Flugtaxi-Entwickler: Staatshilfe für Lilium vorerst gescheitert
Berlin, Düsseldorf. Der bayerische Flugtaxi-Entwickler Lilium kann vorerst nicht mit einer Finanzhilfe des Bundes rechnen. Bei den Haushaltspolitikern der Regierungsparteien gebe es keine Mehrheit für eine Bürgschaft, erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der Koalition. Lilium hatte um eine Hilfe im Volumen von 50 Millionen Euro gebeten. Für weitere 50 Millionen Euro wäre das Land Bayern bereit zu bürgen.
Bei einer Sitzung des Haushaltsausschusses am Donnerstag unterrichtete das Verkehrsministerium die Abgeordneten zum aktuellen Stand. Einen Beschluss zu Hilfen gab es aber nicht, wie Teilnehmer berichteten. Die Bundesregierung hatte zwar eine entsprechende Vorlage vorbereitet, sie aber nicht beim Haushaltsausschuss eingereicht. Denn dafür habe sich keine Mehrheit abgezeichnet, hieß es.
Komplett ausgeschlossen ist die Staatshilfe damit zwar nicht. Der Haushaltsausschuss könnte die Unterstützung auch noch in den kommenden Wochen beschließen. In der Ampelkoalition halten es aber Befürworter wie Gegner der Hilfen für sehr unwahrscheinlich, dass sich noch eine Mehrheit organisieren lässt.
Lilium: Scholz und Habeck sind für Hilfen
Welche Folgen das Ausbleiben der Staatshilfe für Lilium haben wird, ist unklar. Ein Sprecher des Unternehmens wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Grundsätzlich ist denkbar, dass das Land Bayern allein einspringt und die eigene Bürgschaft ausbaut. Das hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aber am Donnerstag erst einmal verneint. Auch die bestehenden Investoren könnten Geld geben. Alternativ könnte die Führung von Lilium entscheiden, durch ein Insolvenzverfahren zu gehen.
Ende September hatte das Management in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC bereits auf eine mögliche Insolvenzgefahr hingewiesen, sollte die Staatshilfe aus Deutschland ausbleiben oder andere Maßnahmen scheitern, den kurzfristigen Minimalbedarf an Geld zu decken.
Zur Frage, an wem die möglichen Hilfen scheitern, gibt es unterschiedliche Angaben. Klar ist: Spitzen der Bundesregierung würden dem Start-up gerne Hilfen gewähren. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) sollen sich intern für eine Unterstützung von Lilium ausgesprochen haben, wie das Handelsblatt aus Koalitionskreisen erfuhr. Dabei wurde ein durch staatliche Bürgschaft abgesicherter KfW-Kredit favorisiert.
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In den Bundestagsfraktionen gab es allerdings von Anfang an Vorbehalte, vor allem bei den Grünen und zunächst auch bei der FDP. So hatte sich der zuständige FDP-Berichterstatter Frank Schäffler in der vergangenen Woche öffentlich gegen Hilfen ausgesprochen. „Die Bundeshaushaltsordnung machte eine Aufsetzung schwierig, weil Bürgschaften nur übernommen werden dürfen, wenn nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Inanspruchnahme des Bundes zu rechnen ist. Das ist hier der Fall“, sagte Schäffler am Donnerstag.
Dennoch hat die FDP den Widerstand aufgegeben. Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Christoph Meyer betonte, dass die Hilfe für Lilium nicht an den Liberalen gescheitert sei. „Die FDP wäre bereit gewesen, Lilium zu unterstützen“, sagte Meyer dem Handelsblatt.
„Nach der Prüfung und internen Beratungen über das Verhältnis von ordnungspolitischen Bedenken, finanziellem Aufwand und Innovationsförderung, konnte Lilium auf die FDP zählen“, ergänzte er. Die Partei bedaure, dass die Unterstützung für Lilium nicht möglich sei, „wegen des fehlenden Einvernehmens mit dem Bundeswirtschaftsministerium und einem der Koalitionspartner“.
Grüne fürchten Totalverlust
Die SPD stand Hilfen offen gegenüber. Bei den Grünen blieb die Skepsis groß. „Wir müssen sorgsam mit dem Geld der Steuerzahler umgehen“, hieß es dort. „Die finanziellen und technischen Risiken wären bei so einem Staatseinstieg riesig.“ Über den Kursschwenk bei den Liberalen ärgert man sich. Die Fachpolitiker der FDP hätten auch Bedenken und seien gegen Hilfen. „Die FDP ist aber auf Druck von Lindner opportunistisch umgefallen“, hieß es bei den Grünen.
Auch in Bayern war die Entscheidung nicht reibungslos über die Bühne gegangen, Lilium musste wochenlang auf die Zusage für Staatshilfen des Landes warten. Schließlich löste ein Machtwort von Ministerpräsident Söder die Blockade.
Bisher wird Lilium ausschließlich von privaten Investoren finanziert. Dazu gehören unter anderem Tencent, Atomico, LGT Bank, Baillie Gifford, Palantir und Honeywell. Zudem ist die Firma an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert. In Summe haben die Geldgeber seit der Gründung von Lilium Verluste in Höhe von 1,46 Milliarden Euro getragen.
Zwar hätten Investoren zugesagt, noch einmal 32 Millionen Euro nachzuschießen, schrieb das Management an die SEC. Das hänge aber an einem positiven Signal der Politik in Deutschland. Bleibe das aus, müssten Gegenmaßnahmen ergriffen werden – unter anderem die Nutzung von Instrumenten nach dem „Insolvenzrecht“.
Wie viel Zeit dem Unternehmen für eine Lösung des Finanzierungsproblems noch bleibt, geht aus der Mitteilung nicht exakt hervor. Man erwarte eine Entscheidung über die Hilfen in den nächsten paar Wochen, heißt es dort lediglich.
Auch Volocopter scheiterte mit dem Wunsch nach Staatshilfe
Auch die Führung des deutschen Rivalen Volocopter aus Bruchsal bei Karlsruhe hatte vor einigen Monaten eine mögliche Insolvenz ins Spiel gebracht. Das Flugtaxi-Start-up hatte in Baden-Württemberg, Bayern und beim Bund um Staatshilfen gebeten. Letztlich wurde eine Unterstützung abgelehnt, mittlerweile hat Volocopter nach eigenen Angaben eine alternative Finanzierung mit bestehenden Investoren vereinbart.
Lilium arbeitet wie weltweit mehreren Hundert Firmen seit Jahren an der Idee eines neuen, elektrisch betriebenen Flugvehikels. Üblicherweise werden diese Senkrechtstarter als Flugtaxis bezeichnet. Lilium-Mitgründer Daniel Wiegand denkt mittelfristig aber nicht an ein Taxi für nur wenige Passagiere. Er will das elektrische Fliegen generell ermöglichen.
Doch schon die Entwicklung des ersten Serienjets von Lilium für bis zu sieben Personen dauert viel länger als erwartet. Die große Verzögerung zeigt sich beim Blick in eine Analystenpräsentation vom 15. Juni 2021, also vor dem US-Börsengang von Lilium im September 2021.
Nach der dort vorgestellten mittelfristigen Planung wollte das Jungunternehmen in diesem Jahr bereits 90 Flugzeuge bauen, im kommenden Jahr dann 325. Der Mittelzufluss aus dem operativen Geschäft (operativer Cashflow) sollte sich im gleichen Zeitraum von minus 197 Millionen US-Dollar auf plus 39 Millionen Dollar verbessern.
Bisher ist Lilium aber nur mit einem Demonstrator in der Testphase, der bemannte Erstflug ist für Anfang kommenden Jahres geplant. Die Zulassung des Flugzeugs durch die Behörden wird noch einige Zeit dauern – damit auch eine Serienproduktion des Jets.
Gleichzeitig ist ein positiver Cashflow vorerst nicht in Sicht. Laut SEC-Mitteilung hat das Unternehmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres vielmehr 159 Millionen Euro verbraucht. Werden die Sachinvestitionen addiert, waren es sogar rund 190 Millionen Euro. Und die Zulassung sowie der Aufbau einer Fertigung wird noch viel Geld verschlingen. „Die Gruppe erwartet, auf absehbare Zeit weiterhin operative Verluste und einen negativen Cashflow zu generieren“, heißt es in dem SEC-Dokument.
Allerdings ist die Situation bei vielen internationalen Wettbewerbern von Lilium ähnlich. Auch dort dauert die Entwicklung der Senkrechtstarter deutlich länger als geplant. Auch dort gibt es immer wieder Rückschläge. Der Unterschied: Die jeweiligen Regierungen unterstützen die Luftfahrt-Pioniere – mit finanziellen Hilfen und Bestellungen.
So hat Joby Aviation aus den USA einen Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium über 131 Millionen Dollar abgeschlossen. Er sieht einen Technologietransfer und den Kauf von neun Flugzeugen für die US Air Force vor. Außerdem bekommt das Unternehmen finanzielle Unterstützung für den Bau einer Produktionsstätte in Ohio. Auf rund 600 Millionen Dollar bezifferte Lilium-Chef Roewe vor einiger Zeit diese Hilfen. Joby selbst beziffert die Summe der Staatshilfe im engeren Sinn dagegen auf 9,8 Millionen Dollar, teilte ein Sprecher des Unternehmens mit.
Am Dienstag gab zudem Eve Air Mobility, ein Flugtaxi-Start-up, hinter dem der brasilianische Flugzeughersteller Embraer steht, eine Finanzierungszusage der brasilianischen Entwicklungsbank bekannt. Die BNDES stellt 88 Millionen US-Dollar zur Verfügung, unter anderem für den Aufbau einer Fertigung.