „virtuelle persönliche Verhandlungsumgebung“ geschaffen werden – unterstützt durch Übersetzungen für mehrere Sprachen. „Zehntausende von Einkäufern und Ausstellern dürfen eine effiziente Interaktion und Kommunikation bei dieser zehntägigen Veranstaltung erwarten“, verspricht Gao Feng, Sprecher des chinesischen Handelsministeriums.

    Messeteilnehmer sollen individuelle Verhandlungen führen und Massenevents für Produktpräsentationen besuchen können. Einkäufer können in einer Art sozialem Netzwerk Streams teilen und kommentieren.

    Zukunft gehört hybriden Messen

    Mit Avataren laufen die Besucher der Kanton-Messe nicht herum. Hier sieht sich die deutsche Softwarefirma Gläss einen wichtigen Schritt voraus. „Wir bieten lebensechte Simulation eines Messeszenarios per 3D-Technik und Avataren“, sagt Frank Gläss. Das funktioniere intuitiv wie ein Computerspiel. „In zehn Jahren werden digitale Messen in 3D selbstverständlich sein“, prophezeit er.

    Auch 3D-Spezialist Roooms aus Jena bietet seit der Coronakrise virtuelle Messen an. Die Stände lassen sich online selbst zusammenstellen. „Sind Ihre 3D-Daten einmal in unserem System, können diese ganz einfach auch in Virtual Reality und Augmented Reality angezeigt werden“, verspricht das Start-up Messe- und Konferenzveranstaltern.

    Das Digitale wird für Messen immer bedeutsamer, konstatiert Berater Roland Berger. Allerdings würden virtuelle Messen persönliche Treffen nie gänzlich ersetzen können. „Geschäftspartner müssen sich – zumindest bei wichtigen Deals – in die Augen schauen können“, betont der Netzwerker. Das sieht Geisser von Meetyoo genauso: „Deshalb gehört Hybridmessen die Zukunft. Dort lassen sich – bei unbegrenzter Reichweite – die Vorteile der analogen und virtuellen Welt verschmelzen.“

    Mehr: Wie Bewegungsdaten den Handel umwälzen.

    Startseite
    Mehr zu: Digitale Revolution - Wie der virtuelle Messebesuch mit 3D-Technik und Avataren möglich wird
    0 Kommentare zu "Digitale Revolution: Wie der virtuelle Messebesuch mit 3D-Technik und Avataren möglich wird"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%