Gas aus Russland: Nord Stream macht ernst
Ende 2019 sollen neben den bisherigen zwei Strängen, die Gas aus Sibirien über 1200 Kilometer Entfernung nach Greifswald transportieren, zwei weitere liegen.
Foto: dpaDüsseldorf, Wien. Wer es mit seinen Bürgerrechten ernst meint, muss viel Zeit mitbringen. Er kann zum Ausbau von Nord Stream zehn Ordner durchwälzen und 6.000 Seiten lesen. Er findet dort technische Erläuterungen, Umweltverträglichkeitsstudien, Beiträge zu Landschaftspflege, Arten- und Meeresschutz.
Die Betreibergesellschaft der Ostseepipeline macht beim geplanten Ausbau der Kapazitäten ernst und startet den Genehmigungsprozess in Deutschland. Ab Dienstag nach Ostern liegen in zahlreichen Behörden und Ämtern in Mecklenburg-Vorpommern die Antragsunterlagen zur öffentlichen Einsicht aus. Parallel bemüht sich Nord Stream, das federführend von der russischen Gazprom betrieben wird, in Schweden, Dänemark, Finnland und Russland um die Genehmigung.
Ende 2017 soll die Genehmigung in Deutschland vorliegen. Mitte 2018 soll der Weg komplett frei sein und die Verlegung im Wasser beginnen. Ende 2019 soll schon das erste Gas fließen. Dann sollen neben den bisherigen zwei Strängen, die Gas aus Sibirien über 1200 Kilometer Entfernung nach Greifswald transportieren, zwei weitere liegen. Die Kapazität würde sich um noch einmal 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verdoppeln. Durch Nord Stream 2 könnte genug Gas fließen, um 26 Millionen Haushalte in Westeuropa zu versorgen.
Nord Stream ist jedenfalls zuversichtlich, die Genehmigungen zu erhalten. Schließlich geht es vor allem um Umweltaspekte, und die neuen Stränge werden weitgehend entlang der ersten, bereits genehmigten Route verlegt. „Unsere Planungen basieren auf den umfangreichen Erfahrungen und aussagekräftigen Monitoring-Ergebnissen, die beim Nord-Stream-Projekt gesammelt wurden“, betont Jens Lange, der bei der Betreibergesellschaft für die Genehmigungen in Deutschland zuständig ist.
Wichtiger ist aber eine andere Frage: Benötigt Europa die neue Leitung überhaupt? Oder versucht Russland nicht nur den Transit durch Osteuropa zu umgehen? Das Projekt ist sowohl politisch als auch wirtschaftlich umstritten.
Nord Stream hat deshalb eine Studie beim Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos erarbeiten lassen, die dem Handelsblatt vorliegt. Fazit: Die Europäische Union und die Schweiz sind auf zusätzliche Gasimporte angewiesen – und die könnten über Nord Stream 2 kommen.
Unstrittig ist in der Branche, dass die Erdgas-Produktion in Europa abnimmt. Schon in den vergangenen Jahren ist die Förderung in der Nordsee deutlich gesunken. Bis 2025 wird die Produktion der Prognos-Studie zufolge gegenüber 2015 um 41 Milliarden Kubikmeter abnehmen. Der Importbedarf der Europäischen Union und der Schweiz wird entsprechend von 340 Milliarden Kubikmeter bis 2025 auf 381 Milliarden Kubikmeter steigen.
Schon bis 2020 würden zwanzig Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich gebraucht. Weil auch Algerien und Norwegen weniger liefern könnten, müssten zusätzliche Mengen entweder als Flüssigerdgas (LNG) aus Nahost beschafft oder aus Russland bezogen werden. Bis 2020 müsse der Import aus Russland oder per LNG um 32 Milliarden auf 200 Milliarden Kubikmeter steigen und bis 2025 sogar um 76 Milliarden auf 244 Milliarden Kubikmeter, heißt es in der Studie. Zusätzlich dürfte der Bedarf noch um 16 Milliarden Kubikmeter steigen, wenn die Ukraine wegen der anhaltenden Spannungen mit Russland Gas nicht direkt aus dem Nachbarland bezieht, sondern über Umwege aus dem Westen – wie es das Land zuletzt schon gemacht hat.
Prognos hat keine Entscheidung vorgenommen, wie sich die zusätzlichen Importe auf LNG und russisches Gas verteilen. Bei den aktuellen Preisen dürfte das per Pipeline angelieferte Gas aber der teuren Verflüssigung und Verschiffung deutlich überlegen sein.
Laszlo Varro, Chefökonom der Internationalen Energie-Agentur (IEA), hält Nord Stream 2 dagegen schlichtweg für überflüssig. „Die existierende Infrastruktur, die Europa mit Russland verbindet, reicht leicht aus, das benötigte russische Gas nach Europa zu liefern“, sagte Varro dem Handelsblatt. Der aus Ungarn stammende Branchenexperte war früher Manager des Öl- und Gaskonzerns MOL in Budapest.
Risikofaktoren in Europa
Varro sieht keine wichtigen Argumente, um Nord Stream 2 als Schlüsselprojekt für die europäische Energiesicherheit zu verwirklichen. „Europa muss strategisch entscheiden: Wollen wir verstärkte Anstrengungen zu mehr Energieeffizienz machen oder Milliarden von Euro in eine Infrastruktur für fossile Energieträger stecken?“, fordert der Energieexperte, der um eine klare Position nicht verlegen ist. „Wenn die europäischen Staaten die Maßnahmen implementieren, die sie mit ihrer Unterschrift des Weltklimavertrags in Paris versprochen haben, dann werden die Gasimporte aus Russland nicht zunehmen.“
Laut der Prognos-Studie könnte der Importbedarf Europas und der Schweiz tatsächlich geringer ausfallen, wenn der Gasverbrauch abnimmt. Der Importbedarf könnte durch den verstärkten Einsatz von Erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz sinken. Allerdings misst Prognos diesem Effekt erst für die Zeit nach 2025 eine größere Bedeutung bei.
Andererseits gibt es den Marktforschern zufolge auch Risikofaktoren für Europa. Der größte sei der bisherige Transit von russischem Gas durch die Ukraine. Sollten die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über ein neues Transitabkommen scheitern, müsste sich Europa Gas über andere Routen besorgen.
Hier wird es politisch. Kritiker von Nord Stream sehen in der neuen Pipeline explizit einen Versuch Russlands, die Ukraine zu umgehen. „Der Marktanteil des russischen Gases ist auf einem Allzeithoch“, gibt IEA-Experte Varro zu bedenken. Trotz der politischen Auseinandersetzungen zwischen der Europäischen Union und Russland in den vergangenen zwei Jahren habe Gazprom noch nie so viel Gas nach Europa exportiert wie heute. „Es gibt einen völligen Widerspruch zwischen der europäischen Außenpolitik und den Gasexporten aus Russland“, sagt Varro.
Die Unterstützer von Nord Stream 2 rechtfertigen dagegen genau mit den Spannungen die neue Pipeline: Europa müsse im eigenen Interesse auf eine verlässliche Route pochen. „Wir Europäer müssen unsere eigenen Interessen im Blick haben“, sagt etwa Wintershall-Chef Mario Mehren, „für uns ist es gut, wenn das Gas aus verschiedensten Routen zu uns kommt, dann bekommen wir keine Probleme, wenn eine Leitung mal ausfällt.“ Und OMV-Chef Rainer Seele warnt vor einer „Politisierung eines wirtschaftliches Projektes zur Erhöhung der Versorgungssicherheit in Europa“. „Wir Europäer brauchen eine Diversifizierung der Importwege für russisches Gas. Gazprom hat uns im Spätwinter durch Zusatzlieferungen geholfen", betont Seele: „Jede neue Pipeline erhöht die Liquidität für den Gasmarkt in Europa und senkt potenziell die Preise durch höheres Angebot.“
Aber nicht nur die Ukraine fürchtet, von Russland umgangen zu werden. Die Sorge hat auch Polen, durch das eine zweite Leitung mit russischem Gas fließt. Polen macht bei der Europäischen Union gegen das neue Projekt Stimmung und hat im vergangenen Jahr schon einen Teilerfolg erzielt. Polen blockierte das Konsortium, mit dem Gazprom bei Nord Stream 2 europäische Partner einbinden wollte: Wintershall und Uniper aus Deutschland, OMV aus Österreich, Engie aus Frankreich und den britisch-niederländischen Shell-Konzern. Das Konsortium wurde wegen Widerständen bei der kartellrechtlichen Prüfung in Polen aufgelöst.
Nord Stream und Gazprom lassen sich davon aber nicht abhalten und treiben jetzt das Projekt alleine voran. Sie bestellten schon die Rohre und sicherten sich die nötigen Verlegeschiffe. Bei der laufenden Genehmigung darf Polen zwar im Rahmen der internationalen Konsultationen über grenzüberschreitende Umweltauswirkungen Bedenken anmerken, eine formale Genehmigung benötigt Nord Stream von Polen aber nicht.
Parallel arbeitet Gazprom zudem weiter daran, die westlichen Partner über eine andere Konstruktion an der Finanzierung des Milliardenprojekts zu beteiligen. „Das europäische Konsortium wird noch im Jahr 2017 eine finale Entscheidung über Nord Stream 2 treffen“, sagt OMV-Chef Seele.