Smart Buildings: Siemens übernimmt für mehr als 1,5 Milliarden Dollar Software-Spezialist Brightly
Siemens kauft mit dem Software-Dienstleister Brightly ein breites Angebot im digitalen Gebäudemanagement hinzu.
Foto: SiemensMünchen. Siemens baut sein Softwareportfolio mit einer Milliardenakquisition aus. Der Dax-Konzern übernimmt das US-Unternehmen Brightly, das auf Software für Betrieb und Wartung zum Beispiel von Gebäuden und Energieanlagen spezialisiert ist. „Mit der Übernahme werden wir unser Ziel, im Infrastrukturbereich ein führendes Softwareunternehmen zu werden, schneller erreichen“, sagte Siemens-Vorstand Matthias Rebellius.
Der Dax-Konzern hatte angekündigt, das Geschäft mit digitalen Lösungen und mit Software jährlich prozentual zweistellig steigern zu wollen. Laut Konzerninsidern sah man dabei insbesondere in der Sparte „Intelligente Infrastruktur“ (Smart Infrastructure/SI) Nachholbedarf, zu der die Gebäudetechnik zählt.
Die Akquisition Brightlys ist ein weiterer Schritt in die Richtung, Großkunden Software als Dienstleistung anzubieten, das sogenannte „Software as a Service“ (SaaS). Die US-Firma entwickelt cloudbasierte Programme für das Anlagen- und Wartungsmanagement zum Beispiel im Gesundheits- und Bildungsbereich. „Durch den nahtlosen Datenaustausch unserer Angebote dürfen unsere Kunden künftig eine höhere Effizienz, geringere Ausfallzeiten und Wartungskosten, kürzere Lebenszyklen, bessere datengestützte Entscheidungen sowie zufriedenere Nutzerinnen und Nutzer erwarten“, sagte Rebellius.
Brightly erwartet für 2022 einen Umsatz von etwa 180 Millionen Dollar. Das Unternehmen betreut rund 12.000 Kunden und hat 800 Mitarbeiter. Verkäufer ist der Private-Equity-Spezialist Clearlake Capital, der Brightly 2019 übernommen hatte. Siemens zahlt laut Mitteilung 1,575 Milliarden Dollar plus eine erfolgsabhängige Komponente.
Die Übernahme passt in die Strategie von Siemens-Chef Roland Busch: „Wir verbinden die reale mit der digitalen Welt.“ Busch will zwar den Softwareanteil stark ausbauen, aber an vernetzter Hardware festhalten. Die Kombination mache die Stärke von Siemens aus. Siemens ist bereits Weltmarktführer bei Industriesoftware. Um die Umsätze zu verstetigen, stellt der Konzern gerade auf das Mietmodell SaaS um. Der entscheidende Unterschied: Statt einmalig für eine Softwarelizenz zu zahlen, überweisen sie regelmäßig eine Gebühr für die Nutzung.
Diese Strategie ist in der Branche üblich. Doch taten sich selbst Größen wie SAP schwer mit der Umstellung. „So eine Transformation ist in der Tat eine große Herausforderung, daran haben sich andere verhoben“, sagte Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas dem Handelsblatt, als die Pläne verkündet wurden. „Wir haben großen Respekt davor.“
Siemens sieht sich führend in Gebäudesoftware
Bislang kommt die Umstellung laut Konzernkreisen gut voran. Im vergangenen Quartal ging zwar die Gewinnmarge in der Sparte Digitale Industrien auch wegen der Umstellung von 20,1 auf 18,1 Prozent zurück. Doch dieser Effekt war eingeplant.
Mit der Übernahme von Brightly holt sich Siemens nun einen ausgewiesenen SaaS-Spezialisten ins Haus. Die US-Firma hat bereits einen Großteil ihrer Umsätze mit dem Mietmodell verstetigt. Laut Siemens liegt der jährlich wiederkehrende Umsatz in diesem Jahr bei 160 Millionen Dollar.
Die Siemens-Sparte SI kommt nun nach eigener Einschätzung „in eine führende Position auf dem Softwaremarkt für Gebäude und bestehende Infrastruktur“. Man erwarte signifikante Synergien zwischen Brightly und dem eigenen Portfolio mit einem Nettobarwert in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe. Mit dem Abschluss der Übernahme wird noch in diesem Jahr gerechnet, die zuständigen Behörden müssen noch zustimmen.
Auch vor dem Hintergrund des Kampfes gegen den Klimawandel werde der Bedarf an vernetzten Anlagen und Echtzeitdaten im Gebäudesektor in den nächsten Jahren in der ganzen Welt steigen, sagte Brightly-CEO Kevin Kemmerer. „Wir haben die einmalige Gelegenheit, unser Know-how und unsere Software mit der Expertise von Siemens zu vereinen, um die Digitalisierung und Optimierung von Gebäuden voranzutreiben.“
Im vergangenen Geschäftsjahr 2020/21 (30. September) hatte Siemens den Umsatz in der Sparte Smart Infrastructure um vergleichbar acht Prozent auf 15 Milliarden Euro gesteigert. Die operative Umsatzrendite (angepasstes Ebita) lag bei 11,6 Prozent und damit deutlich niedriger als in den Digitalen Industrien (20,4 Prozent). Dies lag auch am niedrigeren Softwareanteil.
Mit dem Zukauf setzt CEO Busch auch die aktive Portfoliopolitik seiner Vorgänger fort. Zwar hat er betont, dass er nach der Abspaltung der margenschwachen Energietechnik den Konzern im Kern zusammenhalten will. Doch gab es auch unter seiner Führung eine Reihe von kleineren und mittleren Zu- und Verkäufen.
So verkaufte Siemens in diesem Jahr die Post- und Paketsortieranlagen für 1,15 Milliarden Euro an den Körber-Konzern. Die Anteile an einem Elektromotoren-Joint-Venture gingen an den französischen Partner Valeo.
Auf der anderen Seite übernahm der Konzern Digitalspezialisten. So kaufte Siemens im vergangenen Jahr für mehr als eine halbe Milliarde Euro die niederländische Bahn-IT-Plattform Sqills. Eine wichtige Rolle in Buschs Strategie spielt zudem der digitale Marktplatzspezialist Supplyframe, für den Siemens 700 Millionen Dollar zahlte.