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Gastkommentar Wir müssen mit der CO2-Entnahme beginnen

Um klimaneutral leben zu können, sollten wir bereits emittiertes Kohlendioxid mit intelligenten Methoden unschädlich machen, analysiert Forschungsministerin Anja Karliczek.
12.05.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Anja Karliczek ist Bundesforschungsministerin und CDU-Bundestagsabgeordnete. Quelle: imago images/Reiner Zensen
Die Autorin

Anja Karliczek ist Bundesforschungsministerin und CDU-Bundestagsabgeordnete.

(Foto: imago images/Reiner Zensen)

Das Bundeskabinett wird an diesem Mittwoch das Klimaschutzgesetz verabschieden – und das Bundesverfassungsgericht hat jüngst klargestellt, dass entschiedener Klimaschutz ein Gebot des Grundgesetzes ist. Wissenschaftler warnen: Je weiter wir die Reduzierung der Treibhausgasemissionen in die Zukunft verschieben, desto drastischer müssen die Klimaschutzmaßnahmen dann werden. Auch wenn es noch so unbequem sein mag, wir müssen hier auf die Wissenschaft hören.

Dabei sollten wir realistisch sein: Selbst mit grünem Wasserstoff als künftigem Energieträger und umfassenden Klimaschutz-Maßnahmen in allen anderen Gebieten werden wir es wohl nicht schaffen, die Emissionen auf null abzusenken.

Die CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre ist schon jetzt fast anderthalbmal so hoch wie vor der Industrialisierung und wird noch über Jahre weiter steigen. China beispielsweise strebt erst 2060 Klimaneutralität an. Und auch danach bleibt das bereits emittierte Kohlendioxid in der Atmosphäre und treibt den Klimawandel an.

Die Konsequenz: Wir müssen nicht nur Emissionen reduzieren, sondern auch lernen, massiv CO2 wieder aus der Atmosphäre rauszuholen. Alle wissenschaftlichen Berechnungen zeigen, dass wir nur so das Pariser Klimaziel von deutlich unter zwei Grad noch erreichen können.

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    Wenn wir bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral leben und wirtschaften wollen, müssen wir es schaffen, dass Methoden und Ansätze für die CO2-Entnahme dann voll einsatzfähig sind.

    Dafür sollten wir spätestens im nächsten Jahrzehnt mit der Entnahme beginnen. Das erfordert bereits heute ausreichend Forschung und Entwicklung. Wir müssen jetzt in diese Forschung investieren. Deshalb ist es folgerichtig, wenn wir diesen Ansatz nun auch in die Neufassung des Klimaschutzgesetzes aufnehmen.

    Die Europäische Union geht ebenfalls davon aus, dass CO2-Entnahmemethoden zum Erreichen des europäischen Klimaziels 2050 erforderlich sind. Auch die vom Weltklimarat IPCC aufgezeigten wissenschaftlichen Modellszenarien beinhalten den Einsatz dieser Methoden des Carbon Dioxide Removal, kurz CDR, in größerem Maßstab.

    Die Szenarien sehen vor, dass vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehrere Hundert Gigatonnen CO2 der Atmosphäre entnommen werden müssen – das ist ein Vielfaches der aktuellen globalen Jahresemissionen. Die Kohlendioxidentnahme ist ein hochkomplexes Vorhaben. Niemand kann drastische Maßnahmen wie etwa Eingriffe in den Strahlungshaushalt der Sonne wollen. Solche Interventionen sind nicht steuerbar und stoßen in der Öffentlichkeit zu Recht auf heftige Ablehnung.

    Auch die CDR-Ansätze sind nicht unumstritten. Einige Klimaaktivisten lehnen sie ab. Denen sage ich aber: Dann werden Sie Ihrer Forderung untreu, dass die Wissenschaft den Weg zum Klimaschutz weisen soll! Angesichts der dramatischen Folgen des Klimawandels sollten wir alle Scheuklappen ablegen. Wir brauchen neben der Forschung auch eine Debatte ohne Tabus.

    Dabei ist klar: CDR kann kein Ersatz für das weitere Absenken der Emissionen sein. Das müssen wir auch rechtlich eindeutig so regeln. Das neue Klimaschutzgesetz spricht hier mit seinen angehobenen Klimaschutzzielen eine klare Sprache.

    Es gibt bereits verschiedene Ansätze für eine CO2-Entnahme. Dazu zählt etwa die CO2-Aufnahme aus der Atmosphäre in natürliche Senken wie Böden, Moore, Wälder und Ozeane.

    Dabei können landwirtschaftliche Techniken und umfassende Wiedervernässung von Mooren die CO2-Bindung in Böden optimieren. Vielversprechend ist auch die Herstellung von Biokohle, die dann in die Böden gebracht wird. So können zusätzliche Mengen CO2 gebunden werden.

    Auch die Meere bieten Möglichkeiten

    Gleichzeitig verbessert dieser Ansatz die Aufnahmefähigkeit von Nährstoffen und Wasser im Boden. Auch die Meere bieten Möglichkeiten. So kann die Aufnahme von CO2 erhöht werden, indem man das Algenwachstum anregt – durch das Hochpumpen nährstoffreicher Tiefenwässer oder den Eintrag von Mineralien. Dabei müssen ökologische und technische Ansätze selbstverständlich zusammenspielen.

    Weitere technologische Ansätze sollten hinzukommen. BECCS (Bio Energy and Carbon Capture and Storage) etwa bedeutet den massenhaften Anbau von Biomasse. Die wird zur Energiegewinnung genutzt, das dabei entstehende CO2 aber aufgefangen und in tiefen Erdschichten eingelagert. Bei DACCS (Direct Air Capture and Storage) wird hingegen die Luft durch gigantische Sauganlagen geleitet, das CO2 herausgefiltert und anschließend ebenfalls eingelagert.

    Zu erforschen wäre auch die Alternative, das abgefangene CO2 in feste Stoffe umzuwandeln, die sich dann einfacher speichern lassen oder sogar in der Baubranche verwendet werden könnten. All diese Ansätze sind noch nicht ausreichend erforscht. Und natürlich: Bei jeder CDR-Lösung müssen rechtliche, ethische und regulatorische Anforderungen sowie mögliche ökologische Folgewirkungen eines breiten Einsatzes miteinbezogen werden.

    Doch immerhin: Erste Schritte in die richtige Richtung gibt es auch bei uns schon. Mein Haus hat bereits zwei große Forschungsinitiativen mit einem Volumen von rund 50 Millionen Euro angestoßen. Zunächst soll die Wissenschaft eine erste Zwischenbilanz der verschiedenen Ansätze ziehen. Ziel ist eine Analyse, ob und wie die bislang bekannten CDR-Methoden und -Praktiken tatsächlich einen Beitrag zur Klimaneutralität leisten können und was dies für das Regierungshandeln bedeuten könnte.

    Erste Pilotprojekte gibt es schon

    Spannend wird es sein, welche der Methoden die größte Hebelwirkung haben und gleichzeitig umweltschonend umsetzbar sind. Die Forschungsmission „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“ geht bereits weiter und analysiert das Potenzial des Ozeans für die Aufnahme und Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre. Das kann aber nur ein Anfang sein. Für die vor uns liegenden Entscheidungen benötigen wir eine breitere wissenschaftliche Basis.

    Auch in anderen Ländern spielt das Thema eine große Rolle. Der US-Kongress etwa hat im vergangenen Jahr für die nächsten vier Jahre 450 Millionen US-Dollar für Forschung zur CO2-Entnahme bewilligt.

    Erste Pilotprojekte zur direkten Abtrennung von CO2 sind schon gestartet, kleinere Anlagen laufen sogar im kommerziellen Betrieb. Die weltweit größte steht im Schweizer Kanton Zürich mit einer Kapazität von 900 Tonnen CO2 pro Jahr. Das ist immerhin ein Anfang.

    Doch bisher verhindern der hohe Energiebedarf und die damit verbundenen immensen Kosten für die Abtrennung des CO2 die Verbreitung der Technologie.

    Die Verfügbarkeit günstiger grüner Energie ist also ein wesentlicher Faktor, wenn die Technologie Fuß fassen soll. Die Schweizer Anlage nutzt beispielsweise die Abwärme einer örtlichen Müllverbrennungsanlage. Und in einer Anlage in Island wird DACCS in Kombination mit Geothermie erforscht. Schätzungen zufolge könnte der weltweite Markt für solche Technologien bis zum Jahr 2050 1,5 Billionen US-Dollar groß sein.

    Investitionen in Forschung und Entwicklung lohnten sich also gleich doppelt: Sie dienen nicht nur dem Klimaschutz, sondern erweitern auch die Klimaschutztechnologien made in Germany um ein zentrales Zukunftssegment.

    Die Autorin: Anja Karliczek ist Bundesforschungsministerin und CDU-Bundestagsabgeordnete.

    Mehr: Klimaschutz-Wünsche sind noch keine Klimaschutz-Strategie.

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