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Coronakrise Ex-Tui-Chef Frenzel fordert Gutscheinlösung – „Sonst erhält der Kunde womöglich nichts“

Für seinen Vorstoß erhält Frenzel viel Kritik. Im Interview spricht der Präsident des Verbands der Tourismuswirtschaft über die Lösung und die Zeit nach Corona.
08.04.2020 - 09:25 Uhr Kommentieren
Ohne Gutscheinlösung drohen laut dem Manager massenhafte Insolvenzen. Quelle: BTW
Michael Frenzel

Ohne Gutscheinlösung drohen laut dem Manager massenhafte Insolvenzen.

(Foto: BTW)

Düsseldorf Ex-Tui-Chef und Tourismusverbandspräsident Michael Frenzel warnt vor einem Kollaps der deutschen Tourismusindustrie, falls es nicht zur Einführung der umstrittenen Gutscheinlösung kommt.

Weil den meisten Reiseveranstaltern die Liquidität ausgehe, blieben nach der Coronakrise voraussichtlich nur noch Großkonzerne und Onlineanbieter übrig, schätzt er.

Gemeinsam mit anderen Vertretern der Politik drängt der von Frenzel geführte Bundesverband der Tourismuswirtschaft darauf, dass Buchungskunden statt ihrer Anzahlungen lediglich Gutschriften zurückerhalten sollen. Der Vorstoß, den auch die Bundesregierung unterstützt, muss von Brüssel allerdings genehmigt werden.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Frenzel, von Stornierungen betroffene Urlauber sollen sich jetzt mit Gutscheinen begnügen, statt ihre Anzahlungen zurückzuerhalten. Auch Ihr Tourismusverband BTW hat sich dafür bei der Bundesregierung stark gemacht. Ist die Lage der Reiseveranstalter derart kritisch?
Ja, uneingeschränkt. Wenn eine solche Gutscheinlösung nicht kommt, drohen massenhaft Insolvenzen – und zwar quer durch die Branche. Wir haben in Deutschland fast 2000 Reiseveranstalter, kleine, mittlere und große. Allein für die Reisen, die bis Ostern aufgrund der weltweiten Reisesperre abgesagt sind, werden rund 4,5 Milliarden Euro an Rückzahlungen fällig. Das Geld ist aber nicht da, weil die Veranstalter ihre Lieferanten – Hotels im Ausland oder die Airlines – bereits bezahlt haben, die nun jedoch eigene Probleme haben.

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    Das Bürgerliche Gesetzbuch, unter dessen Schutz Urlauber ihre Pauschalreisen anzahlten, müsste dazu rückwirkend geändert werden. Folgt der Gesundheitskrise in Deutschland nun die Rechtskrise?
    Es geht ja nicht um eine dauerhafte Veränderung, sondern um eine zeitlich begrenzte Aussetzung. Auch andere EU-Länder wie Italien, Spanien, Holland, Belgien, Polen oder Griechenland haben schon eine solche Gutscheinlösung. Kommt sie nicht in Deutschland, kann man in einem zweiten Schritt nicht mehr über eine Zukunftslösung für die Branche reden.

    Das wäre eine Rettung auf Kosten der Verbraucher. Haben die nicht ihre eigenen Probleme?
    Auch unter Verbrauchergesichtspunkten halte ich dies für die vernünftigste Lösung. Wenn die Liquidität, wie jetzt die Rechtslage ist, voll ausgezahlt werden muss, werden sich am Ende viele Unternehmen strecken. Dann erhält der Kunde womöglich gar nichts. Denn die vorhandenen Insolvenzabsicherungen reichen in Deutschland aktuell nur für rund 330 Millionen Euro – bei angezahlten Geldern in Höhe von 4,5 Milliarden Euro allein für die bis nach Ostern stornierten Reisen...

    ...weil die Bundesregierung nach der Thomas-Cook-Pleite bis heute keine Komplettabsicherung hinbekommen hat, wie sie die EU fordert.

    Die Bundesregierung hat nun aber einen Grundsatzbeschluss gefasst, den sie in Brüssel vorgelegt hat. Danach sollen die Gutscheine staatlich abgesichert werden. Zudem wird über eine Härtefallklausel diskutiert, sodass es bei Bedürftigen dann doch Cash statt Gutschein gibt.

    Ein Leser schrieb uns: „Ich werde mit Sicherheit nie wieder eine Reise buchen.“ Ist die Gutscheinlösung nach den Turbulenzen der Cook-Pleite vor sechs Monaten nun endgültig der Sargnagel für die Pauschalreise?
    Nein. Es trifft ja nicht nur die Pauschalreise, sondern beispielsweise auch Flugbuchungen. Wenn man sich die Rückholaktionen der Veranstalter und Airlines anschaut, von denen Zehntausende Urlauber profitiert haben, dann waren das in erster Linie Pauschaltouristen. Insofern hat sich die Pauschalreise gerade in dieser Krise bewährt.

    Viele Urlaubskonzerne holen sich soeben bei kleinen Reisebüros Provisionen für Buchungen zurück, die storniert wurden. Die Anzahlungen der Urlauber aber behalten sie. Geht der Trend zum Faustrecht?

    Nein. Eine große Reihe von Veranstaltern hat jetzt angekündigt, dass sie die Provisionen nicht zurückbuchen. Hier hilft die Gutscheinlösung. Denn mit diesen Gutschriften besteht ja eine Reisebuchung, und damit wird dann auch die Provision möglich.

    Küstenländer wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verwehren selbst deutschen Gästen nun die Einreise. Haben Sie Verständnis?
    Der Schutz der Gesundheit geht vor, ganz klar. Wir müssen aber zu einer Einheitlichkeit der Regelungen kommen. Außerdem müssen wir uns überlegen, wie der Shutdown – wenn die Infektionszahlen abnehmen – stufenweise zu lockern sein wird.

    Dorint, 25hours und andere Hotels werben um Kunden, indem sie ihre Zimmer als Homeoffice anbieten. Rettet sie das?
    Es ist eine interessante und gute Idee. Aber wenn ich mir die gesamte Hotellandschaft anschaue, insbesondere in den Feriengebieten, dann ist das sicherlich nur eine punktuelle Lösung. Die Leute kommen ja gar nicht nach Mecklenburg-Vorpommern oder Sylt, um dort die Hotelzimmer als Homeoffice zu nutzen.

    Reicht das staatliche Unterstützungsprogramm in Ihren Augen aus, um die Reisebranche für einen Neustart nach Corona zu erhalten?
    Die wichtigste Unterstützung wäre eine Genehmigung aus Brüssel für die Gutscheinlösung, weil damit die Liquidität im System bleibt.

    Und sonst?
    Es gab bislang bei der Förderung eine Lücke zwischen den Unternehmen, die bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigen, und denen mit mehr als 249 Arbeitnehmern und 50 Millionen Euro Umsatz. In diese Lücke fallen viele Touristikunternehmen. Es zeigt sich zudem, dass die Banken, die bei KfW-Krediten für zehn bis 20 Prozent der Summe bürgen müssen, kaum einzulösende Bonitätsanforderungen stellen. Deshalb müssen auch Firmen mit zehn bis 249 Mitarbeitern in den Genuss von Soforthilfeprogrammen kommen. Insofern begrüße ich sehr, dass die am Montag beschlossenen Maßnahmen die Kreditaufnahme gerade für die kleineren mittelständischen Unternehmen sehr erleichtern.

    Wie wird die Corona-Epidemie die deutsche Tourismus-Landschaft verändern?
    Bleiben die Hilfen insbesondere für den Mittelstand und die Gutscheinlösungen aus, wird der Tourismus künftig in Deutschland nur noch von Onlinern und Großkonzernen dominiert. Das kann nicht im Interesse der Reisenden sein, und auch nicht im Interesse der Industrie.

    Herr Frenzel, danke für das Interview.

    Mehr: Zwangsgutschein statt Geld zurück: Reise- und Eventfirmen dürfen auf Liquidität hoffen

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