Bilanzcheck: Die Telekom wagt eine teure Wette auf die Zukunft
Bei der Hauptversammlung des Dax-Konzerns kann der Telekom-Chef einen Rekordumsatz präsentieren.
Foto: ReutersDüsseldorf. Schon die ersten Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr brachten die Führungskräfte der Deutschen Telekom in Feierlaune. Mit rund 81 Milliarden Euro konnte der Konzern 2019 einen Rekordumsatz verbuchen. Der scheidende Chef der US-Tochter, John Legere, sang zum Abschied: „What a Wonderful World.“
Auch sonst kann Konzernchef Timotheus Höttges zum Abschluss des vergangenen Jahres starke Zahlen vorlegen. Nicht nur beim Umsatz, sondern auch beim Gewinn hat die Telekom deutlich zugelegt. Der Konzernüberschuss stieg um 79 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro.
Bei der Bekanntgabe der Zahlen sparte Höttges nicht an Superlativen. Er wertete das abgelaufene Jahr als das beste der Unternehmensgeschichte. „Das ist ein historischer Tag für die Deutsche Telekom“, sagte der Vorstandsvorsitzende.
Die Deutsche Telekom steht gut da. Diese Stärke will sie sich auch bei der virtuellen Hauptversammlung am 19. Juni bestätigten lassen. Konzernchef Höttges plant zudem, eine weitere Strategie für den wichtigen US-Markt darzulegen. Doch bei alldem Jubel braucht die Telekom-Spitze eine Antwort auf die zentralen Schwachstellen: Dazu zählen der steigende Schuldenstand und die schwierige Integration in den USA.
Nichts ist so wichtig für die Telekom wie die Zukunft ihres US-Geschäfts. Nach zwei Jahren teils schwieriger Verhandlungen ist es dem Team um CEO Höttges und Vorstand Thorsten Langheim gelungen, den Zusammenschluss mit dem US-Rivalen Sprint abzuschließen. Die Fusion wurde zum 1. April vollzogen und taucht dadurch noch nicht in der Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr auf.
Schon die Zahlen für 2019 machen deutlich, wie wichtig die USA für die Deutsche Telekom ist. Der Umsatz stieg dort um fast elf Prozent auf rund 40 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis rund zehn Prozent auf elf Milliarden Euro. Schon jetzt erwirtschaftet die Telekom mehr als die Hälfte ihres Umsatzes in Nordamerika.
Im Heimatmarkt Deutschland entwickelt sich das Geschäft solide. Der Umsatz stieg zwar nur moderat um weniger als ein Prozent, aber dafür konnte sich die Deutschlandtochter beim bereinigten operativen Ergebnis um 2,4 Prozent auf 8,7 Milliarden Euro verbessern. Auch die europäischen Landesgesellschaften meldeten stärkere Zahlen an den Konzern.
Der Umbau bei der Großkundentochter T-Systems läuft weiter. Zwar weist die Gesellschaft ein Plus beim bereinigten operativen Ergebnis um 17 Prozent aus. Aber mit 519 Millionen Euro bewegt sich der Profit auf einem niedrigen Niveau. Der Umsatz sackte leicht um 1,9 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro ab. Zumindest schaffte T-Systems einen um 8,2 Prozent gestiegenen Auftragseingang, was auf ein besseres Geschäft in der Zukunft hindeutet.
Zentrale Steuergröße verbessert
Besonders wichtig für die Telekom ist zudem die Kapitalrendite (ROCE) als zentrale Steuergröße. Sie zeigt, wie effizient der Konzern mit dem eingesetzten Kapital wirtschaftet. Grundlage dieser Kennziffer ist der operative Gewinn nach Steuern (Ebit verringert um den Steueraufwand). Dieser Wert ist zu teilen durch die Bilanzsumme (abzüglich nicht zinstragender Verbindlichkeiten und liquider Mittel).
Das Ziel der Telekom-Geschäftsführung ist es, dass die Kapitalrendite oberhalb der Kapitalkosten liegt. Die Telekom weist zwar den Wert für ROCE aus, nicht jedoch den der eigenen Kapitalkosten. Das Handelsblatt zog dazu die „gewichteten durchschnittlichen Kapitalkosten“ (kurz WACC) heran, die der Finanzdienstleister Bloomberg errechnete. Während im vergangenen Jahr die Kosten die Rendite überstiegen, konnte sich die Telekom im Geschäftsjahr 2019 verbessern. Mit einem ROCE von 5,1 überstieg die Kapitalrendite diesmal die Kapitalkosten.
Konzernchef Höttges hat die guten Zahlen zudem genutzt, um wichtige Investitionen in die Zukunft zu tätigen. Ohne Ausgaben für Mobilfunkfrequenzen gab die Telekom im vergangenen Jahr 13,1 Milliarden Euro aus - etwa für die Modernisierung ihrer Netze. Das ist ein Rekordwert.
Bei der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen in Deutschland bot die Telekom im Juni zwar rund 2,2 Milliarden Euro. Aber anders als bei vorangegangenen Versteigerungen darf die Firma ihre Zahlung an die Bundesregierung über rund ein Jahrzehnt strecken. Die finanzielle Belastung wird also über einen langen Zeitraum verteilt.
Trotz der guten Zahlen und langfristigen Investitionen muss CEO Höttges den Aktionären erklären, wie er einige Probleme lösen will. Die Hauptversammlung findet aufgrund des Ausbruchs der Corona-Pandemie erstmals virtuell und zudem drei Monate später als ursprünglich geplant statt.
Als die Telekom im vergangenen November ankündigte, die Dividende zu senken, gab es Proteste von Aktionären. Sie waren es seit Jahren gewöhnt, dass die Ausschüttung je Aktie jedes Jahr weiter nach oben kletterte. Statt 70 Cent im Vorjahr stellte Höttges für das Geschäftsjahr 2019 nur noch 60 Cent in Aussicht.
Nachdem aufgrund der Corona-Pandemie etliche Firmen kurzfristig ihre Dividenden senkten oder sogar ganz strichen, steht die Telekom verhältnismäßig gut da. Denn bei dem Vorschlag soll es bleiben. Stimmen die Anteilseigner am Freitag zu, wird der Konzern in diesem Jahr 2,8 Milliarden Euro ausschütten.
Schulden steigen auf Rekordwert
Die Zahlung trägt allerdings dazu bei, dass der Schuldenstand für die Telekom weiter steigt. Die Netto-Finanzverbindlichkeiten kletterten im Jahresvergleich um 37,2 Prozent auf 76 Milliarden Euro. In der Steigerung ist auch ein Sondereffekt aufgrund des neuen Rechnungslegungsstandards IFRS 16 enthalten, durch den Leasingverpflichtungen in Höhe von 15,6 Milliarden Euro bilanziell in den Schuldenstand einfließen.
Die Telekom weist einen Wert für ihre relative Verschuldung aus. Dabei setzt sie die Netto-Finanzverbindlichkeiten in das Verhältnis zum bereinigten operativen Ergebnis. Der Wert war mit 2,65 noch nie so schlecht wie im Jahr 2019, liegt aber gerade noch innerhalb des selbstgesteckten Korridors. Daraus errechnet sich, dass die Telekom bei gleichbleibender Ertragslage 2,65 Jahre bräuchte, um ihre Schulden zurückzubezahlen.
Ein weiteres ungelöstes Problem für Höttges ist die Integration in den USA. Mit der Übernahme des Rivalen Sprint reduziert sich die Zahl der Mobilfunkanbieter von vier auf drei. Die Telekom-Tochter T-Mobile US kann direkt die Branchenführer AT&T und Verizon herausfordern. Gleichzeitig räumte Finanzchef Christian Illek bei der Vorstellung der Quartalszahlen ein, dass doch nicht alle Daten über die Wirtschaftslage des zu integrierenden Unternehmens Sprint vorab vorhanden seien. „Erst in den nächsten Monaten werden wir herausfinden, welche Leichen Sprint im Keller hatte“, sagte ein Insider.
Die Telekom geht von Integrationskosten in Höhe von 15 Milliarden Dollar aus. Nach Abzug aller Kosten erwartet der Konzern jedoch Synergien von 43 Milliarden US-Dollar. Es ist die Aufgabe des neuen Chefs von T-Mobile US, Mike Sievert, sie zu heben.
In Deutschland ist der Konzern bislang weitgehend reibungslos durch den Ausbruch der Corona-Pandemie gekommen. „Die Telekom ist so etwas wie der Ackergaul, der den Pflug durchs Feld zieht“, sagte Höttges kürzlich im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Schwierigkeiten in den USA
In den USA ist die Situation hingegen ungewiss. Eine Integration von zwei Unternehmen in Zeiten einer globalen Pandemie mit temporären Kontaktbeschränkungen ist eine besondere Herausforderung. Gleichzeitig hat T-Mobile in den USA die Konkurrenz mit Kampfpreisen herausgefordert. Einige der Angebote der Telekom-Tochter richteten sich gerade an eine Kundschaft, die kein hohes Monatseinkommen hat.
Mehr als 40 Millionen Menschen in den USA hatten sich seit Ausbruch der Pandemie arbeitslos gemeldet. Mobilfunkunternehmen wurden aufgefordert, Anschlüsse von Kunden nicht zu kündigen, die ihre Rechnung nicht mehr bezahlen konnten. Finanzchef Illek räumte ein, dass noch nicht absehbar sei, wie stark der Konzern längerfristig von Zahlungsausfällen betroffen sein könnte.
Mit der Übernahme von Sprint hat sich die Telekom in den USA nicht nur bessere Chancen, sondern auch neue Schulden aufgebürdet. Zumindest scheint der Kapitalmarkt dem Konzern zuzutrauen, dass er die Integration gut meistern wird.
Wenige Tage nach der Übernahme wurde eine Anleihe im Wert von 19 Milliarden Dollar ausgegeben. „Die lange vorher zur Sicherheit verhandelte Brückenfinanzierung haben wir nicht gebraucht“, sagte Höttges. Der CEO hat alles in der Hand, die Telekom zu neuer Größe zu führen - wenn ihm die Integration in den USA gelingt.