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EnergiesparenWas bringen Tempolimit oder autofreie Tage wirklich?

Ein Weg in die Unabhängigkeit oder bloße Symbolpolitik? Das Thema Spritsparen entzweit die Bundesregierung. Was aktuelle Berechnungen sagen – und was die Geschichte.Tobias Gürtler 16.04.2022 - 10:50 Uhr Artikel anhören

Beim Thema Energiesparen geht es in Zeiten des Ukrainekriegs nicht mehr nur um den Klimaschutz.

Foto: dpa

Düsseldorf. „Ein generelles Tempolimit wird es nicht geben.“ So klipp und klar steht es im Koalitionsvertrag. Der Satz, der auf Drängen der FDP dort gelandet ist, könnte für die Bundesregierung nun zur Zerreißprobe werden.

Denn: Was während der Koalitionsverhandlungen im letzten Jahr noch ein annehmbares Zugeständnis der Grünen an die Liberalen war, ist das jetzt offenbar nicht mehr. Auch weil es beim Thema Energiesparen jetzt nicht mehr nur um den Klimaschutz geht, sondern auch darum, „Putin zu ärgern“, wie Wirtschaftsminister Robert Habeck sagt.

Entgegen des Koalitionsvertrags drängen die Grünen deshalb inzwischen auf eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen. Auch autofreie Sonntage sind als Energiesparmaßnahme im Gespräch.

Bundesfinanzminister und FDP-Chef Christian Lindner dagegen tritt vehement gegen die Spritsparvorschläge ein: „Der Einfluss auf das Klima wäre marginal“, sagte er am Freitag zum Tempolimit. Es handle sich um eine „symbolhafte Debatte“, die „uns nicht weiterbringt“. Wer also liegt richtig? Was würde ein Tempolimit wirklich bringen? Und wären autofreie Tage tatsächlich bloße Symbolpolitik?

Was sich vorneweg sagen lässt: Um Putin in die Knie zu zwingen, taugen ein Tempolimit und leere Straßen an ausgewählten Tagen kaum. „Natürlich sind das keine Maßnahmen, die die Unabhängigkeit von Russland komplett herstellen können“, sagt Philipp Klöckner, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Umweltbundesamt.

Mit Blick auf den gesamten Ölverbrauch in Deutschland seien die Einsparungen durch derlei Maßnahmen eher gering. Aber: Ein Tempolimit sei eine Möglichkeit, „jetzt sofort zu agieren und mit einer schnellen und einfachen Maßnahme die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren“. Und: „Alle Register, die wir ziehen können, sollten wir nutzen.“

Bei Tempo 100 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Außerortsstraßen ließen sich rund 2,1 Milliarden Liter fossile Kraftstoffe pro Jahr einsparen, rechnet Klöckner auf Basis der Mobilitätsdaten von 2020 vor.

Das entspräche rund 3,8 Prozent des jährlichen Gesamtverbrauchs fossiler Kraftstoffe in Deutschland. Bereits miteinberechnet ist dabei, dass sich nicht alle Autofahrer an die vorgegebenen Begrenzungen halten würden. „Das Einsparpotenzial wäre auf jeden Fall größer, wenn die Befolgung des Tempolimits strenger überwacht würde“, sagt Klöckner.

Auch ohne eine zusätzliche Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf Bundesstraßen ergäbe sich bei einem Tempolimit von 100 km/h demnach eine jährliche Einsparung von rund 1,7 Milliarden Litern an fossilen Kraftstoffen, etwa 3,4 Prozent des gesamten jährlichen Kraftstoffabsatzes. Bei einem Tempolimit von 130 km/h würde sich der Einsparungseffekt mehr als dritteln: Nurmehr 596 Millionen Liter an Einsparung blieben dann übrig (siehe Grafik).

Dass die Kraftstoffeinsparungen bei einem Tempolimit von 100 km/h derart deutlich ansteigen, liege auch daran, dass auf Teilen der deutschen Autobahnen schon jetzt ein Tempolimit von 120 km/h gelte. „Auf diesen Strecken ließe sich dann mit einem Tempolimit von 130 km/h auch nichts mehr einsparen“, erläutert Benjamin Stephan von Greenpeace.

Die Umweltorganisation kommt in einer im März veröffentlichten Studie zu ähnlichen, wenn auch insgesamt etwas höheren Einsparungsergebnissen als das Umweltbundesamt. Demnach ließen sich bei Tempo 100 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Außerortsstraßen sogar rund 2,4 Milliarden Liter fossile Kraftstoffe pro Jahr einsparen.

Die etwas höhere Zahl im Vergleich zu den Berechnungen des Umweltbundesamts hängt damit zusammen, dass Greenpeace mit Verbrauchs- und Mobilitätswerten von 2018 rechnet, während das Umweltbundesamt sich auf die aktuelleren Werte aus 2020 bezieht. „Da sind die Einsparmöglichkeiten ein bisschen geringer – einfach, weil bedingt durch Corona weniger gefahren wurde“, sagt Philipp Klöckner vom Umweltbundesamt.

Und wie sieht es mit autofreien Sonntagen aus? Auch hierfür hat Greenpeace Berechnungen angestellt, ebenfalls auf Basis der Mobilitätsdaten von 2018. Ausgegangen sei man dabei von einem Rückgang des Verkehrs an autofreien Tagen um 80 Prozent, sagt Benjamin Stephan.

Man habe nicht angenommen, dass an autofreien Tagen überhaupt kein Weg mehr im Auto zurückgelegt wird, sondern „sich ein bisschen etwas auf andere Wochentage verlagert und in besonderen Situationen trotzdem Fahrten erfolgen“.

Das Ergebnis: Blieben Deutschlands Straßen an jedem Sonntag weitgehend leer, ergäbe sich auf das Gesamtjahr hochgerechnet eine Kraftstoffeinsparung von 2,9 Milliarden Liter – 5,6 Prozent des jährlichen Kraftstoffabsatzes in Deutschland. Bei zwei autofreien Sonntagen pro Monat ließen sich immerhin noch 2,6 Prozent des Kraftstoffverbrauchs einsparen (siehe Grafik).

Stephans Fazit: „Das Tempolimit ist in Deutschland mit Abstand die stärkste Sofortmaßnahme. Und auch ein autofreier Sonntag ist viel mehr als ein Symbol.“ Die Haltung der FDP findet der Greenpeace-Vertreter vor diesem Hintergrund „völlig unverständlich“. Umso mehr, „wenn wir einen Blick zurück in die Geschichte werfen“.

Er bezieht sich damit auf die Ölpreiskrise in den 1970er-Jahren. Damals, im Oktober 1973, hatte eine Regierungskoalition aus SPD und FDP temporär autofreie Sonntage und ein Tempolimit von 100 km/h beschlossen – ohne großen Widerstand aus der Bevölkerung. Das Ergebnis: „eine beachtliche rückläufige Tendenz“ beim Benzinabsatz, heiß es damals auf schriftliche Nachfrage aus dem Bundestag.

Am 21. Februar 1974, kurz nach Beendigung der temporären Maßnahmen, führte das Bundeswirtschaftsministerium konkreter aus: „Während der Benzinabsatz 1973 verglichen mit dem Vorjahr insgesamt um 1,9 Prozent anstieg, ging er im November 1973 um 0,3 und im Dezember 1973 um 10,9 Prozent im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat zurück.“

Wie groß dabei der Anteil der Geschwindigkeitsbegrenzungen und der der Fahrverbote gewesen sei, sei nicht erhoben worden. „Schätzungen der Mineralölwirtschaft“ gingen jedoch davon aus, „dass beide Maßnahmen etwa je zur Hälfte die Einsparung getragen haben“.

Henning Türk ist Historiker am Leibniz-Institut für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat sich intensiv mit der Energiepolitik der 1970er-Jahre beschäftigt. Er kann beide gegenwärtigen Sichtweisen auf Tempolimits und autofreie Tage verstehen – sowohl die der FDP als auch die der Grünen.

„Ich denke nicht, dass ein Tempolimit oder autofreie Sonntage im Hinblick auf Putin jetzt eine entscheidende Wirkung entfalten würden“, sagt er. „Da ist es wichtiger, stärker zu diversifizieren, Öl eben aus anderen Ländern zu beziehen.“

Er glaube allerdings, sagt Türk weiter, „dass diese Maßnahmen unter Klimaschutzperspektiven durchaus eine Wirkung haben könnten. Aus dieser Sichtweise wäre ein Tempolimit jetzt ein wichtiger Schritt – und weniger, um Putin unter Druck zu setzen.“

In Folge der Ölpreiskrise gründeten die westlichen Industrieländer 1974 unter anderem die Internationale Energieagentur (IEA), als Kontrollorgan für den gemeinschaftlichen Weg in die Unabhängigkeit von den Ölstaaten. Und die pocht seit ihrem ersten veröffentlichten Report vor rund einem halben Jahrhundert darauf, in Deutschland ein generelles Tempolimit einzuführen, um Öl und Energie einzusparen.

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Bislang hätten es verschiedene Bundesregierungen geschafft, diese Empfehlung zu ignorieren, sagt Historiker Türk. „Jetzt – inmitten des Ukrainekriegs – könnte ein günstiger Zeitpunkt sein, um ihr endlich Folge zu leisten.“

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