Konkurrenz für Lime, Tier und Voi: Ford-Tochter Spin heizt den E-Scooter-Markt in Deutschland an
Die Ford-Tochter stellt im Frühling die ersten Roller in Köln auf.
Foto: obsDüsseldorf. Wer mit Euwyn Poon spricht, dürfte sich fragen, ob der 35-Jährige aus San Francisco verrückt ist oder mutig. Poon hat einen waghalsigen Plan. Der Gründer des E-Scooter-Verleihers Spin will nach Europa kommen.
Am Donnerstag hat das 2018 vom Autobauer Ford übernommene Start-up seine Europa-Expansion bekanntgegeben. Im Frühling wird Spin, das bislang nur in den USA aktiv ist, seine E-Scooter auch in Großbritannien, Frankreich und Deutschland aufstellen. Als erste Stadt hat sich Poon Köln ausgesucht.
Eigentlich hat er so ziemlich den schlechtesten Zeitpunkt ausgewählt, um in den deutschen E-Scooter-Markt einzusteigen. Mit Lime, Bird, Tier, Uber und Voi kämpfen bereits fünf Anbieter um Kunden in deutschen Städten. Bis vor kurzem waren es mit Circ sogar noch sechs. Ende Januar wurde das Start-up von Seriengründer Lukasz Gadowski durch den US-Anbieter Bird übernommen.
Experten waren davon ausgegangen, dass der Branche mit der Übernahme eine Konsolidierung bevorstehe. Daher überrascht der Einstieg eines neuen Anbieters. „Im Shared-Mobility-Bereich gibt es einige Vorreiter wie Uber und Lyft, danach sind viele neue Player dazugekommen“, sagt etwa der BCG-Partner und Mobilitätsexperte Nikolaus Lang. „Das große Angebot erschöpft sich, deswegen wird eine Konsolidierung kommen.“
Spin-Gründer Euwyn scheint da anderer Meinung zu sein. „Das Problem vieler E-Scooter-Start-ups sind deren kurzfristigen Wachstumspläne“, sagt Poon im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Spin ist vielmehr daran interessiert in diejenigen Städte zu investieren, die auch an langfristigen Lösungen interessiert sind.“
Nach Köln will er das Spin-Angebot zeitnah in weiteren deutschen Städten ausrollen – und könnte damit den Verdrängungswettbewerb auf Deutschlands Straßen anheizen.
Die Start-ups versprachen, dass der E-Scooter das Auto im städtischen Verkehr ersetzen können. Kein Jahr später sieht die Realität anders aus: In keiner Stadt ist die Zahl der Autos gesunken, stattdessen sind nun Tausende von E-Scootern dazugekommen. Friedemann Brockemeyer von der Verkehrsberatungsfirma Civity ist sich sicher: „Die Roller leisten keinen Beitrag zur Verkehrswende.“
Laut dem Marktforschungsunternehmen Macrom, das sowohl den privaten als auch den gewerblichen E-Scooter-Markt in Deutschland untersucht hat, wurden seit Inkrafttreten der Verordnung fast 160.000 E-Scooter allein von den Sharing-Anbietern auf die Straße gebracht. Darin enthalten sind auch Roller, die wegen Defekten und Vandalismus bereits verschrottet werden mussten.
Fraglich ist auch, ob hinter dem Verleihen von E-Scootern überhaupt ein funktionierendes Geschäftsmodell steckt. Zwar behaupten viele Betreiber, profitabel zu arbeiten. Doch weder Tier, Voi, Bird noch Lime rücken Zahlen heraus. Hintergrundrecherchen ergeben ein Bild von einem Markt, der wirtschaftlich mindestens schwierig und auf jeden Fall hart umkämpft ist.
E-Scooter-Betreiber müssen Betriebskosten senken
Erfolg und Misserfolg des Konzepts hängen vor allem davon ab, wie oft und wie lange die E-Scooter pro Tag im Einsatz sind. Auch hierzu wollen die meisten Anbieter keine Angaben machen. Ein Verleiher sagt nur, dass zehn Ausleihen pro Tag das absolute Maximum an einem guten Sommertag in einer großen Stadt seien. Laut einer Analyse von Civity aus dem Sommer 2019 wurden die Roller je nach Stadt im Durchschnitt zwischen 1,5 und fünf Mal täglich ausgeliehen.
Im Durchschnitt legen die Kunden mit den E-Rollern laut Anbietern etwa zwei Kilometer zurück. Bei 20 Kilometer pro Stunde Maximalgeschwindigkeit plus Wartezeit an Ampeln ergibt sich daraus eine ungefähre Fahrtzeit von zehn Minuten. Wer einen E-Scooter leihen will, muss zunächst eine Leihgebühr von einem Euro bezahlen, danach kostet jede Minute 15 Cent. Mit einer Fahrt erzielt der Betreiber demnach einen Umsatz von 2,50 Euro.
Bei fünf Fahrten am Tag generiert ein E-Scooter pro Tag Einnahmen in Höhe von etwa 12,50 Euro – im Winter dürfte der Betrag noch geringer ausfallen. Einige Unternehmen wie Bird sammeln ihre Roller deswegen im Winter komplett ein. „Am kommenden Wochenende sollen die ersten Scooter wieder auf die Straßen kommen“, sagt Patrick Studener, Europa-Chef von Bird.
Von diesen Einnahmen muss sich der Betreiber finanzieren können. Dabei müssen sie mit hohen Betriebskosten für Neuanschaffungen und dem Einsammeln und Laden der E-Scooter rechnen. „Der große Hebel sind die Betriebskosten“, sagt Friedemann Brockmeyer von Civity.
Die Anbieter sind deshalb auf der Suche nach der besten Lösung. Lime arbeitet seit langem mit selbstständigen „Juicern“, die für das Aufladen eines Rollers durchschnittlich vier Euro bekommen. Jetzt baut der Verleiher diese Struktur um und kündigt vielen der Auflader mit dem Verweis, man wolle künftig lieber mit GmbHs zusammenarbeiten, wie aus internen Schreiben hervorgeht.
Friedemann Brockmeyer zieht den Schluss: „Mit dem derzeitigen Modell können die Anbieter gar keine Gewinne machen“.
Dennoch pumpen Investoren riesige Beträge in den Markt. Zuletzt hatte Tier seine zweite große Wachstumskapitalrunde von 60 auf über 100 Millionen Dollar erhöht. Voi hat in seiner Serie-B-Finanzierung 85 Millionen Dollar eingesammelt. Die Konkurrenten aus den USA sind bereits weiter. Lime hat für seine Expansion insgesamt 765 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt. In der letzten Finanzierungsrunde Anfang Februar 2019 flossen rund 310 Millionen Dollar in das Start-up. Bird wiederum hat mit der Übernahme von Circ seine letzte Finanzierungsrunde um 75 auf 350 Millionen Dollar erhöht. Insgesamt hat Bird in sechs Finanzierungsrunde 623 Millionen Dollar eingesammelt.
Spin glaubt auch hier einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu haben. „Der Vorteil mit Ford als Eigner ist, dass wir nicht mehr auf Finanzierungen von Investoren angewiesen sind, die den Wert eines Unternehmens durch die Anzahl der Städte oder Nutzer bestimmt“, sagt Poon. Spins Unabhängigkeit von Investorengeldern würde dabei helfen mit den Städten eng und langfristig kooperieren zu können.
Allerdings ist die Rolle der Städte umstritten. „In Europa müssen die Städte eine aktivere Rolle spielen. Sie müssen das kommunale Verkehrsangebot besser mit den neuen Mobilitätsplattformen verzahnen“, sagt Mobilitätsexperte Lang. „Die Städte sollten einen regulatorischen Einfluss ausüben, um die Anbieteranzahl von Car- und Ridesharer sowie von E-Scooter-Anbietern zu begrenzen.“
Die Kommunen weisen allerdings darauf hin, dass sie rechtlich kaum Spielraum haben, die E-Scooter zu regulieren. „Das Bereitstellen der Roller ist nicht genehmigungspflichtig“, sagt Jan Thomsen von der Berliner Senatsverwaltung. Zu den rechtlichen Möglichkeiten der Städte sagt er: „Wir haben kein scharfes Schwert.“ Was bleibt, ist eine freiwillige Kooperation.
Spin wird zunächst in Köln einsteigen und hat die Stadt vorher darüber informiert. Eine Erlaubnis braucht das Unternehmen nicht. „Die Anbieter arbeiten freiwillig mit uns zusammen“, sagt Christian Leitow vom Amt für Verkehrsentwicklung der Stadt Köln „auch deshalb, weil sie sonst einen Imageschaden fürchten müssten“.
Statt den schlechten Ruf als Druckmittel einsetzen zu müssen, hätten sich viele Städte bessere rechtliche Möglichkeiten vom Bund gewünscht. „Wir prüfen derzeit, was wir noch unternehmen können“, sagt Jan Thomsen von der Berliner Verwaltung.
Kommunen beobachten Anbieter
Die Kommunen wollen abwarten, wie sich der Markt entwickelt. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Anbieter gegenseitig übernehmen werden. Denn: Ihre Angebote unterscheiden sich kaum voneinander. Die E-Scooter sind fast baugleich und die Preise beinah identisch. Es gibt weder ein technisches noch ein wirtschaftliches Merkmal, durch das sich ein Anbieter hervorheben könnte. Daraus ergibt sich letztlich eine Materialschlacht.
Die E-Scooter-Verleiher versuchen sich gegenseitig den Markt und Investorengelder streitig zu machen. Es gewinnt derjenige E-Scooter-Verleiher, der seine Betriebskosten auf ein Minimum senkt und gleichzeitig das größte Angebot hat – unabhängig von der Höhe der Nachfrage.
Das schreckt Spin-Gründer Poon nicht ab. Sein Selbstbewusstsein hat auch mit dem Einstieg von Ford zu tun. Seitdem der Autobauer die Finanzierung des E-Scooter-Start-ups sicherstellt, zählt Spin zu den am schnellsten wachsenden E-Scooter-Anbietern in den USA. Die Mitarbeiterzahl ist im vergangenen Jahr rasant gestiegen: von 24 auf 600.
Spin ist nicht nur der einzige E-Scooter-Anbieter mit einem Autobauer als Investor im Rücken. Das Start-up stellt in Städten auch Spin Hubs auf, also einfach zugängliche Ladestationen für E-Scooter von Spin. Die Kunden haben die Wahl. Sie können die E-Scooter entweder irgendwo abstellen oder an den Hubs, wo sie geladen werden.
Der Vorteil: Die E-Scooter müssen seltener von Mitarbeitern zum Laden eingesammelt werden, wodurch die Betriebskosten gesenkt werden können.
Langfristig werden sich wohl nur wenige Anbieter halten können. Die Unternehmen, die am Ende übrigbleiben, werden die Preise erhöhen müssen. „Das wird sich nur in touristischen Städten rechnen“, sagt Friedemann Brockmeyer. Ein anderes Modell ist, dass die Kommunen sich mit einem der Anbieter zusammentun, etwa für eine öffentlich-private Partnerschaft. Momentan schauen die aber noch genüsslich zu bei der Materialschlacht um den Verkehr der Zukunft.
Mehr: Berater der Boston Consulting Group sehen die Kommunen bei der urbanen Mobilität in der Pflicht. Denn die Lage in Deutschland unterscheide sich von der in Ländern wie den USA.